„Hallo, bin ich verbunden mit Europa?“


Berlin, am Abend des 06. November 2018,
links Erdnüsse, rechts Ingwertee. Laptop dazwischen.

Jacomo,

die Schale mit den Erdnussschalen ist schon halb gefüllt, ehe ich die ersten Zeichen in die Tastatur kloppe. Es gibt eine Bar, nicht weit vom Kiez in Hamburg, da stellen sie einem immer eine Schale Erdnüsse auf den Tisch – auch um vier Uhr morgens. Und alle, wirklich alle schmeißen die Schalen samt den goldbraunen hauchdünnen Häuten (die, die immer am Gaumen kleben), den zerplatzten Erdnuss-Krümeln, ja einfach alles auf den Boden. Und je länger der Abend dauert, desto schöner knirscht es unter den Schuhen. Und nach Hause sollte man eigentlich erst, wenn man den schlichten Estrich nicht mehr sieht und die Stuhlbeine der Barhocker wie große stählerne Bohrinseln aus den Nuss-Wogen ragen. (Was einem dann natürlich noch viel mehr das Gefühl vermittelt, jetzt erst recht nicht gehen zu wollen. Nein, zu können!)

War der Australier den du verabschiedet hast der Freund, mit dem du dich immer auf einen Kaffee getroffen hast, um dann irgendwann, vertieft ins Gespräch, unbewusst auf Bier umzusteigen? Das würde mir noch mehr leidtun, als es das eh schon tut. Das klang einfach so verdammt gut. So unkompliziert und ehrlich. Und ich hatte das Gefühl, es bedeutet dir viel.

Schon komisch, Abschiede. Ich bin da glaube ich ziemlich schlecht drin. Selten gemacht. Ach du verfluchtes Berlin: Alle kommen, keiner geht. Ich glaube, als ich nach Berlin zog, 2014, da habe ich nicht einmal eine Abschiedsparty für meine Freunde gemacht. Oder doch? Wenn ja, bestimmt organisiert von meiner damaligen Freundin. Abschied, Schluss machen. Konnte ich auch nie. Ich wurde immer Schluss gemacht. Und als mein Opa starb, war ich nicht in München, nicht einmal in Deutschland …

Moment: Haben wir zwei uns eigentlich verabschiedet, als du nach Paris auszogst?

Ich habe eine Aufgabe für uns und hoffe sie gefällt dir:
Vergangenes Wochenende in Turin, Alissia und ich waren mit Freunden Abends unterwegs. Einer hatte einen Europa-Pulli an. Sehr hippes Ding. Strahlendes EU-Blau, vorne die Sterne auf der Brust. Aber einer fehlt. Klar: Great Fucking Brexit. Der britische Stern ist auf dem Rücken. Und über dem verwaisten, einsamen Stern steht gelb auf blau

call EU hotline
+800 678 910 11
free of charge!

Die Nummer gibt es, sie steht auch auf europa.eu (Schade, dass die Domain schon vergeben war, oder?).
Aber das schönste: „in any official EU language“. In 24 Sprachen, mein lieber Scholli.

Lass uns da anrufen Jacob. Lass uns versuchen, jemanden ans Telefon zu bekommen, der vielleicht Lust hat auf ein bisschen Austausch. Uns von den Leuten erzählt, die da anrufen. Von sich. Was sind das für Leute, die bei der EU anrufen?

Du und ich?
Yours,
L*

PS: weekdays 09:00 – 18:00 CET only

Abschied der Beständigkeit


16. Oktober, zu Hause im Stillen,
nachdenklich

Sei gegrüßt Mr Luk,

heute habe ich einen Freund verabschiedet – also es gibt genau noch einen zweiten Einen hier in Paris. Dieser hat heute Geburtstag und Morgen ist er weg, zurück nach Australien.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste adieu sagen. Die Welt kam mir heute sehr groß vor. Also noch eher ich mir so klein. Unser Europa schrumpfte vor mir auf die Größe eines Unterhaltungsparks, wo ich für fünfzig Euro Flugtickets Pizza essen in Neapel, Shoppen in Mailand oder endlich mal Brügge sehen kann.

Ich frage mich, was verstehen wir eigentlich unter Europa? Kürzlich reiste ich quer durch Albanien und wie ich da so im Abseits herumhing mit Sonnenbrille, Hemd, Fotokamera und Touristenblick, hinein in die Häuser, in die Gesichter, in irgendwelchen Dörfern im Osten des Landes, wo wir herumwanderten, wo mehr Maultiere als Autos arbeiteten. Die Kleider, die Zähne, die Körperhaltungen der Bewohner sahen wirklich abgearbeitet aus, von Jahrzehnten, von Wintern und Handarbeit. Englisch war hier nicht mehr angesagt. Die Lebenswirklichkeiten, die dabei aufeinander trafen, die waren bald zu krass. Das war kaum mehr auszubalancieren, zu rechtfertigen. Das war kein Ort für Touristen, auch wenn es Herbergen gab, für ebendiese. Das schien mir nicht mehr die sorglose Einfachheit, die ich in den Albanischen Alpen beim Wandern kennenlernte, wo dieser schwarze Fleck von Unwissenheit und die klischeehafte Vorbelastung des Landes dahinschmolz.

Beim Ausblick auf den Prespasee, an dem Albanien mit Mazedonien und Griechenland grenzt, da kam ich mir schon sehr weit weg vor, wenn auch noch nicht ganz Australien und doch stehst du da und denkst, hey, das ist ja auch Europa hier. Wie bekomme ich denn Albanien in meinen Europabegriff eingebaut?
Wir reiten sonst immer auf den fetten Schiffen mit lauten Motoren: France, Deutschland, Great Fucking Brexit. Wer denkt da schon an Albanien? An welche Länder denkst du denn so bei Europa? Eigentlich ein schönes Stichwort für Vielfältigkeit, da jeder Bürger seine eigenen Verbindungen hat, durch Länderbeziehungen, Persönliche und Reisen.

Der Europäer unter uns, der die Überwindung von Nationen und die Einführung nachnationaler Demokratieprozesse, die Gestaltung eines Kontinents der Regionen als den einzigen vielversprechend langfristigen Weg für eine progressive Zukunft der Europäischen Union hält, so wie ich das von Robert Menasse in Der Europäische Landbote gelernt habe. Wer von sich behauptet, Europäer zu sein, wie du und ich, die Europa ihre Heimat nennen, die die Deutungshoheit des Kampfbegriffs Heimat nicht an andere abgegeben haben, an menschenfeindlich rechts. Wir, die in dem Wirrwarr zwischen Demokratie und Kapitalismusversagen unterscheiden können. Wir, die den Begriff Systemfrage verabscheuen, weil dieser ein Angriff auf unser Grundgesetz, auf Parlamentarismus ist. Wir, die Heimat als einen Ort, ein Gefühl verstehen, um das es sich zu kümmern gilt und kümmern als Behandlung verstehen, Entwicklung, Weiterführung, denn, wie wir aus vielen schlauen Büchern gelernt haben: alles Gute und Liebenswürdige ist unbeständig.

