Radsportgedicht


Paris, 20. Juli 2018
vorgeschobenes Wochenende
nach Mitternacht bei Bier

Lukas,
aus gegebenem Anlass unterbreche ich unsere Konversation und widme ein paar Worte, hinaus in das französische Land, wo im Kampfgeist erprobt, Sportler ihre Träume wagen:

HIMMELHOCH HINAUF
… Ewartungsspannung vor den Endgeräten. Sommerwetter egal, denn man sieht sie treten. Gespannt fliegen die Augen mit den Fahrern über den Hang, spürt es, der entscheidende Angriff naht. Gleich, noch einen Moment. JETZT, noch nicht.

Die Tour, sie rollt durch das Land, Berg- und Talfahrten, das Fahrerfeld gegen den Wind, giert nach Schatten, im Rausch vom Sprints auf Flachetappen.
Das Warten nimmt kein Ende, der Krimi baut sich auf. Der Zug schiebt sich durch das Gelände, schlängelt durch das Land, auf der Suche nach der Wende
und kaum schaut die Kamera das Fahrerfeld hinunter, entwischt ein Angriff auf Gelb den Verfolgern. Schnitt, zurück an die Spitze. Rund wie ein Laufrad schiebt die Körpermechanik den Radlauf. Was ein herrlicher Anblick, auf dem Weg in die Bücher, hinauf zur nächsten Gipfelankunft, zwischen Vernunft und waghalsiger Leistungskunst. Unter Freudenqualen seine Gegner final zu schlagen, hinterlässt der Angreifer Gesichter vom Schmerz entleert. Dort reicht es noch, nein, nicht mehr für einen Konter.

Hinterher. Vom Straßenrand sprüht Kraft in die zweibeinigen Trikotträger. Wo Fans unbeirrt brüllen und schreien, verrückt geworden von der kapitaltreibenden Werbekarawane. Der Berg bebt. Die fahnenschwingende, extatische Masse zieht sich zu, entlang mythischer Serpentinen.

Das ist ungesehen. Das ist nie erlebt, ruft der selbst schon legendäre Kommentartor seinem Eindruck hinterher. Mit welch faszinierender Energie sich die Fahrer dem Gipfel nähern. Alles zerrt an allem. Die Muskelkraft, dass das Blut durch den Kreislauf kracht. Der Mensch am Material. Das Material unter der Sonne, die erbarmungslos den Wettkampf prüft.
Nur noch wenige Kilometer. Die letzte Chance der Verfolger verdampft auf dem glühenden Untergrund französischer Gebirgsgestalt.

Weit abgeschlagen, irgendwo am Rande der Karenzzeit, durch die Hitze auf dem Asphalt bald festgeklebt, wo die Sprinter noch träumen, vom Siegel der Tour und dem Gewinn des Massensprints auf dem berühmtesten Pflaster der Welt. Flachetappenschergewichte, berühmte Sprinter, vorgesehen für den letzten Streich auf dem Champs Elysees.

Doch die Tour, sie währt lang, ein nicht endender Roman. Die Umstehenden sehen in Augenpaare, des Sportlers größten Tage. Sie träumen, entlang der Strecke, in ihren Fahrradkellern, auf dem Weg durch die Stadt, Ampelphasen platt gemacht, proben ihre Kraft am Sonntagnachmittag, fliegen motiviert über Landstraßen und tragen die Trikots ihrer Helden, die ihren Platz gefunden haben.

Es ist und bleibt die Erwartung, die uns alle treibt, diese zu schlagen und freihändig über dem Lenker das selbstgeschaffte Heldentum, mit ausgestreckten Armen gen Himmel zu tragen.

In diesem Sinne,
Hau rein in die Pedalen!

PS: Meine Antwort auf deinen Beitrag kommt bestimmt.

Sturm


Berlin, Mittwoch 18. Juli
Ein betrübter Sommernachtstraum

Lieber Jacob,

was war das für eine Überraschung dich vor Kurzem in Berlin zu sehen. Ich weiß noch genau, es war Donnerstagnacht, ich tanzte gerade auf einer Party – berauscht von drückender, schwüler Klub-Luft, dem klirrend-kalten Campari-Soda und dem Wumms auf meinen Ohren, als mein Handy vibrierte: „Flughafeneuropa hat einen neuen Beitrag veröffentlicht“. So stand ich da, leicht wankend auf der Tanzfläche und las – ein Auge zusammengedrückt – deinen letzten Satz. „Ich wollte nur noch nach Berlin, in die Heimat, Familie und Freunde überraschen. Da bin ich angekommen, also lass uns grüßen und Bier trinken, jetzt.“

Danke Jacob, für diesen zauberhaften Moment.

Vergangenes Wochenende habe ich meinen ersten Shitstorm … – ja was sagt man denn – ausgelöst? Kassiert? Erlebt? Nun gut, eigentlich ein Shitstörmchen, aber trotzdem, es war spannend und beängstigend zugleich zu sehen, wie schnell sich Dinge im Internet verselbstständigen. Wie leicht man unüberlegt was „raushaut“ und schwupps, sieht man seine Felle davonschwimmen.

Es war Freitagabend, Alissia und ich kamen von einem gemeinsamen Freund zurück – er hatte zum Wein trinken auf seine Dachterrasse eingeladen (ein bisschen Neid ist an dieser Stelle ok, aber nicht zu viel, weil: Friedrichshain). Während dem Zähneputzen wischte ich beiläufig die Twitter-Timeline runter. Einmal Weltuntergang als Betthupferl bitte.

Kurz hinter der Kreuzung, wo Empörung auf Aufschrei trifft, ungefähr auf Höhe Beleidigung, aber noch vor der Auffahrt in Richtung Zynismus – der normale Twitter-Wahnsinn eben – entdeckte ich 240 Zeichen Hass von Robert Timm (@schinkel_ib). Robert ist Regionalleiter der Identitären Bewegung Berlin-Brandenburg und beschreibt sich in seinem Profil als „Ethno-Dschihadist“. Ja, super lustiger Typ, der liebe Robert. Ein Anhänger ethnopluralistisch-kulturrassistischen Gedankenguts mit knapp 4.500 Followern.

