Lieber unbekannte Leser


Dienstag, 4. Juni 2019

Lukas hat flughafeneuropa verlassen. Gute Reise dir, Lukas, mit dir geht ein Stück Europa verloren – du hast jederzeit Landeerlaubnis. 

Daher, lieber unbekannter Leser, werde ich dir schreiben und mit dir in Verbindung treten und dabei schauen, ob aus folgender Idee etwas herauskommt. Wenn du etwas zu sagen hast, lieber unbekannter Leser, zu Europa, seiner Hitze, seinen elenden Rückenschmerzen, der Wochenendstille oder zu deinem Heimathorizont. Wenn du eine Weltreise machst, im Sturm oder in einer Seifenblase, als Demonstration oder der Rosen wegen. Was auch immer dich und dein buntes Europa beschäftigt, trete heraus aus deinem Schatten, lieber unbekannter Leser und schreibe mir einen Brief. Wenn dieser ungefähr einer halbwegs geradeaus formulierten A4 Seite entspricht, veröffentliche ich dein Schreiben. Im besten Falle entspringt ja eine neue Brieffreundschaft.

Ansonsten bleibst du der liebe unbekannte Leser und ich bei dem mir bekannten Selbstgespräch. Schweigsamkeit macht ja bekanntlich gesprächig. So bist du auch in dieser Form ein guter Sparringspartner, dich brauche ich, denn ins Leere boxen, tut am meisten weh.

Jacob

Selbstbereinigung


Sonntag, damit ist alles gesagt,
außer das Datum: 14. April 2019

Lukas, Guten Morgen

Ich war verschwunden mit Freunden, die mich besuchten, in der großen Stadt, wir saßen an eng zusammenstehenden Tischen, tranken Rotwein, aßen Wurstplatten, hörten Flavien Berger und rannten an der Seine entlang – also in Joggingklamotten. Es war ein Woche voller Freundschaftskitsch. Ich selbst entdeckte Paris mit eigenen Schritten neu, ohne etwas arbeiten zu müssen. Nur, das mit dem Schreiben verdrängte ich konsequent. Mit jedem Tag, an dem ich nicht schrieb, wuchs das Gefühl der Unzufriedenheit in mir und damit die Blockade etwas zu Stande zu bringen. Nach nun einem Monat war ich von Morgens bis Abends davon beherrscht. Ein niederringendes, Gefühl, eine Angstvorstufe, eine Atemhürde. Die Treppe vor mir wurde immer steiler und verbog sich ins Endlose. Ich konnte nicht einmal mehr Notizen machen. Da blieb nur noch Ablenkung. 

In der vergangenen Woche habe ich zum Einschlafen die Podcasts von Hotel Matze gehört, Tim Raue, Klaas Heufer-Umlauf, Benjamin von Stuckrad-Barre, Ronja von Rönne. Was die Schreiber zu sagen hatten, interessierte mich am meisten, aber ich war ernüchtert. Stuckrad-Barre Monologe hören sich nach Dauerbrainstorming an, notorische Wortbindungen, Gedankensprünge, Schöpfungen. Es kracht und knallt wie ein Sportwagen auf der Schotterpiste. Es schmerzt zuzuhören, doch Barre legt dabei eine Strecke zurück, irrsinnige Serpentinen und führt zu Abgründen und Panoramen bis ich plötzlich nur noch bei mir war und niemanden mehr zuhören konnte. So ist das ja, wenn jemand die ganze Zeit von sich spricht, dann denkt man irgendwann nur noch an sich selbst. 

Es ist Punkt acht Uhr Morgens, Sonntag. Die Sicherung des Warmwasserboilers ist umgesprungen. Dabei hinterlässt sie so seltsame Schwingungen, die in den Raum dröhnen. Im Ohr fühlt es sich eher ungesund an. In einer guten Stunde breche ich zur Arbeit auf.
Ich habe mir heute den Wecke auf sieben Uhr gestellt. Diesen fern vom Bett auf den Tisch gestellt, dass ich gezwungen war aufzustehen, Kaffee gekocht und im Dreiergespann bin ich mit Laptop auf das Sofa.

Verzeihe mir, heute geht es nur um meine Wenigkeit. Selbsterhalt. Blogerhalt. FE-Belebung. Therapieschreiben. Schreiben des Schreibens wegen. Auf der Tastatur herumklimpern bis ein Ton entsteht. Haltung bewahren, dran bleiben, Sätze zurückstellen, nie löschen, immer nur zurückstellen. So wie meine Antwort auf deinen vorhergehenden Brief. Die bleibt heute aus. Den ignoriere ich jetzt mal ganz gekonnt. 