Die Freundschaft zu meinem Australischen Freund ist unbeständig, all meine Beziehungen, die ich in Berlin zurückgelassen habe, die zunehmend in Erinnerung abdriften. Mein Lebensentwurf zwingt mich zur Unbeständigkeit, mein Heimatverständnis, mein Europaverständnis, zu Zeiten von Flüchtlingsherausforderungen, wenn Grenzen geschlossen werden, mein Deutscher Pass, mit dem ich diese überwinden und als reicher Herkömmling zu den Ärmsten des Kontinents fliegen, sie beobachten und reiselustige Fotos schießen kann.

Das alles knallt auf meinen Horizont und ich begreife einmal mehr, was ich alles nicht verstehe und wie viele Fragen sich anhäufen. Es ist so leidig, wer alles zu wissen glaubt, anstatt zu unterscheiden versucht.
Doch wie verkauft man Unbeständigkeit als Versprechen, wenn alle Sicherheit wollen? Wir sind es doch, die Unbeständigkeit in Person.

Blumen für die Liebe,
Jacob

Klartraum


Berlin, am späten Abend des 10. Oktober 2018
mit einer Schale Cini Minis vor dem Laptop,
obwohl eigentlich schon zu spät

Mein Freund,

ich schnaufe durch gerade. Und entspanne mich. Einatmen, ausatmen.
In deinem letzten Brief hast du gefragt, ob Berlin nicht die perfekte Geschwindigkeit hat. Momentan habe ich das Gefühl, alles rast – nur ich nicht.
Wobei mein Kopf schon. Und auch mein Herz, manchmal.

Ich habe die letzte Woche selten einen Gedanken zu fassen bekommen. Und ja, solche Tage gibt es, manchmal auch Wochen, aber es ist anstrengend und ich bin müde Jacob, so unendlich müde …

 

Lieber Jacob,

diese Zeilen habe ich am 21. September geschrieben. Ich saß im Zug nach München und versuchte dir zu schreiben. Offensichtlich erfolglos – bis heute Abend, als ich sie in den Notizen meines iPhones fand. Und mit ein wenig (dem nötigen) Abstand über mich lachen konnte. Über Lukas, den Träumer, den Tiefgründigkeit-Tiefseetaucher.

Lass mich einen zweiten Anlauf nehmen: Wie schnell ist Berlin unterwegs? Dein Wowitown, dein Spree-Athen. Was für schlimme Spitznamen Berlin hat oder? Dickes B. Ernsthaft?
An dieser Stelle un gros bisou in die „Stadt der Liebe“.

So, jetzt aber wirklich: Ich glaube Berlin macht, was es am besten kann. Sich nicht festlegen wollen. Mal rasen, dann schnarchen. Speed und Ketamin. Du hast dir die Antwort mit deinem Kaffee-Bier-Kumpel – eure wöchentlichen Runden klingen großartig – bereits gegeben. Wenn auch unbewusst. Ob lebendig sein nun Klarheit oder Rausch heißt, darauf konntet ihr euch nicht einigen. Aber ist das nicht die perfekte Beschreibung Berlins? Klar im Rausch, vernebelt in ihrer Klarheit. Und manchmal auch andersherum. Rauschen, was für ein geiles Wort.


Berlin, am frühen Morgen des 11. Oktober 2018
mit einer Schale Cini Minis vor dem Laptop,
05:30 – die Uhrzeit der Champions

Du hast mir gestern Abend geschrieben, es war kurz nach Mitternacht und ich saß mit Tee am Schreibtisch: „Ich sage dir, morning routine ist das geilste: Klarheit, lebendig sein. Wie Olli Schulz sagte: 5:30 Uhr ist die Uhrzeit der Champions! Wenn alle noch schlafen und du schon dasitzt und Kunst machst, Texte schreibst, lebst.“

Guten Morgen Jacob! Wobei, die Klarheit kommt erst langsam, der Motor läuft noch nicht ganz rund – die Zylinder noch kalt. Ich bin ein wenig überrascht von mir selbst. Überrascht, dass ich es durchgezogen habe, aufgestanden bin, kein Snoozen. Kein Aufwachen auf Zeit, das sich anfühlt wie Sterben auf Zeit. Mein Haus schläft. Ich habe den Kopf aus dem Fenster in die noch schwarze Nacht gestreckt. Kein Licht brennt, die Kaffeemaschinen schweigen noch. Nur die Flugzeuge aus Tegel rauschen (!) schon über mich hinweg.

Als ich gestern Abend meine Handy-Notizen durchblätterte, stolperte ich auch über einen Namen: Lior Michel Virot. Nur diesen Namen, mehr nicht. Und dann kam die Erinnerung zurück.

ICE. München – Berlin, Sonntagabend. Die Rückfahrt nach der Hinfahrt, die ich zu Beginn erwähnte. Das Herz leicht, oder zumindest leichter. Mir gegenüber saß er, saß Lior (oder Lior Michel?) und las eine Partitur. No shit! Ich erinnere mich nur verschwommen, wie er aussah (groß, dunkelhaarig, Typ Bär) dafür aber ganz genau an seine Stimme, kräftig und warm. Und eine Nuance zu laut.

Wir kamen ins Gespräch, als der Zug mehr als eine halbe Stunde Verspätung hatte und er mich bat, ihm die Durchsage des Schaffners zu übersetzen. Lior verpasste an diesem Abend seinen Anschlusszug nach Leipzig, was ihn ziemlich ankotzte, mehr noch als alle anderen Reisenden wahrscheinlich, weil er am nächsten Morgen ein Vorspielen beim Leipziger Gewandhausorchester hatte.

Lior ist ein junger Oboist, in Israel und der französischen Schweiz aufgewachsen. Er reist momentan durch Europa. Kreuz und quer von Orchester zu Orchester und hofft auf ein Engagement.

Ich habe ihm gestern Abend eine Nachricht geschrieben. No big deal: Instagram geöffnet, Namen gesucht, gefunden, geschrieben.
Ich fragte ihn, ob er es noch nach Leipzig geschafft habe, wie sein Auftritt war, ob er das Engagement bekommen habe. Ich wünschte mir es für ihn, sehr sogar. Ich hatte im Zug gespürt, wie wichtig ihm dieses eine Vorspielen war.  Und ein bisschen hoffte ich es auch für mich, als Happy-End dieser Geschichte.

Nach nicht einmal zehn Minuten, ich war gerade dabei die Wäsche abzuhängen und akkurat zu falten (was man halt so macht, wenn man zwar Schreiben will, aber noch nicht genau weiß was und wie), kam seine Antwort:

„Hello man, it was ok. But we were 30 people and no one passed the first round. So next time I guess. But its ok. Its part of the experience.“

Der anbrechende Tag lässt sich nicht weiter aufhalten, hat die Dunkelheit längst verdrängt und stülpt sich nass und grau über die Stadt.
Es war wunderbar, so früh am Schreibtisch zu sitzen, zu denken. Mit dem neuen Tag (und dir) zu erwachen. Klar sein, Leben!