In seinem Tweet ging es um Dschamal M., den 23-jährigen abgeschobenen Afghanen, der sich nach seiner Rückkehr in Kabul erhängt hat.

@schinkel_ib: „Mahnwache für einen rechtskräftig wegen Diebstahls, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilten und abgeschobenen Migranten? Kann man machen, kann man aber auch lassen.“

Zwischen Mundspülung und Gesichtwaschen kommentierte ich: 

@LukasKrombholz:„Hi Robert, werde ggf – inshallah – mal eine Mahnwache halten für dich. Jemanden der Menschenrechte mit Füßen tritt. Kuss“

Mehr Liebe auf dieser Welt und alles wäre gut verfickte Scheiße – dachte ich idealistisch-versauter Trottel noch. Und dann: Flugmodus ein, Licht aus. Schlafen. Am nächsten Morgen hatte mir Robert geantwortet. Nicht als Kommentar. Er hatte meine Antwort auf seinen Post retweetet. Überschrieben mit:

@schinkel_ib: „Cool. Jetzt wünschen mir Journalisten schon den Tod. #lifegoals“
(42 „Gefällt mir“-Angaben, 9 Retweets, 7 Kommentare)

Ich hab mir so doll in den Arsch gebissen, Jacob. Erstens weil ich ihm natürlich nicht den Tod wünsche, aber meine Formulierung ihm erlaubt hat, genau das zu behaupten. Und zweitens, weil er nicht die Privatperson Lukas attackierte, sondern den Journalisten. Und ja, zugegeben: Als ein solcher schreibt man so einen Kommentar, wie ich ihn abgegeben habe, nicht. Unter den Retweets von Roberts Beitrag verlinkten zahlreiche User meinen Arbeitgeber @welt, meinen Chefredakteur @ulfposh oder @asakademie mit dem Hinweis, ob sie denn wüssten, dass einer ihrer Journalisten „Todesdrohungen gegen Andersdenkende äußern würde.“

Zum ersten Mal wurde mir klar, warum Menschen auf Twitter in ihr Profil schreiben „Hier privat“ (Was ich generell für total bescheuert halte – schließlich ist doch Arbeits-Max-Mustermann und Privat-Max-Mustermann ein und die selbe Person und überhaupt: Dann protze halt nicht öffentlich mit deinem achsogeilen Job, Max.)

Taktisch war es ein guter Schachzug von Robert, mich genau da zu erwischen. In meinem Profil steht: „Team 23 @asakademie / Mann von @welt // moderiert ab und zu auf http://www.radio80k.de /// schreibt http://www.flughafeneuropa.de“

Und obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, versuchte ich nach dem Aufstehen – zwischen Mundspülung und Gesicht waschen – sogar noch eine Erklärung:

@LukasKrombholz: „Guten Morgen. „Eine Mahnwache ist eine friedliche Demonstration, bei der auf eine als gesellschaftlichen Missstand wahrgenommene Situation hingewiesen werden soll.“ – frei nach Wikipedia. Mehr hatte ich mit dir nicht vor“

Robert postwendend:

@schinkel_ib: „Bitte brech dir nicht die Arme beim zurückrudern“

Uff, der saß. Ich habe gelacht. Laut. Und so las ich also gutgelaunt das erste Mal in meinem Leben öffentliche Beleidigungen gegen mich.

@mormonthink: „Haha als würde irgendjemand diesen Waschlappen für voll nehmen. Geh doch ins Mittelmeer ertrinken!!“

Und mein Highlight:

@BobsonDugnutt9: „Wen interessiert so eine Wurst? Angehender „Journalist“ von der Axel-Springer-Akademie… Das wird mal ein durchschnittlicher foodora-Fahrer“

Während ich an diesem Brief sitze, scrolle ich Roberts Timeline runter. Er hat am 17. Juli ein Bild gepostet. Darauf zu sehen ist die Première Dame Frankreichs, Brigitte Macron. Hinter ihr steht Paul Pogba. Beide strecken lachend den WM-Pokal in die Höhe. Steve Mandanda, Frankreichs Ersatz-Keeper, blickt grinsend auf die Szene.

@schinkel_ib: „Macron etzala extrem angespannt.“

Mir ist so schlecht, Jacob. Denn es ist klar, was Robert zwischen den Zeilen meint: „Zwei schwarze Männer begaffen eine blonde, weiße Frau – Sie hat Angst, ….“

Viele Grüße nach Frankreich, lieber Jacob. Viele Grüße in das Land des Weltmeisters. Weltmeister, deren Eltern und Großeltern aus Afrika kommen oder dem arabischen Raum. Aus der Karibik oder aus Spanien.

Ich gehe jetzt Zähneputzen.
Und zwischen Mundspülung und Gesicht waschen:

Wird mir schon wieder etwas einfallen.

Dein Lukas

Die Geschichte eines Europäers


6. Juli 2018
auf dem Weg

Bonsoir Lukas,

Du Turiner, das stünde dir wunderbar. Auf einem Scooter und wiederhergewachsener Andrea-Pirlo-Gedächtnisfrisur einer windigen Story hinterher, der Jungjournalist, geschmackserprobt und offenherzig. Du solltest weiter mit dem Gedanken spielen, dem Europäischen: Europa, ein bunter Salat der Kulturen. Die Himmelsrichtungen liegen so nah beieinander. Deine Ankunft in Berlin muss doch ein ganz neuer Geschmack gewesen sein. Teilt München, deiner Heimat, nicht bald  mehr Gemeinsamkeiten mit Turin als mit Berlin, das ja weiter weg ist, fern von den Alpen?