In diesen Tagen feiert flughafeneuropa Jubiläum, ein Wort, das ich nur mit Rechtschreibhilfe auf Papier bringe. Überhaupt. Ich habe vor kurzem zum ersten Mal gehört, dass es Menschen gibt – vor allem in sehr armen Ländern , die ihr Geburtsdatum nicht kennen und nur relativ unbestimmt sagen können, wie alt sie seien. Das hat mich demütig gestimmt, das Gefühl, sein Alter nicht genau zu kennen. Das Geburtsdatum, ohne jenes unser Ich-Dasein nicht stattfinden kann. Stattdessen die Altersfrage zu beantworten mit, ich bin noch geradeso jung oder aus dem gröbsten bin ich raus, es wird Zeit Erwachsen zu werden, ich will Kinder, ich glaub ich bin alt, wirklich alt.

Die Last ist runter. Auch Last macht alt. Ich stehe jetzt auf von der Couch, befreit in den Sonntag. Nächstes Mal erzähl ich dir dann meine Nudelgeschichte.

Jacob

Besorgter Bürger

Berlin, kopflos irgendwann zwischen 07. und 11. März 2019
on the run, immer

Jacob,

welche Nudeln isst du in Paris? Auch Barilla, so wie ich in Berlin? Ey sorry, dass ich jetzt mit so einem plumpen Thema um die Ecke komme, aber das hab ich mich gestern Abend wirklich gefragt (und jetzt offensichtlich auch noch), als ich mit zwei Tellern Pasta im Magen gelähmt auf dem Sofa saß, unfähig einen Ansatz zu finden, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, unfähig dir zu schreiben.

Ich habe dann doch etwas geschrieben gestern, nur leider nicht dir. Ich habe dem Barilla Kundendienst eine Mail geschrieben.
Ich habe in letzter Zeit ein etwas komisches ökologisches Bewusstsein entwickelt musst du wissen.

Ich spreche mit Freunden darüber, auf Fliegen verzichten zu wollen, checke am Abend aber easyjet und freue mich über 30-Euro-Deals nach Neapel (nicht gebucht). Ich hebe hier und da Müll auf der Straße auf, um ihn in den Mülleiner zu kloppen, währenddessen trete ich meine Kippen aber auf dem Gehweg aus. Ich kaufe die doppelt eingepackten Plastikschalen-Tomaten, beschwere mich aber bei Barilla über ihr Plastik-Kuckfenster in der Packung. Ja genau das habe ich tatsächlich gemacht.

Die Sache ist die: In meinen schizophrenen Ökoschüben, filetiere ich Verpackungen in ihre Einzelteile, trenne penibel Papier von Plastik. Neulich stand ich sogar wie in Trance am Glascontainer und habe erst bei meinen, dann bei fremden (allerdings nicht allzu versifften) Gläsern Deckel abgeschraubt und in der korrekten, der gelben Tonne versenkt.

Aber wieder zurück zu meiner Barilla-Kundendienst-Lukas-Ökowahn-Mail. Ich schrieb, wie sehr ich Pasta lieben würde, schmierte ihnen ordentlich Bolognese ums Maul. Ich schwärmte von ihren Bavette 13, den Mafaldine und Farfalle denen ich, na klar: „farfalle“ bin.
Und dann fragte ich den Kundendienst, warum um alles in der Welt eine Nudelpackung ein Plastikfenster braucht. Steht Karl-Otto vor dem Nudel-Regal, schüttelt die Packung vor seinen Augen, linst durch das Fenster und prüft, ob die Penne auch alle schön genormt sind? Getreu DIN-A-Hartweizen oder was? Ist das der Grund für ein Plastikfenster?

Das habe ich natürlich netter verpackt, mit ein bisschen Moralapostel hier, ein bisschen ökologischer Verantwortung da. Und weil ich es nicht lassen konnte, endete meine Mail mit den Worten „a p(r)esto, bis bald“.