Danke für diese Erfahrung,

Luk

Heimathorizont


Paris, 10. September 
Im morgendlichen Halbdunkel gedanklich am Stadtrand,
Bäume im Blickfeld und etwas Wasser.

Liebes Tagebuch,
Lieber Lukas,

Beobachtungsbatterien, Hardrock-Schweineigel-Assiabschaum-Hartzhöllenhausen, Strahlend weiße Trainingsanzüge, beinhart, geduckt, unglaubbar, hinterrücks, Pilslokal, Moritz von Uslar-Vokabular, Dichtersprache des 21. Jahrhunderts, Provinzgruselfrieren, Heimatgefühle. Nicht, weil ich etwa aus Zehdenick komme, aber das Umland stürzt ja immer auch über die Stadt und umgekehrt. Ich habe mir nach deinem Artikel den Film gegeben, mein Deutschboden-Buch steht noch in Berlin.

Unser aller Heimat ist doch irgendwie Oberhavel. Wer ist schon auf einer Midnight Session der Mercedes Benz Gallery geboren, groß geworden? (Das klingt so hart. Das ist schon wieder Kuhstall.)
Wir haben sie gemacht, die Stadtrundfahrt, wie die Oberhavler und wenn sie nur die Straße hinunter war, zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch das Kiez, lokalpatriotisch, Kiezlegenden treffend, auf den Straßen auf und ab Geher.
Wir, das pure Mittelmaß, das wir verehren, das Namenlose, Zeitlose. Gut sollte es sein, ja Qualität, der Kontostand, die Hausmannskost, das Handwerk. Bier sollte es sein, das wir bestellen, keine Marken, Klamotten wollen wir, die übergeworfen wirken. Sauber sollte es sein, ohne zu glänzen und hip natürlich, aber bitte kein Koppenhagener Instagram-Familienkatalog.

Kleinstadtgedanken halt, aus der wir alle kommen. (Wer anderes behauptet, ist Großstädter und so beliebt wie Pariser im restlichen Frankreich*). Wir wollen ja eh alle das gleiche, nur mit nem bisschen anderer Fassade. Bei mir hat es ungefähr zwölf, dreizehn Jahre gedauert, bis ich das erste Mal aus eigenem Antrieb die Grenzen des Prenzlauer Bergs übertreten habe. Neukölln, das war ein Nachbarort irgendwo südlich, wo ein Überlandbus vom Hauptbahnhof Alexanderplatz hinfuhr – den ich nie genommen habe – und all die Häuser und Straßen, die dazwischen lagen, auf dem Weg, waren nichts weiter als Wald und Wiesen. Für mich als Kind der Stadt nicht weiter interessant.

Später dann, als ich hinuntergekommen war von meinem mysteriösem Berg und die Felder durchstreifte, da kamen zwar nicht mehr alle von entlang der Danziger Straße, aber jenes universelle Provinzdrama lebten sie nun aus, Abend für Abend in ihrer Lieblingskommune a.k.a. Dorfgemeinschaft. Können wir der Heimat entfliehen? Wir können Weltreisen, ja, aber Heimat ist Familie, nicht bloß ein Freund, mehr als ein Zuhause.

Manchmal können wir unseren Ursprung sicherlich ganz gut vergessen, uns wegrauschen, versuchen zu leben, lebendig zu sein. Was das bedeutet, habe ich vergangenen Freitag mit einem Pariser Freund diskutiert, also mit dem einen. Wir treffen uns seit einiger Zeit einmal die Woche und trinken Kaffee bis wir dann zu Bier wechseln. Doch, ob lebendig sein nun Klarheit oder Rausch heißt, darauf konnten wir uns nicht einigen. Auf dem Land wird so einiges klarer, soviel steht fest, wo die Dinge noch nebeneinander liegen, wo man vielmehr das ganze was nicht ist sortieren muss. In der Stadt hingegen wird so vieles unklarer und das ganze was ist, muss irgendwie durch die Nervenstränge geschossen werden.

Berlin wird ja immer vorgeworfen, keine Metropole zu sein. Vielleicht hat Wowitown (oder ist das Feeling schon Müllertown – von dem habe ich ja nie was gehört). Vielleicht hat Wowitown einfach nur das Idealtempo? Was denkst du: Wie schnell ist Berlin unterwegs? 

Um deine Frage zu beantworten: Also, wenn ein Ort Oberhavel heißt. Da wäre ich schon sehr gern: Im Abenteuerreise-Märchenland. Schön durchromantisiert die ganze Umwelt, ohne gleich rosarot sehen zu müssen. Grau auch mal bestaunen, gut finden, bejahen, als Teil der Wettergesellschaft im Regen stehen können. Das Handy vergessen – nicht zu Hause. Beobachter sein, ohne in Bewertung zu verfallen… und das ganze dann am Meer, in so einer kleinen Stadt, nur ein bisschen vergessenen, nicht zu viel Strand. Ja, wenn du mich so fragst, dort könnte ich die Tür schonmal für eine Zeit hinter mir zuschmeißen.

Alles Paletti** hier,
Grüße, Jacob

*Umgekehrt wollen Kleinstädter immer wissen, woher einer kommt. Das ist Großstädtern eher egal, gerade deshalb.

** Duden: Herkunft ungeklärt

Wochenendstille II


3. September 2018
Berlin, Bill Callahan auf den Ohren

Bon soir Jacob,

ich hab mir das noch einmal überlegt, mit der Fortsetzung meines Ost-Abenteuers. Es wird keine Fortsetzung geben, keine Auflösung meines Textes „Wochenendstille“. Kein brennendes Feuerwerk, kein Schwefelduft, der über den Altfriedländer Klostersee zieht.

Ich habe im Urlaub endlich „Deutschboden“ gelesen. Die so wunderbare Beobachtung des Lebens in einer brandenburgischen Kleinstadt.

Auf der letzten Seite schreibt Moritz von Uslar einen Satz, den ich hiermit als Ausrede für das offene Ende meiner wilden Partynacht auf dem Fischerfest vorschiebe: „Ob es da gut gewesen sei, wollte der neben mir wissen, und ich zögerte und sagte dann: Das sind schon ziemliche Arschgeigen da. Aber verstehst du, großartige Arschgeigen.“

Warum die Leute da niedermachen? Warum sich über Menschen lustig machen, die zwar doppelt so alt, aber nur halb so viel von der Welt gesehen haben wie wir. Keinen Sternenhimmel über North-Dakota, keine ratternde und bimmelnde Straßenbahn in Lissabon und keinen Sun-Dried-Octopus auf einer griechischen Insel. Wahrscheinlich auch keine Metro-Fahrt in Paris.