Jeder sollte einmal im Ausland gelebt haben. Der Meinung bin ich, sich mit den Wehwehchen eines jeden Migranten herumgeplagt, Gastfreundschaft gespürt, die Sprache nicht verstanden und die Heimat vermisst haben. Also: Avanti, mach dich zum Europäer!

Ich habe kürzlich einen dieser Großen getroffen, einer von den vielen mir noch Unbekannten. Beim ersten Kontakt habe ich ihn als Lokallegende verspottet, als mir meine Oma davon erzählte. Mit der Familie fuhren wir anlässig ihres achtzigsten Geburtstages mit den Rädern durch das thüringische Eisenberger Mühltal (sie auf einem Elektrorad), sogenanntes Radwandern irgendwo bei Gera. Wir machten einen Abstecher zu seinem Denkmal. Ich dachte an etwas heroisches, etwas Rockyhaftes, oben auf einem Hügel oder so. Immerhin wurde er, Milo Barus im März 1930 zum stärksten Mann der Welt gekürt und das nicht irgendwo, sondern, ja genau, in Paris.

Barus war Weltmeister und Kraftakrobat. Seinen Titel verteidigte er rund um die Welt. Der Mann hat Pferde getragen, Straßenbahnen aus den Schienen gehoben. Straßenbahnen! Nach seinem sportlichen Kampf um die Welt schloss er sich den Revolutionären Sozialisten an um den Politischen gegen die Nazis anzunehmen. Die ihn jedoch fünf Jahre in Berliner Zuchthäuser steckten und zur Zwangsarbeit versklavten.

Sein Lebenskreis, nach einer Zirkuskarriere in der Nachkriegszeit, schloss sich im thüringischen Eisenberg, Mühltal, wo er als Wirt in der Menschleusmühle arbeitete. Da stand ich nun an seinem Grabstein und einer hölzernen Statue, unaufgeregt am Straßenrand, was ein großes Dasein verkörperte. Auf dem Stein stand Artist unter seinem bürgerlichen Namen Emil Bahr und ich stellte mir vor, nach weltweiter Karriere als Sportler und Zirkusheld, wie dieser in seinen letzten Jahren, er wurde nur 61 Jahre alt, da stand an der Schänke, in einer Zeit als Tourismus noch eine einmalige große Reise oder die Fahrt in die nächstgrößere Stadt bedeutet haben muss. Doch dieser Barus konnte von Paris erzählen, Buenos Aires, New York und Kairo. Ob er das auch getan hat? Ich weiß leider nichts über seinen Charakter. Das Museum an der Mühle war geschlossen und man konnte durch das Fenster nur ein paar Requisiten und Fotos von aktuellen Wettbewerben sehen, die nun in seinem Namen jährlich stattfinden. Aber irgendwie möchte ich mir nicht vorstellen, dass der stärkste Mann der Welt, ein Revolutionär, ein Angeber war.

Das ist und bleibt ein Traum, eine Herausforderungen , die entlegenen Ecken der Welt zu entdecken, wo man kein Tourist sein muss, sondern Abenteurer, auf den Spuren unserer Reiseväter, die Geheimnisse zu ernten, die immer in uns ruhen werden.

Einen Tag später saß ich im Regio und passierte Bitterfeld, dessen Name du, der frischgebräunte Turiner verspottet hast und kurz, da kam der Ossi in mir hoch, obwohl ich diesen nie wirklich in mir gehegt habe. Ich weiß auch nicht wieso. Ich habe mit Bitterfeld nichts am Hut, aber ich wollte etwas anderes sehen und dich berichtigen und der Zug hielt dort und ich schaute nach links und rechts, über den Bahnsteig in die Gesichter, hinter zu den Häuserreihen. Doch ich sah nichts. Einige Kilometer weiter stand ich in Roßlau (an der Elbe) und wartete auf meinen Anschlusszug und ich war nur froh weiterzufahren und nicht durch das Backsteingebäude hinein in dieses Kaff zu müssen, ganz gleich was sich dort verbarg. Es tat nicht mehr zur Sache.

Ich wollte nur noch nach Berlin, in die Heimat Familie und Freunde überraschen. Da bin ich angekommen, also lass uns grüßen und Bier trinken, jetzt.

Giacomo

Fernweh-Fieber


01. Juli 2018
Auf der Rückreise nach Berlin – Antonello Venditti im Ohr

Ciao Giacomo,

Mein Zug rollt durch Dunkeldeutschland, knallt übers Flachland zwischen Halle und Bitterfeld. Stell dir vor Jacob, gestern früh, direkt nach dem Aufstehen, war ich noch im Meer schwimmen …
Von Bella Italia und Dolce Vita ist nicht mehr viel übrig. Die Leute hier sehen so aus, wie Bitterfeld klingt. Bitterfeld. Was für ein beschissener Name. Inzwischen freue ich mich über meine Mitbringsel: Leichter Sonnenbrand und tausende Sandkörner im noch immer zusammengeknüllten Handtuch .

Ich bin so verknallt in Italien. Und besonders in Turin. Die Stadt ist so schön wie Mailand, nur ohne die Business-Futzis. Abends sitzen alle bis in die Puppen vor den kleinen Bars und Bistros – die Oliven gibts immer umsonst. Und wenn ich mal von einem Sommergewitter überrascht werde, dann husche ich im Schutz der zahlreichen Arkaden-Gänge im Trockenen nach Hause. Im Winter bin ich in einer Stunde auf der Skipiste – und im Sommer baller‘ ich die Autostrada Richtung Savona entlang, durch die Ausläufer der Seealpen bis ans Meer. Das Autofenster runtergekurbelt, den linken Arm lässig rausgehängt. Bis das Wummern des Fahrtwindes in den Ohren schmerzt, mein Gehirn ein einziges großes Rauschen ist und ich mir doch eine Klimaanlage in den alten Fiat Panda wünsche.