Am nächsten Morgen schon kam die Antwort, was mich überraschte. Ich ertappe mich viel zu oft dabei zu denken, die eigene, die Stimme des einzelnen, würde nichts ändern. Dabei ist David gegen Goliath, 1. Samuel – Kapitel 17, doch eigentlich gar keine so schlechte Geschichte. Barilla jedenfalls schrieb:

Sehr geehrter Herr Krombholz, 

ich danke für Ihre E-Mail und bedauere sehr, dass Sie mit unseren Pastaverpackungen unzufrieden sind.
Als weltweit größter Hersteller und Lieferant von Pasta fanden auch wir die Idee gut, ausschließlich Kartonverpackungen statt Plastik zu verwenden, nicht zuletzt, um unserem eigenen Anspruch an Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu genügen. Daher bestanden die Verpackungen ja auch jahrelang eben nur aus Karton.
Genauso wichtig ist es aber auch, die Wünsche und Ansprüche unserer Kunden ernst zu nehmen und umzusetzen. Es verhält sich in der Tat leider so, dass wir in den letzten Jahren zunehmend dafür kritisiert wurden, dass die Kartonverpackungen keinen Blick auf das Produkt gewähren und es uns diesbezüglich an Transparenz mangele. Diese Stimmen und Rückmeldungen waren zahlenmäßig derart angewachsen, dass es uns nicht sinnvoll erschien, dieses Feedback und die damit verbundene Unzufriedenheit unserer Verbraucher zu ignorieren.
Wir haben uns somit für das Fenster als Kompromiss entschieden. Der Plastikanteil an der Verpackung liegt auch mit Fenster deutlich unter 5% und die Verpackung ist so konzipiert, dass sie (mit Fenster!) in das Altpapier gegeben werden darf, da sich bereits zu Anfang des Recycling Prozesses das Fenster ganz leicht von der übrigen Kartonverpackung trennt.
Glücklicherweise findet in der Bevölkerung aber momentan wieder ein Umdenken statt und das Bewusstsein wächst, dass Plastik eben nicht positiv ist und dass es vielfach einfach auch überflüssig ist. Insofern bin ich sicher, dass die Verpackungen mittelfristig wieder ohne das Fenster die Akzeptanz der Verbraucher finden werden.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen hiermit einen Einblick in unsere Entscheidungsprozesse geben, und hoffe auf Ihr Verständnis.

Ihr Barilla Verbraucherservice

Weißt du, was ich nicht verstehe? Es gibt also tatsächlich Menschen, die Barilla mangelnde Transparenz vorwerfen, wenn sie Packungen aus Pappe machen. Und anscheinend gibt es davon viele. Sind diese Menschen auch der Grund, warum Klopapier transparent eingepackt ist?
Und: was für ein Recyclingprozess ist das, bei der verklebte Plastikfolie im inneren einer Papp-Packung getrennt wird? Der Verbrennungsofen?

Und trotzdem habe ich mich gefreut über die schnelle und ausführliche Antwort. Es war doch erstaunlich einfach, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen. Und klar denke ich mir auch „Wenn Barilla jetzt noch mehr Leute wegen dem Plastik schreiben, dann …“ ach du weißt schon: Dann retten wir die Welt.

Ich habe Lust, in Zukunft öfter den besorgten, verantwortungsvollen Bürger zu spielen. Nicht nur Firmen, sondern auch Politikern, Ökonomen und Organisationen zu schreiben. (Schade, dass dieses Europa so sperrig war und nicht wirklich auf uns eingegangen ist, du erinnerst dich.)
Ich will es trotzdem probieren. Es gibt so viele Fragen und ich kenne viel zu wenig Antworten.

Ich fange gleich mal an – und schreibe der Berliner Stadtreinigung, wie die Plastikfolie denn aus der Pappe kommt.

Ich freu mich sehr, dich bald zu sehen.
Schreiben fällt mir momentan schwer, reden leichter.
Yours,

L

Die eigentliche Frage


Paris, 24. Januar 2019
Seit Tagen schleiche ich um den Lappi, schreibverkrampft

sich zu präsentieren, sein Wissen preiszugeben, zu zitieren, über Arbeit und Kunst zu sprechen. Die Klamotten, der Urlaub, das Buch in der Jackentasche, alles ist Namedropping, sofern du abrutschst von dem schier unbegehbaren Pfad, den Dingen selbst nachzugehen.

Am spektakulärsten finde ich Situationen, wenn eine Gruppe beieinander sitzt und jeder redet, etwas beiträgt, reingrätscht, übernimmt, weiterführt, aber niemand stellt Fragen, alle wissen immer etwas obendrauf. Die Uneinigkeit besteht nicht in unterschiedlichen Ansichten, die diskutiert werden, sondern, dass einer mehr zu einem Thema weiß als der andere.