Vielleicht ist es das auch, was mich an „Deutschboden“ so fasziekelt hat (fasziniert + angeekelt, aber auf diese perfide, geile Weise). Ich habe mich ziemlich doll in Moritz von Uslar wiederentdeckt – aber nicht im positiven Sinne. Diese dezente Arroganz, das teilnahmslose Teilnehmen und (ungewollt) über den „gesellschaftlichen Ritualen“ Stehen. Und seien es noch so profane Dinge wie „nach Aral fahren“, eine „Stadtrunde drehen“, oder in der Kneipe fünf Molle saufen. Scheiße ja, es ist so verdammt traurig. Aber denkst du wirklich, wir würden ein anderes Leben führen, aufgewachsen in Oberhavel Hardrockhausen.

Wie abartig doch das uslarsche Gegenkonzept zur ostdeutschen Provinz klingt, wie pervers die Berliner Bourgeoisie. „Zwischen den Tischen liefen die Kellner, die wir mit Vornamen kannten, auf und ab und servierten Steaks und Champagner.“ An einer Stelle in dem Buch beschreibt er, welche Events er verpasst, während seiner Zeit im „Wilden Osten“.

Auf der Spandauer Straße seiner Kleinstadt träumt er sich zur „Midnight Session der Mercedes Benz Gallery“, zur „Pink Party von Bruno Salzer und Escada“. Die Zeitschrift Achtung lädt ihn ein, zum „Abendessen zu Ehren von Diors Kris Van Assche“ und auch den Champagnerempfang von L’Estétic Cosmetics im Quartier 206 verpasst unser feiner Herr von Uslar.

Jacob, wo wärst du lieber?

Ich wäre heute gerne in Chemnitz gewesen. Mit den anderen 65.000 großartigen Menschen, die für Vielfalt und gegen Rassismus demonstriert haben. Es ist so weit, Jacob, die Mitte der Gesellschaft muss wieder auf die Straße und zeigen: „#wirsindmehr“

Am Mittwoch gibt’s das große Nach-Sommerurlaub-Treffen mit den Jungs. Wir gehen in eine ehrliche Kneipe. Ich glaube es wird die „Lenau Stube“ in Neukölln. Die kommt zwar bestimmt nicht an das Oberhaveler „Schröders“ ran, aber ne „schöne Molle“ gibt’s da sicher auch. Und mehr glaube ich,  brauche ich auch gar nicht.

Auf bald.

Unterm Radar


27. August 2018
Den ganzen frühen Tag hier im Bett

Wie schreibt man einen Stream of consciousness, der mir so druckfertig durch den Kopf geistert?  Bewusstseinsstrom klingt viel schöner eigentlich. Im Zweifel ist es das Einzige, das übrig bleibt. In den Ferien, wenn man auf das Meer schaut, mit dem Liebsten herumsteht, die Straßen hinunter guckt, Eis isst und gespannt darauf, was sonst so passiert. Morgens aufwacht und ein Buch in das Bett zieht, stundenlang Kaffee trinkt, nicht raucht und auch mal in die Zeitung schaut. Wenn auch viel wichtiger scheint zu wissen, was heute alles so nicht ansteht. In den Ferien, da ist so einiges egal. Der ganze Wahnsinn nimmt auch ohne mich seinen Lauf. Da kann ich eher mal nachdenken was mir so wichtig ist oder besser noch, Protagonisten hinterher lesen, die in ganzen Büchern an den universellen Fragen verzweifeln. Selbst beim joggen höre ich nicht mal mehr Musik, sondern habe mittlerweile Hörbücher dabei. Manchmal fällt es schwer nicht in Zynismus abzurutschen. Die ständig vor sich hinkriechende Diskussion, die von ihr verlangte Teilhabe, all die Mühseligkeit, da bin ich in diesem Moment wirklich froh, hier zu sein, weit weg von allem.
Oh nein, ach genau, ich kann ja hier sein, gerade wegen diesem allem. Hm.

Wenn Musik hören, dann im Auto, idealerweise auf dem Beifahrersitz und der Freundin beim Fahren zuschauen. Die Autobahn ist mir so eine Art Filmstreifen, auf dem man entlang saust, immer diese Geradlinigkeit, immer viel Himmel. Alles passt so gut zusammen, egal welche Musik läuft. Da muss doch jeder zum Romantiker werden – wenn nicht gerade Stau ist. Spricht man noch von Strophen bei der Musik von Heute? Strophe klingt so nach Chormusik. Bildungslücke. Das habe ich doch bestimmt in der Schule gelernt. Diese Allgemeinbildung ist wirklich eine ganze Menge, ein weiter Begriff, so wie Standartliteratur, nein wie sagt man, Pflichtlektüre? Nein. Ich komme nicht drauf. Muss-man-gelesen-haben-Klassiker. Was wir nicht alles so müssen, das ist schon dramatisch. Ein Wort, das man echt mal streichen kann aus seinem Vokabular, genauso wie man natürlich. Also ab jetzt müssen ersetzen, immer, und man und darüber nachdenken wie es um eigentlich, natürlich und vielleicht steht.