Ich bin dem Land „Farfalle“. Und den Menschen, die eine solche Lässigkeit und Unverkrampftheit ausstrahlen. Auf den Straßen gehts zu wie verrückt, aber glaubst du da hupt jemand?

In dem Zugabteil, in dem ich gerade sitze, gehen die Reservierungsanzeigen nicht. Mal wieder. „Das ist hier mein Platz, ich habe den reserviert“, wurde ich angeschnauzt. Ach Jacob, das ganze Abteil ist frei.

Und erst der Kaffee in Italien. Den Espresso für 1.20, den „Cappucco“ für 1.50. Nix Soya, nix „Moonlight Coldbrew“. Und vor allem kein lauwarmer Filterkaffee aus Pump-Thermoskannen. Jede Tankstelle, von Südtirol bis in den südlichsten Zipfel von Apulien, hat eine vernünftige Siebträgermaschine, mindestens zwei Baristas und braunen Zucker. Und Croissants mit Aprikosenmarmelade. Das sind meine Liebsten.

Ich glaube ich kann mir wirklich vorstellen, bald in Turin zu wohnen. Als junger deutscher Journalist, der plus-minus drei Wörter italienisch spricht, da bekomme ich doch bestimmt einen Job …

Der ZEIT-Journalist Lars Weisbrod schrieb mal auf twitter: „Deutsche wollen auch tolle Oma und Opa mit Geheimrezepten für die Soße wie italienische Nonna, aber unsere Großeltern haben Hitler zugejubelt und kochen scheiße.“

In diesem Sinne
A presto,
L

Demonstration


Paris, 10. Juni 2018
Am Küchenfenster in den Abend hinein

Lieber Lukas,

bleiben wir bei dem Thema Blase. Du hast es angedeutet, in unserem Aquarium zu sitzen und mit Freunden über die Welt zu philosophieren, ja das mag nach Parallelwelt klingen.
Wir müssten auf die Straße, demonstrieren, kämpfen.
Doch ich war nie wirklich jemand, der auf Demonstrationen gegangen ist. Meine Chronik hält sich also in Grenzen. Mit 14 Jahren protestierte ich mit der Schule gegen den Irakkrieg, auf der Straße des 17. Juni. Zwei Jahre später tanzte ich an gleicher Stelle für Liebe und Frieden auf der letzten Berliner Loveparade um die Siegessäule und während meines Studienaufenthaltes in Istanbul stand ich plötzlich im Tränengas der Geziproteste und lief mit den Massen.
Nie war ich Initiator, einer der Schüler, der die Klassen in Bewegung setzte. Ich war auch kein Jünger polygamer Hippiephilosophen oder Revolutionär, der sich gegen ein gesamtes System aufstellt.
Irgendwann fand ich zu bildungspolitischer Arbeit. Das entsprach mir eher, aber auch den Schülern, mit denen ich arbeitete, ist Demonstrieren häufig als erstes eingefallen, um etwas zu verändern, laut sein, Gesicht zeigen.

Vor einigen Jahren bin ich zum Berliner Adenauerplatz gefahren, hinterm Zoo, um mit meiner Kamera Fotos zu machen von den Demonstrationen des alljährlich stattfindenden Israelhasstages Al-Quds (dieses WE erst wieder gewesen).
Was ich durch meine Linse also beobachtete, war mehrheitlich Hass, der auf eine Gegendemonstration traf, die versuchte diesem irgendwie entgegenzuwirken. Selbst, wenn zwei Parteien an der Polizei vorbei, aufeinander trafen, war doch von konstruktivem Austausch nichts mehr übrig, sondern nur noch Geschrei.
Im Jahre 2007 hat es in Paris einmalig eine derartige Demo gegeben, die im Folgejahr verboten wurde.

Seit Anfang April jedoch streiken die französischen Eisenbahner und demonstrieren gegen einschneidende Reformvorhaben. Zu entfallen drohen unter anderem Anstellung auf Lebenszeit, verfrühte Rente mit 52 Jahren und kostenloser Transport für Familienangehörige. Für jeweils zwei Tage in der Woche legen die Bahner das Fernverkehrsnetz und den Regionalverkehr lahm.
Mit einer schon berüchtigten Aussage antwortete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf die Frage eines Journalisten von FOX News. Dieser wollte wissen, ob es die Möglichkeit gäbe, die Reformen noch zu umgehen. Macron erwiderte mit eiserner Miene: No Chance.
Das war zwei Wochen nach Beginn des Streiks, der noch bis Mitte Juni andauert.

Also warum demonstrieren gehen?
Ach ja, auch ich habe Berlin beobachtet, als die AfD einmal wieder versuchte Beton anzurühren und daraufhin in der ganzen Stadt Blumen und Trompeten aus dem Boden schossen.
Dieser Demonstrationsmoment ist ja auch immer die Chance das Stadtbild, die Gewohnheiten aus den Fugen zu heben. Plötzlich stehen Piratenschiffe auf der Spree und Menschen laufen dort, wo sonst Autos fahren.
Ich glaube meine letzte Demonstration, jetzt fällt es mir wieder ein, war mit dem Zentrum für politische Schönheit, als der Demonstrationszug schließlich die abgesperrte Reichstagswiese übernahm und sie in eine Grablandschaft verwandelte (auch schon wieder lange her).

Aber ja, das sind schon besondere Stadtmomente, Menschmomente, gerade das aktivistische, die Aktion selbst, die während einer Demonstration herbeigerufen wird, laut zu sein, Spuren zu hinterlassen, seinen Raum einzufordern, ihn zu nehmen, für den Moment, auf Dauer.

Ob das nun genug der Demonstration ist, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wie ich mit mir im Gericht stehe, wenn mein potenzielles Kind mich eines Tages anmacht, nur herumgesessen zu sein, ich gehe da etwas nervös an die Sache. Die Ursachen, warum wir nicht alle unsere Energie in die Gesellschaft investiert haben, sind wohl vielfältig – anderes Thema.