Vorsichtig ausgedrückt, so stelle ich mir die von dir beschriebenen Situationen vor, in denen du sie alle kennst, die Autoren, die es zu kennen gilt. Ich habe nur noch nicht verstanden, ob du die von dir genannten Schreiber nun tatsächlich gelesen hast oder ob deren Namen als Platzhalter dienen? Richard Ford hast du als Amerikanischen Autor mit „wen auch sonst“ vorgestellt. Seinen Namen hätte ich eher mit einer Automarke in Verbindung gebracht, selbst nach einem Blick auf seine Bücherliste immer noch eher Auto. 

Niemand lässt die Hosen runter und sagt, kenne ich nicht. Weiß ich nicht. Wer ist das? Erklär mir.
Das meintest du, oder?! Wir fragen definitiv zu wenig. Vielleicht weil Fragen ein Ausdruck von Schwäche sind und am liebsten geben wir uns gleich selbst die Antwort.

Ist dir mal aufgefallen, dass in wirren Gesprächsrunden, wo viel Uneinigkeit herrscht, sei es im Radio, Fernsehen oder sonst wo, immer wieder die sogenannte „eigentliche Frage“ herangezogen wird, um die richtige Antwort, also die eigene gleich anschieben zu können? 

Die eigentliche Frage ist doch, warum droppen wir Bücher wie Geldscheine? Wir wissen alle in der Literaturwelt steckt eine unerschöpfliche Dimension, zu der sich längst nicht jeder Zugang verschafft, obwohl es dafür nur einen Bibliotheksausweis bedarf. Jeder noch so superlative Mensch, ob Präsident oder Philosoph, muss dann und wann mit einem Buch herumsitzen um zu versuchen aus dem kleinen Blätterhaufen die Welt etwas besser zu verstehen. 

Vielleicht ist es Selbstmitleid, das aus uns spricht, dass unser Bücherregal noch und noch so klein ist, dass wir bei Interpretationen verzweifeln wie bei einem Blick auf ein Notenblatt. 

Es ist ja auch kompliziert. Ich habe das Gefühl, die meisten Bücher zum falschen Zeitpunkt gelesen, nicht verstanden und deshalb wieder vergessen zu haben und kann von Glück reden, wenn ich zweihundert Seiten gelesen und mich einen Monat später noch an zwei, drei Punkte erinnern kann. 

Trotzdem deprimiert es, weil in Büchern, Seite um Seite, die Welt aufgeschrieben, also festgehalten, ist. Niemand würde nach einer Weltreise zurückkommen und sagen, ich habe so viel verpasst, sondern von all den Abenteuern sprechen, die ihm widerfahren sind. Bücher machen uns demütig, klein und schwach. Vielleicht reagieren wir deshalb auf sie so aggressiv, als eine Art Selbstschutz vor seiner Superkraft. 

Dieses Namedropping ist Populistisch und sich stattdessen an all den demokratischen Details aufzuhängen, also eine Diskussion zu wagen, wahrlich nicht einfach. 

PS: Den Thomas Glavinic, von dem du berichtet hast, der klingt gut, den schau ich mir mal an. In etwa einem halben Jahr gebe ich dir dann mal Feedback.

J

Insomnia


Berlin, am Abend des 15. Januar 2018,
zwischen Sofakissen

Jacob,

ich möchte beichten.
Hin und wieder, genau genommen eigentlich ganz selten und wenn dann auch nur in meiner Kreativen-Bubble, kommt es vor, dass ich nur die halbe Wahrheit sage. (Was zwar wiederum eine ganze Lüge ist, aber egal.)

Ich reagiere allergisch auf das Abstecken gesellschaftlicher Claims. Das gegenseitige Abtasten mit wem man es zu tun hat. Intellektueller Pimmelvergleich. Das „kennst du Schriftsteller Max Mustermann“-Gefrage und das nachgeschobene „Und? Hast du schon den neuen John Doe gelesen?“. (Wusstest du Jacob, dass John Doe das britische Äquivalent zu unserem Mustermann ist?). Du kannst dir denken, worauf ich hinaus will. In manchen Situationen kenne ich sie alle. Habe alle gelesen, gehört, gesehen.