Dreizehnuhrzwölf, Nachmittag schon. Mist. Verdammte Uhr da in der Konsole. In den Ferien ärgere ich mich, wenn ich zufällig irgendwo auf eine Uhr schaue und dann weiß wie spät es ist. Aufzustehen, durch den Tag zu gehen und ins Bett, wenn ich müde bin, das ist doch Luxus, oder? Seltsam, wie wir im Alltag der Zeit hinterherlaufen, sie auf Arbeit absitzen, bis wir uns von dieser frei nehmen, uns Urlaub nehmen, mal an uns denken, um uns richtig hängen lassen, in die Zeitlosigkeit zu schmeißen, all den tickenden Zwängen zu entfliehen. Zeitlosigkeit, eigentlich besser zeitlos, oder? Wir erarbeiten uns unsere Zeitfenster. Schlimm, wie die Leute arbeiten, immer an die Zeit gekoppelt und immer ganz viel ich muss noch… dabei, also vielmehr ICH MUSS NOCH… Lautlos in sich hineingeschrien.
Neben der bekannten Weisheit, der wir wirklich Folge leisten müssen und nur der, gäbe es vielleicht noch die bisher nur unbefriedigt beantwortete Frage: Was mache ich, wenn ich nicht mehr muss, weil der Mensch, also unsere Mitmenschen es geschafft haben, dieses muss abzuschaffen, was ja ein ursprüngliches Ziel von Arbeit ist und wir alle plötzlich nicht mehr müssen. Wenn das Zeitfenster immer offen und der Wind in den Gardinen und wir dazwischen, hinausschauend. Ja was dann, was sehen wir da?
So als Alt-Grieche leben vielleicht? Also einer von den Reichen, Privilegierten natürlich. Die haben gleichmal die Demokratie erfunden. Oder so als einer dieser Philosophen leben, die das Leben und die Welt in alle Einzelteile zerdachten und uns unser Sein erklärt haben. Oder als echter Mann, der baut und segelt, die Welt in alle Himmelsrichtungen entdeckt, seine Hände noch als Werkzeuge benutzen kann und als Teil der Natur durch diese wandert, aufrecht, stark, wissend und beschützend.
Von all dem Leid, das ich in Paris sehe, bliebe da nicht viel übrig. Was finde ich am Pariser Leben, dass mich wirklich begeistert. Immer kann ich meine Argumente mit irgendeiner Anzweiflung ausstechen. Dieses ganze Existenzielle, das kommt hier zusammen, Reichtum und Arbeit, Armut und Hablosigkeit, zusammengehalten durch die Metrolinie. Sie ist ja geradezu Symbol des Zeitstrahles, auf dem wir eilen, gedrängt, geduckt, als Teil der Gefolgschaft und dann noch all die Romantik, ihre Schriftsteller und Musiker, Maler, die über der Stadt schweben, durch die Straßen, auf den Friedhöfen begraben. Der Eifelturm, Montmartre, das macht alles noch schlimmer. Aber warum und trotz all der Umstände sind die Menschen hier so ansehnlich, aggressiv gutaussehend, Frauen Männer, jung alt, alle? Wie kommt diese Anmut hier so geballt zusammen? Ist das so eine Art Flucht aus diesem Kriegszustand der Ungleichheit, der in diesem Schmerzzentrum vorherrscht?
Wir sind ja nichts weiter, als der Obdachlose im Pelzmantel, die allesamt abzurutschen drohen, an der Wand, hinunter auf dem Asphalt, unterm Radar zu landen, von niemandem mehr abgesichert.

Ferien, Abgleich es Gemütszustandes. Hm, so lala. Am besten wieder schnell zurück in die Arbeitswelt, Verantwortungswelt. Uns bleibt ja nichts übrig als zu geben. Immer dieses nehmen bringt ja nichts.

Wochenendstille


Berlin, am Abend des 13. August 2018
am wackeligen Küchentisch

Lieber Jacob,

dank dir ist „chaleur“ mein neues Lieblingswort. Das klingt so schön weich. So, wie eben nur Französisch klingen kann. Merci.

Der allgemeinen Nacktheit widersetzen also. Das passt zu dir. Nicht böse gemeint, aber ich kann mir tatsächlich niemanden vorstellen, der so wenig in eine kurze Hose passen würde wie du. Wenn ich versuche, mich an einen langvergangenen Abend in Berlin zu erinnern – einen Sommerabend, an dem wir beide im Kapitalist am Tresen standen und Riesling tranken – ja dann kommt mir nicht einmal ein T-Shirt-Jacob in den Sinn. Halte durch, der nächste Winter kommt bestimmt!

Anfang August war ich mit meinen Jungs über das Wochenende in Altfriedland. Ein kleines Dorf mit stolzen 212 Einwohnern, idyllisch gelegen auf einer Halbinsel zwischen drei Seen mitten im Märkisch-Oderland. Der Region also, vor der ich mich in Berlin am meisten fürchte. Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Hauptstadt fetze und mal wieder fast über den Haufen gefahren werde – ich schwöre dir: in 90 Prozent der Fälle haben die Autos „MOL“ als Kennzeichen. Märkisch-Oderland kommt und frisst uns alle auf.

Philipps Großeltern haben in Altfriedland ein Haus. Mit riesigem Garten, eigenem Steg und schnuckeligem Holzruderboot. Mit Tischtennisplatte und Grill. Mit unzähligen, unnötigen doppelt und dreifach vorhandenen Küchenmaschinen und Haushaltsgeräten (wie nur Großeltern sie haben können). Mit Crocs-Sandalen für die Gartenarbeit und Nordic-Walking-Stöcken für den Großvater.
Mit sieben weichen Betten. Decken in dick und Dünn, Daune und Wolle. Und mit riesigen Kissen, die den Kopf abends sanft aber bestimmt umschließen und keinen Ton mehr an dein Ohr dringen lassen. Flauschige Stile.

Philipp, Simon, Momo, Flo und ich flüchten manchmal genau dort hin. Raus aus dem Berliner Grau, hinein in die endlose RAL-Farbpalette der Natur.

Eigentlich.

Unser letzter Wochenendausflug fiel auf das „Altfriedländer Fischerfest“. Pass auf, ich zitiere aus dem offiziellen Programm: „Das  Fischerfest bindet die Altfriedländer und Neuhardenberger Bewohner ein und soll neben dem bekannten und beliebten Programm (Feuerwerk, Bands, Disko, etc.) auch das dörfliche Zusammenkommen in den Fokus rücken (Fischerzug, Zusammensitzen, Kuchenbasar, Sponsorentombola).“

Stille? Erholung? Abschalten? Runterkommen?
Leider nein, leider gar nicht. Freitag um 19.00 drückte der sogenannte DJ auf die Playtaste (und ich schwöre dir, mehr als „play“ drücken konnte der nicht). Was folgte war Dunkeldeutschland Mixtape. Helene Fischer, Jürgen Drews, Spider Murphy Gang. Und für den „international Flair“ gabs Bon Jovi und Bruce Springsteen. Fuck yeah und noch einmal von vorne.

„Und draußen vor der großen Stadt, stehen die Nutten sich die Füße platt Skandaaaaal im Sperrbezirk
Skandaaaaaaaal  – Skandal um Rosie!“

Wir saßen auf der Terrasse. Schweigend, rauchend, trinkend. Die Sonne hatte ihre letzten Strahlen verballert, also übernahmen die neongrünen Laserstrahler diesen Job – gesteuert von Crystal-Cindy, Amphetamin-Adolf und Crack-Collin. So stellte ich mir das jedenfalls vor. Ach, erwähnte ich bereits, dass der Festplatz Luftlinie keine 200 Meter von unserem selbsternannten Ruhepol entfernt lag?

„Oh, yeah, back in the summer of sixty-nine, oh
It was the summer of sixty-nine, oh, yeah
Me and my baby in sixty-nine, oh
It was the summer, the summer, the summer of sixty-nine, yeah“

Natürlich sind wir hingegangen.
Aber erst nach „Eberhard & Tina Gesangsduo“ (18.00 Uhr), „Mr. Miller – Gesang & Geige“ (19.30 Uhr), „Lysenne & DJ“ (20.30 Uhr) und „DJ“ (22.00 Uhr).
Wir warteten bis Mitternacht. Wir warteten auf „Jugend DJ“ (00.00 Uhr).
Noch einen großen Schluck. Direkt aus der Weinflasche.

Ok, jetzt.