Hier in Paris erlebte ich die Journalistin Carolin Emcke auf einer Veranstaltung der Maison Heinrich Heine, wo sie ihr Buch Gegen den Hass vorstellte, noch gar nicht lange her und eine Zuhörerin fragte, wie man denn aus der Diskussionsblase mit seinen Freunde herauskäme, ob es überhaupt die Möglichkeit gäbe mit einem AfDler/ Rechten/ Verneiner im geeignetem Rahmen diskutieren zu können?
Da antwortete Emcke in die Herzen aller Zuhörer, man solle schlicht bei der eigenen Familie anfangen. Dort sei die Blase schnell verlassen.
Denke und Weltansichten nehmen wahrlich keinen Abstand vor dem Familienfrieden. Nun ja, wir haben sie alle und nur diese eine und jede Familie hat ihr eigenes Drama und doch muss man um sie kämpfen, um ihren Frieden und ihre Gesinnung, denn keines Falls will ich meine Familie dem Rechtspopulisten überlassen.

Guten Start in die nächste Woche!

Seifenblase


Berlin, am später werdenden Abend des 28. Mai im Café Dujardin

Hallo Jacob,

du hast deinen letzten Text „Nostalgiegefahr“ genannt. Ein schöner Titel für einen noch viel schöneren Brief. Überhaupt: Nostalgie – was für ein Wort. Ich glaube ich bin ziemlich nostalgisch. Wobei … Wenn ich jetzt definieren müsste, was Nostalgie bedeutet. Uff, keine Ahnung. Eine Mischung aus schwermütig, romantisch und gefühlsverliebt?

Deinen Tipp, öfter mal  einen Stift in die Hand zu nehmen klingt so verlockend. Und doch kann ich es nicht. Ich hasse meine Handschrift. Sie ist so kindisch. Die Bögen viel zu geschwungen. In der Grundschule war ich der Junge mit der schönsten Handschrift. Meine Lehrer lobten mich immer, für die „mädchenhafte“ Optik. Bis heute hat sich meine Schrift kaum verändert, was oft für – zugegeben – nett gemeinte Lacher führt. Ich werde es trotzdem versuchen. Auch, nein gerade weil man dann eben nicht in die Versuchung kommt Wörter zu schreiben und direkt wieder zu löschen.

Mir schwirren so viele Gedanken durch den Kopf und ich erwische mich dabei, wie ich wieder genau in diese Falle tippe. Schreiben, löschen, schreiben, löschen. Destruktivitäts- statt Nostalgiegefahr.

In deinem letzten Brief hast du mich gefragt, wie ich mich fühle, als Konsument und Mitgestalter der Medienwelt. In dieser „Blase“. Ein furchtbares Wort, das es aber doch so treffend beschreibt. Ich muss dann immer an den ersten Star-Wars-Teil denken. Ok ihr Nerds: Nicht an den ersten Teil, sondern die erste Episode. Schon klar.

Als die Druiden (ich begebe mich mit meinem stümperhaften Star-Wars-Wissen spätestens jetzt auf dünnstes Eis) den Planeten Naboo und das Volk der Gungan angreifen, kreieren der dümmlich-süße Jar Jar Binks und seine Freunde ein Schutzschild. Eine riesige Seifenblase. Bei jedem Einschuss der feindlichen Lasergeschütze, macht das Ding Geräusche: Doing, Ping, Pling.

Und der Schutzschild, dort wo er getroffen wurde, gibt nach. Ganz kurz nur. Dann federt er den Schuss elegant ab. Druckwellen tragen die Energie kreisförmig nach außen. Ähnlich einem Stein, den man ins Wasser wirft. Das Einschlagloch ein wabbeliges Leck-Mich-Am-Arsch-Epizentrum.

Mir geht es so ähnlich. Ich puste mit ganzer Kraft, aus den tiefsten Tiefen meiner Lunge eine Seifenblase als Schutzschild auf. Das Licht spiegelt und bricht sich darin und anstelle durch meine Blase hindurchblicken zu können, sehe ich Regenbogenfarbverläufe. Schmierig. Aber immerhin bunt.

Unser Freund Gregor hat mich vor längerer Zeit einmal gefragt, wann ich das letzte mal auf einer Demonstration war. Das geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Macht unsere Generation genug? Gehen wir noch auf die Straße? Kämpfen wir für unser freies Europa – ohne Nationalismus, Vorurteile und Fremdenhass?

Gestern wäre so ein Moment gewesen. Die Alternativlosen für Deutschland machten mal wieder deutschlandfähnchenwedelnd ihrem Ärger Luft. Und Berlin? Diese progressive, queere, feministische, antirassistische, inklusive bunte Stadt feierte. Ebenjene Werte. Extrem laut und noch viel bunter. Eine riesige Party. Liebe ist lauter als Hass.

Und ich? Ich war mit dem Rennrad unterwegs. Das ärgert mich gerade. Nein, auf keinen Fall wegen der verpassten Party – und seien wir ehrlich: für viele der über zwanzigtausend „Gegendemonstranten“ war es nichts anderes – sondern wegen der verpassten Chance, aus meinem Bequemlichkeitsgefängnis auszubrechen. Mich einmal zu überwinden, in dem Wissen, dass es eben nicht reicht, im Freundeskreis (unserer selbstgebastelten, verdammten Blase) von einer toleranten Welt zu träumen. Was für eine Utopie.

Jacob, wann warst du das letzte Mal für etwas demonstrieren? Oder sogar gegen etwas? Vor zwei Tagen habe ich Josef Schuster, den Zentralrat der Juden in Deutschland kennengelernt. Nicht nur hier, auch in Frankreich nehmen rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe zu. Wie erlebst du das in Paris?