Vorbei an unzähligen im Lichte lummeliger Solar-Gartenlampen schimmernder Autos. Ungetümer, allesamt mit MOL-Kennzeichen. Ein Eisernes Kreuz auf dem Kotflügel hier, eine Grußbotschaft in altdeutschen Runen auf der Heckscheibe da. Sympathische Ostromantik eben.

Weißt du, wie lange es gedauert hat, bis wir angepöbelt wurden?
Drei Minuten.

„I gotta feeling that tonight’s gonna be a good night
That tonight’s gonna be a good night
That tonight’s gonna be a good, good night“

Lieber Jacob,
ich unterbreche meine Geschichte an dieser dramaturgisch sehr passenden Stelle. Aus „am Abend des 13. August 2018“ ist längst „am frühen Morgen des 14. August“ geworden und ich muss um 07.00 in der Redaktion sein.
Ich denke an dich und hoffe du träumst gerade von den Engeln im Himmel.
Wir hören,

Lukas

La chaleur / Die Hitze


6. August 2018
alles egal, unter dieser Sonne

Ich habe versucht die letzte Haltung zu wahren und mich nicht der Nacktheit aller hinzugeben, also lange Jeans angezogen, Jacke übergeworfen und die Ärmel hochgekrempelt. So lief ich durch die Fußgängerzone meines Kiezes, die Rue Saint Denis hinunter, zur gleichnamigen Porte. Ich bekam kaum die Augen auf, bei dem im grellen Licht erblassten Himmel.
Selbst die Arbeitswoche hat geknallt, als käme sie da mit von oben. Mir war noch nicht klar wie ich mich jetzt in den Abend hinein mit einem Freund unterhalten und Bier trinken sollte und dachte an das Sofa, auf dem ich bis eben lag.
Je näher ich der Porte Saint-Denis kam, ein altes Stadttor, unverfehlbar am Ende der Straße, desto erdrückender wurde sein Eindruck: Du bist klein, du bist niemand.
In der Hand hielt ich nun ein Eis, das sich meiner Gier ergeben musste und dieser Hitze. Die auf die Stadt presste wie ein Täter das Kissen ins Gesicht seines Opfers, dass der Schweiß den Stoff festklebte.
Als wären diese Strahler nicht genug, reflektierten sie wieder und wieder zwischen Asphalt und den Fassaden und bissen in das Glas angekippter Wohnungsfenster. Sie machten richtig Urlaubsdumm, als hätte ich die ganze Woche auf einer Hotelliege verbracht.

Ich schmiss den Stiel weg, der vom Eis übrig geblieben war. Das war gut, bildete ich mir ein, das Eis, das musste sein, wie die Cola vorhin und das andere Eis, alles war gerechtfertigt. Gönnung jetzt, was immer auch half gegen den Sommer, der da fieberte. Ich könnte im Baumschatten an einem See liegen oder barfuß über Gartenwiese laufen.
Doch die Schuhe waren geschlossen. Cool bleiben. Die Temperaturen machten mir gar nichts. Das war alles Einstellungssache. Akklimatisieren, akzeptieren. Ich rauchte, aus Trotz. Rauchen hilft gegen alles. Das Eis war nicht einmal lecker, dachte ich zurück. Es musste am Wetter liegen, wie alles am Wetter lag.

Angekommen an der Porte Saint-Denis, Vollstau in beide Richtungen auf dem Boulevard. Autos, Busse und dann immer diese smogenden Doppeldeckertouristenmonster und Reisebusklopper mitten im Stadtzentrum. Der Abgas stand zwischen den Fahrzeugen. Nichts ging mehr. Nur noch die Passanten schlürften auf dem ausnahmsweise mal breitem Gehweg.
Über die Pariser Nacktheit gab es eigentlich nichts auszusetzen. Doch ich musste meinen Schrittrhythmus immer wieder unterbrechen und ausweichen, auf die querfeldein, aus Läden hinaus und in den Metroschacht hinein, Laufenden achten. Bei dem Gedanken an Metro war ich wirklich kurz erleichtert, richtig leicht fühlte ich mich hier oben im Matt der Glocke, dass dieser Gang mir erspart blieb und atmete tief ein, beim Blick die Treppe hinunter.
Ich ging nun auch querfeldein, über die Straße. Es stand sowieso alles und hupte und hinter den Windschutzscheiben saßen die Protagonisten so manch tragischer Geschichte, Freitag, 17 Uhr, Stillstand. Erstarrt wie bei Rotlicht, während der Feuertaufe in alten U-Boot-Filmen. Fünzig Grad Celsius, erhaschte ich auf einer Tafel.
Das flimmerte da zwar so nicht von der Leuchtschrift aber ich fühlte die Lüge und beim Gedanke wie warm es in diesem Betonklumpen wirklich sein musste, bekam ich augenblicklich einen klaustrophobischen Reiz, der durch meinen Körper sprang.
Um diesen irgendwie abzufangen,  schnipste ich die Kippe weg, die mir eher in der Hand ausbrannte als zwischen den Lippen. Rauchen half doch nicht gegen alles und zu dem Schweiß, der in Tropfen rann, war nun ein leichter Schwindel hinzugekommen. 

Die Sonne brüllte in diesen Großstadtkorridor, als käme sie gleich persönlich herunter.

Da war sie, La Petite Porte am Boulevard Saint-Martin, die rote Markise mit goldener Schrift, meine kleine Bieroase. Der Freund, er wartete drinnen, weil klimatisiert. Doch Raucher müssen raus, bei jedem Wetter.
Die Eindrücke, sie knallten aufeinander, als hätte ich von einem Joint gezogen.  Direkt vor uns an der Haltestelle fuhr der Bus nicht weiter, nicht wegen dem Stau. Ein Fahrgast diskutierte laut und dirigierte städtische Sicherheitsbeamte umher. Ich konnte David kaum zuhören, der ein Gespräch begann. Die Ampel zeigte grün. Vom Terrassenplatz blieb in den kleinen Fahrerräumen alles still, egal wie sehr sie explodierten. Nur ihre Hupen, die krachten in mein Ohr.
Bier? Später. Kaffee jetzt. Durch die offene Ladentür flammte eine Musik, die auf irgendeinem Supersampler gelandet sein muss, da sie seit über einem Jahr die Stadt beschallte, irgendwas mit Flowering Inferno und el Mar. Ob das einer dieser Welthits war? David konnte mir die Frage nicht beantworten. Neulich habe ich diesen Song auch im Supermarkt gehört. Die spielen da grundsätzlich gute Musik in Pariser Einkaufshallen, auch französischen Rock und so unerwartetes Zeug. Man kann da problemlos rumstehen, musikhörend am Kühlregal. 

David redete. Ich betrachtete den Schweiß auf meinen Armen, feinstaubzerbröselt, verwasserdampft, spürte ihn auf dem ganzen Körper. Das T-Shirt war patschnass. Da kühlte der Film plötzlich aus, mit einem Male, dass ich dasaß, angekommen, auf den Kaffee wartend, frierend.

Wie geht es dir, widmete David sich nun mir, nicht zu heiß?
Es tut gut mit anzusehen, wie sich bei dieser Hitze alle schwach fühlen.
David lächelte. Es klang spontan.
Der Kaffee kam.
Prost. Porzellantassen klirrten.

Weltreise


Berlin, 01.08.2018.
Auf der Couch. Bei offenen Fenstern, den Grillen lauschend

‘n Abend Jacob,

was für Tage, Wochen. Ich bin erschlagen, geplättet, gerädert. Ich wollte dir früher schreiben, Sonntagabend, nach der Arbeit eigentlich schon. Aber mein Gehirn hat zugemacht. Kennst du das? So komplett ausgelaugt zu sein?

Berlin glüht und flimmert in der Hitze. Eine Stadt im Fieberwahn.
Und ich mittendrin.
Am Montag bin ich Bus gefahren – einfache Strecke, vom Büro am Checkpoint Charlie bis nach Neukölln. Eigentlich, denn am Hermannplatz bin ich sitzen geblieben. Und eine Runde gefahren.

Lieber Jacob, ich nehme dich mit auf eine Fahrt mit Dieter.
Lass uns oben in der ersten Reihe sitzen.

Je t’embrasse und bis bald,
Lukas

Mit einem metallischen Klacken rastet das Schiebefenster ein. Eine Hitzewelle flutet den gelben Doppeldeckerbus. Erschöpft lässt sich Dieter in den Fahrersitz sacken und zündet sich eine Zigarette an. Ohne Zögern und völlig selbstverständlich. Für die nächsten drei Minuten ist dies sein Bus. Drei Minuten lang bestimmt er wieder die Regeln. Drei Minuten Pause, dann wird er sich erneut ins Chaos, den Stress und den Berufsverkehr stürzen. Dieters Bus ist der M29, Berlins Buslinie der Gegensätze, und sein Arbeitstag ist noch jung.

Der Metrobus 29 fährt vom Hermannplatz in Neukölln über den Görlitzer Park, vorbei am Checkpoint Charlie. Er streift Schöneberg, ehe er über Tiergarten nach Charlottenburg kommt. Den Ku’damm runter geht es bis nach Roseneck im Ortsteil Grunewald. Eine Tour mit dem M29 führt durch das soziale Universum dieser Stadt. Vom Bordstein bis zur Skyline.
Und zurück.

Auf der 16 Kilometer langen Strecke lädt und entlädt der 29er auf 45 Haltestellen Touristen und Arbeiter, Mütter mit Kindern, Studenten. Büromenschen, Betrunkene und Partyvolk. Unermüdlich und rund um die Uhr. Um die 55.000 Fahrgäste verteilen sich an einem Tag auf seiner Route.

Dieter hat seine Schicht vor knapp drei Stunden begonnen. Trügerisch ruhig lag er in der Morgensonne vor ihm, der Hermannplatz. Noch fünf Stunden wird der ehemalige Fernfahrer auf der Linie unterwegs sein. Er trägt ein weißes, gebügeltes Hemd. Seine Hose ist ihm einen Tick zu groß, zwischen den Gürtellaschen wirft der Stoff kleine Wellen. Seit über 15 Jahren fährt Dieter in Berlin Bus. Seine Lieblingslinie ist der 218. Entlang der Havelchaussee. Doch der Dienstplaner in der Zentrale war heute nicht zu bestechen. Dieter lacht. Sie kennen sich seit über zehn Jahren.
Er dreht den Zündschlüssel, der Dieselmotor verschluckt sich kurz, das gelbe Ungetüm schüttelt sich.

„Es werden immer mehr. Mehr Autos, mehr Fahrgäste. Das geht so nicht mehr“. Er seufzt und startet die nächste Tour, die Sonnenallee runter.

Im Herzen Kreuzbergs regiert das Chaos. Mit ruhiger Hand umkurvt er 2.-Reihe-Parker und Lieferwagen. Wie auf hoher See wiegt der Bus hin und her. Aus allen Richtungen hupt es. Fahrräder schlängeln sich links und rechts am Bus vorbei. An jeder Haltestelle entlang der Oranienstraße wälzen sich Menschenmassen durch den Bus. Rein, raus, hoch, runter. Bis zu 113 Fahrgäste verträgt so ein Doppeldecker-Biest der BVG.
Dieter hat keine Zeit und Nerven, um wie vorgeschrieben auch noch die Fahrscheine der Einsteigenden zu kontrollieren. „Da schau ich schon längst nicht mehr drauf, man könnte mir auch einen Krankenschein unter die Nase halten“, erzählt er später.

Dieter und sein Bus kämpfen sich voran. Mitten durch Kreuzberg 36. Dass der M29 eine Linie der Gegensätze ist, zeigt sich deutlich an Statistiken der Stadt Berlin. Hier am Oranienplatz sind über 21 Prozent der Anwohner unter 18. In diesem Bezirk wählten bei der Bundestagswahl 2013 über 28 Prozent die Linke, wohingegen die CDU mit 4,1 Prozent sogar an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert wäre. Rund um den Moritzplatz haben 67 Prozent der Anwohner einen Migrationshintergrund. Hier stiegen die Mietpreise in den vergangenen fünf Jahren um mehr als die Hälfte.

Wie wählt Charlottenburg-Wilmersdorf? Was zeichnen die Statistiken am anderen Ende der 29er-Linie für ein Bild von Berlin?

Dieter zückt das Fahrtenbuch, blickt auf seine Armbanduhr und trägt die Ankunftszeit am Wittenbergplatz ein. Er hat vier Minuten Verspätung – die von seiner halbstündigen Mittagspause abgezogen werden. Im Schatten ihrer gelben Kolosse stehen er und seine Kollegen am Fuße des KaDeWe. Doppeldecker-Dompteure unter sich.

„Ich habe fünf Tage hintereinander den 29er. Hast du nicht was Nettes für mich? Spandau vielleicht?“, fleht einer ins Handy. Alle lachen. Galgenhumor unter Leidgenossen. Dieters Kollege hat heute Glück, der Schichtplaner ist gnädig.

„Anfang Dezember gehe ich in Rente“, wirft Dieter in die Runde. „Glaubt mir, auf meiner letzten Fahrt mache ich mir ne Pulle Sekt auf.“ Er schmunzelt und nippt an seinem schwarzen Filterkaffee.

Vor den Scheiben verschwimmen die Schriftzüge zu einer Endlos-Edelboutique. Diorchanelguccihugobosss. Dieter ballert den Ku’damm hinunter. Noch 20 Minuten Wahnsinn. Noch 15 Stationen bis zur Endhaltestelle Grunewald/Roseneck.

Je länger die Fahrt dauert, desto weniger euphorisch grüßt Dieter die entgegenkommenden Kollegen. Dem anfänglichen Salutieren ist einem müden Handheben gewichen. An roten Ampeln lässt er seine Handgelenke zwischen den Lenkradspeichen baumeln.