Ich tippe diese Zeilen an einem kleinen, wackeligen Bistro-Tisch im Café Dujardin. Noch so ein toller Ort im Wedding, den ich dir gerne zeigen würde. Bei jedem Tastenanschlag schwappt das Bier in meinem Glas hin und her. Der Himmel zeigt stolz sein dunkelstes Blau und morgen früh, wenn ich auf dem Weg in die Arbeit bin, fahre ich wieder vorbei, an den kleinen Gärten und Parks, mit blassgrünem Rasen, der unter der drückenden Hitze leidet. Stell dir vor: Hier stehen momentan Sprinkleranlagen in den Gärten. Fast so wie im Süden.
Ich liebe das.

Sehr sogar.

Nostalgiegefahr


Paris, 17. Mai 2018

Sei gegrüßt Lukas,

ich habe deinen Text gelesen. Lukas ist eine Sie. Das war ein toller Lesemoment. Dann aber auch schon, als deine Worte ausgeklungen waren, dachte ich an meine Antwort. Was soll ich schreiben? Welchen Aufhänger sollte ich aus deinem Text herauspicken? Und auch, wenn ich es meide, darüber zu diskutieren für Selbstbeweihräucherung halte, mir das ganze irgendwie missfällt. Lukas, Schreiben auf Befehl, ja das geht. Dieser Text, diese Zeilen, wie sie hier entstehen, kommen auf Befehl. Ich befinde mich gerade in einer Übung, der Daumen schmerzt schon. Ich glaube, es liegt am Stift. Mit dem Sitze ich am Tisch und schreibe auf Papier. Ohne Unterlass, ohne den Stift abzusetzen, ohne anzuhalten. Ziel der Übung ist es, immer weiter zu schreiben, egal was kommt. Fünf Minuten, Wecker aus dem Blickfeld. Es…

…und das waren sie schon, fünf Minuten Schreibzwang. In drei Minuten habe ich den Brocken in Word transkribiert, die von dir erwähnte Leere angekratzt. Ich versuche es mir gemütlich zu machen, lege die Beine hoch und den Laptop auf den Schoß. Doch das Krankenhauslicht, das jede Wordseite ausstrahlt, macht mich richtig elend. Anderntags meide ich all die kreativitätssteigenderen Maßnahmen und stehe um sechs Uhr auf, um Gedanken aufzuschreiben oder gehe nach der Arbeit in die Bibliothèque Centre Pompidou und setze mich zwischen Studenten, die dort alle Reihen hinunter sitzen und Zahlen mit einer Sprache verbinden, von der ich nichts verstehe. Ich behaupte, es handelt sich um Mathematik. Dazwischen bin ich und versuche selbstbewusst an literarischen Texten zu arbeiten.
Vor dem Laptop starre ich auf Notizen, Absätze, gefertigte, unfertige und zusammenhangslose Textpassagen. Auf dem Bildschirm wirken sie wie in Stein gemeißelt und ich sitze da und versuche mit dem Fingernagel daran herumzufeilen. Es ist wirklich schmerzhaft.

Ich will keine Nostalgie verbreiten, aber ich bin mir sicher, jedes leere Computerblatt ist wie ein Knastloch, in das du hineinstarrst, das kein Licht reflektiert, sondern dich eingräbt und verschließt. Wohingegen ein weißes Papier, 3,8 Gramm, einen Raum öffnet, ein Schreibfenster. Dort kann ich anfangen, mit einem Wort, einem Satz, kann meinen Gedanken hinterherschreiben, drumherum kritzeln, die Ecken des Papiers anmalen, Geschriebenes nachzeichnen, noch einmal drübergehen, durchstreichen. Das alles ist Schreiben.

1993 hat die damals schon gut gealterte Marguerite Duras, eine der großen französischen Schreibflüchtigen, vor der Kamera des Regisseurs Benoit Jacquot über das Schreiben philosophiert. Dabei sagt sie so Sätze wie, ohne Zweifel keine Einsamkeit, ohne Einsamkeit kein Schreiben. Dies beginne bei ihr mit einem Fenster, einem bestimmten Tisch, den Gewohnheiten schwarzer Tinte, Spuren schwarzer seltener Tinte, einem Stuhl. Bestimmte Gewohnheiten finde sie immer wieder, wohin sie auch gehe, wo immer sie sei. Selbst an Orten, wo sie nicht schreibe, wie das Zimmer eines Hotels, die Gewohnheit immer Whisky in ihrem Koffer zu haben, bei Schlaflosigkeit oder plötzlicher Verzweiflung.

Jetzt glaubt mal einer, die sitzt da in ihrem immergleichen Weltraum, schaut in die Unendlichkeit und verkörpert ihr Dasein in gewaltig strahlenden Sätzen auf der Tastatur eines Macbook Pro, das luftstöhnend vor ihr steht und über die Sternbilder blendet.

Und was machen wir? Genau, wir sind die Blinden, die rückwärtsgewandt, aus der AI-IT-Welt zurück in die Natur gelangen wollen, vor dem heimischen Leuchtbildschirm, der uns müde macht, aber nicht einschlafen lässt, im Glaube hier sei das Universum zu finden. Wir machen es uns unnötig schwer und können uns aus diesem Gefängnis nicht befreien. Den ganzen Text hier tippe ich wie Minecraft am Computer zurecht, traue mich kaum mal einen Satz selbstbewusst zu Ende zu schreiben, geschweige denn stehen zu lassen – außer die ersten Zeilen, die waren in fünf Minuten auf dem Papier und da bleiben sie.

Ich habe das Gefühl, wir oder ich oder ein paar von uns, krabbeln gerade ein bisschen heraus aus unserem geliebten Internet und verstehen langsam, was mit uns geschehen ist, in dieser Blase, in den vergangenen Jahren. Wie fühlst du dich eigentlich so in der Medienwelt, als Konsument und Mitgestalter all dieser Strömungen und Netzwerke? Geht das jetzt für immer so?

Gute Nacht.