Der M29 unter Dieters Ägide schiebt sich vorbei an der Schaubühne, weiter hinein nach Charlottenburg/Wilmersdorf.

Der Trubel ebbt Haltestelle für Haltestelle ab. Die Porsche-Dichte nimmt zu. Knapp eine Stunde Fahrtzeit vom Hermannplatz entfernt steigt Dieter aus seinem Bus und betritt eine andere Welt. Hier um das Roseneck sind 33 Prozent der Anwohner über 65. In diesem Bezirk hätte die CDU bei der Bundestagswahl 2013 die absolute Mehrheit erreicht. 50,5 Prozent der Anwohner wählten Schwarz. Links hingegen nur 5,1 Prozent. Rund um die Endhaltestelle haben lediglich 22,5 Prozent der Anwohner einen Migrationshintergrund. Hier stiegen die Mietpreise in den vergangenen fünf Jahren um deutlich weniger als 10 Prozent.

Die Bäume rund um das Roseneck wiegen sich behäbig im Wind. Dieter zündet sich erneut in seinem Fahrersitz eine Zigarette an.

Und steigt aus. Die Sirenen, das Hupen, die Menschenströme vom Hermannplatz, sie sind unendlich weit weg.

Noch vier Mal Weltreise. Dann hat Dieter Feierabend.

Ich mache mir Sorgen um Mark Zuckerberg


23. Juli 2018
Morgens vor dem Lärm, mit Käffchen

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Dein letzter Beitrag hat mich zum Nachdenken gebracht, mal wieder zum Thema Diskussionskultur im Internet, Social Media, vor allem Facebook. Diese Worte allein, dieser Klang, der da mitschwingt, aua.
Du hast es versucht und als Antwort Journalistenschelte kassiert. Das war natürlich bitter. Auch ich habe öfter den Versuch unternommen, mich Diskussionen in den Kommentarspalten zu stellen und dabei auch mal Gefahr zu laufen auf Schlauere und Argumente zu treffen. Ich kommentierte regelmäßig, stellte Nachfragen und versuchte zu diskutieren, widmete mich Hass- und Weltverneinerkommentaren und feilte an meinen Zeilen. Doch nach mal so grob bald zehn Jahren, hat dir schonmal jemand erzählt, von einer spannenden Kommentarrunde im Web?
Man kann ja sagen, nun ja, vielleicht, doch, NEIN. Die Diskussion ist nicht möglich. Versuch es gar nicht erst.
Mit den Worten Diskutieren bitte nur persönlich, beendete ein Freund kürzlich einen Gruppenstreit bei Whatsapp, als da kurz nach dem Deutschland-Schweden Spiel eine Diskussion über den Fußball selbst entbrannte, ob er nun Beil des Nationalismus sei oder Kulturmörtel. Ich war geradezu schockiert. Diesen Satz muss man doch glatt über das Internet hängen, dachte ich. Er schafft jede Diskussionsspalte ab – wenn noch nicht einmal Freunde im Netz diskutieren können. Diskussion im Internet gibt es nicht. Wir haben das immer wieder wiederholt, doch nie akzeptiert: Alle können trompeten, aber jeder unverbesserlich. 

Ja und dann spaziere ich beschwingt herum, mit Kumpels durch die Nächte, sitze in Bars, treffe Familie, telefoniere, Stunden, Tage, wochenlang im Alltag. Wie lange da so eine Diskussion manchmal beansprucht, ganze Zigarettenschachteln, Blicke in den Himmel, Weinflaschen, was da alles dazwischen liegt, wie viele Einwände, Neuanläufe eines Themas,
bis es plötzlich funkt und das Flämmchen lodert, wo es wirklich spannend wird und wir wirklich denken, was zu sagen haben und unsere kleinen Revolutionen anzetteln. Bitte, wie soll eine Kommentarspalte da mithalten.

Facebook hat mich lange vereinnahmt, wie ein Bekannter, der die anderen immer so bestimmend mit sich zieht. Doch dieser ist nun krank und Kranke vereinsamen schnell. Man kommt maximal noch vorbei, um seine Projekte und Arbeitszeugnisse abzuladen oder gelegentlich auf der Timeline hin- und herzuspulen. Der wirre Mix aus Nachrichten und Unterhaltung lies mich Jahrelang selbst krank sein. All diese sinnlosen Kommentare haben mich kein Stück weitergebracht. Die Debatte findet sowieso statt und Facebook kann dem nichts hinzufügen. Damit ist jetzt Schluss. Ich habe in den Header geschrieben, wo ich zu finden bin und mich seit hundert Jahren wieder ausgeloggt.

Wir müssen das Schiff versenken, den Rumpf eintreten, Facebook: Die Superdroge ohne Altersbeschränkung. Was haben wir uns abgefeiert, doch am Ende war es Facebook selbst, das uns so oft angeschrien hat, was wir für Datenopfer seien, für Selbstprofilierungsmitläufer, mit denen sich richtig Kohle verdienen lässt und es dabei noch nicht einmal wichtig ist, wie fake wir eigentlich sind.
Doch nach all den Fickt-euch-Rufen haben wir es kapiert, sind abgewandert, haben gewechselt, zu den neuen Rockstars, die noch gesund aussehen. Ich mache mir nur noch um einen Sorgen, seitdem er Anzug trägt. Ich mache mir Sorgen um Mark Zuckerberg. Das Gesicht von Facebook sieht schwerkrank aus. Ja, das war alles ganz nett, ein enormer Verstärker irgendwie, der aber immer im Kontrast stand zu unserer eigentlichen Gewohnheit. Vielleicht ist Zuckerberg selbst Opfer seiner selbst geworden.
Benjamin von Stuckrad-Barre hat diesen bizarren Schnittmoment zwischen Onlinesein und Rausgehen in seinem Buch Panikherz grandios zerlegt, als er von einer Lesung von Elvis Costello berichtet und ihm nichts wichtiger schien, als den Lesenden zu fotografieren und die Erzeugnisse seinen Freunden zu schicken, wo er denn gerade ist – aber gleichzeitig, so Stuckrad-Barre, sei er ja dann nicht mehr dort, weil er ja nur Beweise sichere, wie er zusammenfässt und Resumés fabriziere, die das Erlebnis ersetzen.

Letztlich beinhaltet die Szene etwas geradezu Existentielles. Wir haben diese Momente verloren, an denen wir rumsitzen und in die Gegend starren, ob zu Hause oder unterwegs oder bei einer Lesung. Wir haben uns konditioniert, das Nichtstun und Langeweile mit Timelines zu verbinden, doch genau diese entscheidenen Momente müssen wir zurückzugewinnen. Anstatt also Bildschirme anzugucken, müssen wir, vielleicht vor allem ich, diese elementare Situation wiedererlernen, uns zu fragen: was mache ich jetzt?

 

* {Hallo Lukas}