Rosen


Berlin, 12.05.18

Lieber Jacob,

Lothar Matthäus hat in einem Interview erzählt, vor zehn Jahren wäre er täglich auch mit dem Fahrrad zu 1860 gefahren, so gerne hätte er die Löwen damals trainiert. Ach, und wusstest du schon, dass Irina Shayk heute in Cannes zwar ein knallrotes Kleid, aber keine Unterwäsche trug?

Ich erzähle dir das, weil ich seit 30 Minuten an meinem Laptop sitze und nicht weiß, wie ich anfangen soll. Immer dann, wenn ich Abends in der Küche sitze, auf das weiße, unendlich leere Word-Dokument starre, fallen mir besonders dumme Sachen ein, die ich längst schon einmal googlen wollte. Wobei: Wie ich auf der Seite der Münchner Abendzeitung gelandet bin, weiß ich schon gar nicht mehr.

… und dieser dumme Cursor blinkt im Takt der Musik. Und das Dokument ist weiß und leer und die Schlieren erinnern mich daran, dass ich längst schon meinen Bildschirm putzen wollte. Aber stattdessen habe ich gerade Tupper-Boxen der Größe nach ineinander geschachtelt – wie Matroschkas, diese liebevoll angemalten russischen Holzpuppen.

Kannst du das, das Schreiben auf Befehl?

Ich war vorhin im Basalt, meiner Weddinger Lieblingsbar (da würde ich so gerne mal mit dir einen Whisky-Sour trinken) und da musste ich an Fabius denken, den ich jetzt, da ich umgezogen bin, nur noch ganz selten sehe. Als Alissia noch in Neukölln gewohnt hat, waren wir oft zusammen im Thelonious. Er ist dort Barkeeper. Und zwar der Allertollste!

Kennst du das Bild „Nighthawks“ von Edward Hopper? So habe ich mich bei ihm immer gefühlt. Alissia und ich, das Pärchen, das am Tresen sitzt. Er der Barkeeper, der auffällig unauffällig seinen Job macht.

Einen Abend bin ich länger geblieben. So lange, bis er von innen die Tür verriegelte und ich gleichzeitig ratternd die Rollos vor dem riesigen Fenster herabließ. Du kennst das – dieses erhabene Gefühl. Du darfst noch bleiben, während alle anderen gehen. Die Nacht gehört dir, die Bar gehört dir. Die Kerzen brennen nur noch für dich, weiter, immer weiter.

Während Fabius den Tresen putze, erzählte er mir, dass er jeden Abend eine Rose für seine Freundin kauft. Er kauft sie von einem der vielen indischen Rosenverkäufer, die durch die Neuköllner Bars ziehen und bei denen ich mich immer frage, wie zur Hölle sie Geld verdienen, weil ich nie jemand eine kaufen sehe. Und: ob es ziemlich süß, oder doch ziemlich peinlich wäre, wenn ich Alissia den ganzen Strauß schenken würde.

An jenem Abend standen in der Vase hinter dem Tresen mindestens 20 Rosen. Nein, Fabius musste sich für nichts entschuldigen, ganz im Gegenteil. Seine Katze war schwanger, die Babys würden noch in dieser Nacht kommen. Die Freundin alleine zu Hause, er damit beschäftigt, den Tresen zu schrubben. Beide von Minute zu Minute nervöser. Bing, ring, ding – eine Whatsapp-Nachricht nach der anderen. Weißt du, wie komplex eine Katzengeburt ist? Aber oho. Ziemlich. Wirklich wahr, ich weiß seit dieser Nacht alles darüber.

Gegen drei Uhr wurde es ernst. Angeschwipst wie wir waren, wuselten wir zusammen durch den Laden. Teamwork in Perfektion: Er wischte die Tische, ich – zack – die Stühle drauf. Wisch, zack, wisch zack. Ok, einmal bestimmt unterbrochen vom Poltern eines herabfallenden Barhockers.

Fabius war schon halb im Taxi verschwunden, als er sich umdrehte. „Danke für deine Hilfe Lukas. Ich benenne eine Katze nach dir.“ Das Taxi ballerte die Weserstraße runter, ich blieb noch einen Augenblick stehen.

Ich habe Fabius vor kurzem wiedergesehen. Ich war zufällig in der Gegend. Der Platz, an dem ich im Thelonious früher immer saß war frei. Er hat damals tatsächlich ein Katzen-Baby Lukas genannt.

Lukas ist eine sie.

Was ist jung?


Paris, 26. April 2018

Hallo Lukas,

Es ist schon seltsam mit diesem Jungsein. Wenn ich zurückdenke an die Kindheit, dann ist das schon eine Weile her. FIFA 2005 ist verdammt lange her. Doch heute, 2018, wenn ich mit dem Fahrrad durch die City knalle oder mit meiner Freundin durch die Wohnung tanze, dann könnte ich mich mit einem Kind verwechseln.
Wenn ich an meine Eltern denke, habe ich den Eindruck, die fühlen sich bald jünger als ich. Selbst meine Großeltern sind ziemlich dynamisch unterwegs und die denken nur noch in Jahrzehnten.

Was also heißt Jungsein? Da fällt mit zuerst die Teenagerzeit ein. Wir mussten verdammt stark sein. Ein Leben zwischen Eltern, Lehrern und Trainern, die immer alle wussten was richtig ist. Aus Trotz stürmten wir wie Hunde in das Halsband, flüchteten uns in irgendeinen Schlamassel, mit voller Überzeugung bis an das Ende der Leine.
Eines Tages schautest du dich um und der Stopper war weg. Du konntest hinrennen, wohin du wolltest, nach Berlin in die Bars, zum Flughafen, an das Ende deiner Welt und kaum hast du dich umgesehen, musstest du dich schon wieder entscheiden, ob du jung bleiben willst oder auf dem schnellsten Wege alterst – zu Hause bleibst, meckerst und herumsitzt.

Ich fühle mich gerade so mittelalt um ehrlich zu sein, aber selbst wenn ich kein Fußballprofi mehr werden kann oder Buchautor mit 23, Jungsein ist ja im Prinzip eine Eigenschaft, um die man sich kümmern kann und heißt ja nichts weiter als das Leben über sich ausschütten, egal was da kommt. Vielleicht werden deshalb die Jungen immer älter, die Alten immer jünger. Es nützt ja nichts irgendeinem Scheiß hinterherzurennen und mit 50 in die Midlifecrisis. Dann lieber langsam, das hat unsere Generation schonmal einigermaßen verstanden, glaube ich.

Wohingegen wir das Gefühl Jungsein vielleicht erst mit den Jahren richtig verstehen lernen und vorher sogar alt denken.
Wie aus der Zeit gefallen Teenager doch sein können, wenn sie sich Familienplanung vorstellen. Obwohl wir alle Scheidungskinder sind, glauben die immer noch an Echte Liebe – die gibt es ja bekanntlich nur beim Fußball.
Dagegen war es meine Großmutter, die mir erst den Unterschied zwischen Tablet und Surface erklärte, als dies auf den Markt kam, um dann festzuhalten, man müsse zwar nicht jeden Trend mitmachen, jedoch durchaus mit der Zeit gehen, um zu wissen womit sich die Jugend so beschäftige, schon klar.

Um deine Beobachtung zu beantworten, auch ich fühle mich hoffnungslos überaltert, wenn ich Fußball schaue, zumal der Kicker alles verkörpert wonach wir streben sollen: Erfolg, Anerkennung, Vorbildfunktion, geile Autos und dabei auch noch aussehen wie Anfang 30.
Doch als ich letztens zu teure Uhren in der Galerie Lafayette anschaute und mich der Verkäufer fragte, was er für mich tun könne, antwortete ich nur, dass die Uhren nicht meiner Preisklasse entsprächen. Er blieb charmant, das Lafayette gäbe es schon seit über einhundert Jahren, sagte er, die zehn Jahre könne das Haus auch noch auf mich warten, bis ich das nötige Geld verdient hätte. Ein besseres Versprechen konnte er mir nicht machen.

Ich fühlte mich wie neu geboren.
Cheers!

Jacob

Die Neuentdeckung der Langsamkeit


Berlin, 22.04.2018

Lieber Jacob,

ich hatte als Kind nie eine Spielkonsole. Wir hatten lange Zeit nicht einmal einen Fernseher. Manchmal aber, wenn ich Glück hatte, lieh mir mein Nachbarsfreund Max seinen Gameboy Color. Max hatte das durchsichtige Modell. Das wo man die Drähte, Platinen und Chips sehen konnte. Nur eine Bildschirmbeleuchtung hatte das Ding nicht. Und so spielte ich nachts heimlich unter der Bettdecke Pokémon oder Tetris – die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt.

Wenn ich nach der Schule bei Freunden war, wollte ich Computerspielen. Aber nicht selber. Ich wollte zuschauen. Ich war eines dieser Kids, die wenn sie dann doch mal den Controller in der Hand hatten, immer die Bewegungen der Avatare mitmachten. Spielte ich ein Autorennen, so legte ich meinen Kopf in den Kurven zur Seite, zockte ich FIFA, so zuckte mein rechtes Bein bei jedem Schuss.

Mein bester Freund und ich, wir – also ja, meistens er – verbrachten einen ganzen Sommer damit FIFA 2005 zu spielen. Auf dem Cover waren Patrick Viera und Andrij Schewtschenko und unser Lieblingsverein war der FC Valencia. Was für ein Wappen. Eine Fledermaus im Emblem.
Der Star des Teams war Pablo César Aimar, dessen lange, wallende Haare in dem Spiel so schlecht animiert waren, dass ich bei der Erinnerung daran gerade ziemlich doll grinsen muss. Keine Farbverläufe, keine Bewegung, nichts. Ein einförmiges braunes Prinz-Eisenherz-Gedächtnis-Toupet.

Ich dürfte damals so um die 12 Jahre alt gewesen sein und war eigentlich deutlich cooler, als es die vorherigen Absätze vermuten lassen. Ich wollte nicht Fußballprofi werden, nicht so richtig jedenfalls (Ich glaube mein Traumjob damals war Tim und Struppi). Wobei ich mir heimlich doch ein klein wenig wünschte, später einmal Freistöße so frech in die Winkel zu schlenzen wie Pablo César Aimar.

Bei mir änderte sich einiges. Ich hörte auf, heimlich unter der Decke Gameboy zu spielen, küsste das erste Mal eine Frau und machte meinen Führerschein. Nur die Kicker, die blieben immer gleich jung. Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, als ich das erste Mal ein Fußballspiel sah, in dem jemand auf dem Platz stand, der jünger war als ich. Fußball konfrontiert Männer das erste Mal in ihrem Leben damit, dass sie älter werden, oder?

Ich bin letzte Woche über ein Buch von Jack Urwin gestolpert. „Boys Don`t Cry“ heißt das. Darin setzt er sich mit den Anfängen und Problemen moderner Männlichkeit auseinander. Aber darum soll es nicht gehen. Nicht jetzt. Aber super Thema!

Jack Urwin war verdammt noch mal 23, als er dieses Buch geschrieben hat. Dreiundzwanzig, verstehst du? Jünger als ich jetzt. Ich habe so lange gedacht, dass ich noch viel Zeit habe. Dass ich jung bin. Dass irgendwann … ach irgendwann, was für ein Mist. Nicht, dass ich mit 23 ein Buch hätte schreiben wollen. Aber verstehst du was ich meine? Ich habe mich wieder ein kleines bisschen so gefühlt wie damals, als der 17-jährige Lukas vor dem Fernseher saß und der 17-jährige Julian Draxler sein Profidebüt feierte. Beide Jahrgang `93.

Aber hey: Es ist 2018 und wir starten einen Blog. Vielleicht sind wir einfach gerne ein paar Jahre hinterher.

Viele Grüße nach Paris, je t’embrasse.

Lukas