Interessant wird es, wenn dann allerdings die Frage kommt, was ich in letzter Zeit gelesen hätte. Eine Schachmatt-Frage ganz klar. Zu langes Zögern verrät einen sofort, „Harry Potter“ zählt nicht. Für diesen Fall habe ich immer eine Liste von drei bis vier Autoren und Büchern im Kopf, die ich irgendwann einmal gelesen habe. Was aus Deutschland (z.b. Wolfgang Herrndorf, den lieben alle), was amerikanisches (Richard Ford, wen auch sonst?), manchmal auch Philipp Roth (weil man das „r“ so schön rollen und das „th“ so wunderbar in die Länge ziehen kann). Und Mario Vargas Llosa, ganz einfach aus dem Grund, weil er mal den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Nur Michel Houellebecq weigere ich mich zu lesen. Da muss ich nicht einmal anfangen zu flunkern.

Früher habe ich mehr gelesen, aber früher war auch mehr Lametta. Ich erinnere mich an endlose Sommer mit meinen Eltern auf Sardinien. In dem Haus in dem wir wohnten hatte ich ein Zimmer mit eigenem Balkon, auf dem ich nachts schlief, weil es mir im Bett selbst unter einem Laken zu heiß war. Ich erinnere mich daran, wie ich jeden Abend beim Schließen meiner Augen kurz Angst hatte – vor Vampiren glaube ich – aber diese Angst in Kauf nahm, weil der Anblick des Sternenhimmels gigantisch war und ich so klein … und ich es mochte, dass ich mir dieser Tatsache bewusst geworden war.

Und morgens, wenn die Sonne aufging, war meine Nasenspitze kalt und mein Herz warm.

In meinem Zimmer gab es eine Nische. Auf halber Höhe in die Wand eingelassen und gerade einmal so groß, dass ich mich mit ausgestreckten Kinderbeinen hineinsetzen konnte. Zwischen Kissen gebettet, verbrachte ich dort endlose Stunden. Ich und die Bücher. Und eine Packung Kekse. „Pan di Stelle“ meistens. Manchmal aber auch „Abbracci“. Die besten Kekse der Welt, glaub mir. Vor allem mit salzigen Meeres-Lippen.

In einem Sommer gingen mir die Bücher aus. Und so las ich einen Roman, den Gäste vor uns hinterlassen hatten. Komisch, ich erinnere mich heute an keines der zehn Bücher, die ich selbst mitgenommen hatte, aber ich erinnere mich, dass es „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic war, das ich aus dem Bücherregal zog. Was für ein Titel, oder?

Seitdem bin ich immer mal wieder über den österreichischen Schriftsteller gestolpert – was wahrscheinlich daran liegt, dass er in regelmäßigen Abständen hochgelobte Romane schreibt (zehn in den letzten 15 Jahren) was ihn ganz nebenbei zu einem perfekten Namedropping-Autoren in den oben genannten Situationen macht. Übrigens besonders praktisch: Sein Protagonist heißt eigentlich immer Jonas.

Gestern bin ich wieder über Thomas Glavinic gestolpert. Er hat einen Artikel für Die WELT geschrieben (leider hinter Paywall, sonst hätte ich verlinkt). In „Die Geschichte meines Bankrotts“, beschreibt der Autor erschreckend ehrlich genau das. „Ich verarme, ich schlafe nicht mehr, ich verliere die Kontrolle über mich.“

Glavinic beschreibt dermaßen in die Fresse rein sein Leid, dass es wehtut. So knochensplitter-knirschgeräusch-weh. „Es ist zum All­tag ge­wor­den: Ich gehe nicht zu Bett. Ich bleibe am Schreib­tisch sit­zen, ta­ge­lang, un­ter­bro­chen nur dann und wann durch eine Vier­tel­stunde Kör­perhy­giene oder Haus­ar­beit“, schreibt er und beschreibt einen Absatz später, wie er auf seinem Notebook ein Video findet, das ihn selbst zeigt, „zwei Stun­den lang über den laut heu­len­den Staub­sau­ger ge­beugt (…), schla­fend, zu­wei­len schwan­kend, zu­meist er­starrt in einer wun­der­sa­men Ver­ren­kung.“ Und ich frage mich, was er fühlt, während er einen Menschen sieht, der zwar aussieht wie er, den er aber nicht kennt. Der Dinge tut, an die er sich nicht erinnern kann.

Der Schlaf und ich, wir zwei sind auch nicht gerade die dicksten Freunde. Eher Zweckbeziehung würde ich sagen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal morgens aufwachte, die Augen öffnete und dachte „hurra, hier bin ich.“ Meistens bin ich morgens müder als abends. Aber nicht schlafen, Jacob? Unmöglich.

Wie lange kann ein Mensch funktionieren? Kann Thomas Glavinic noch funktionieren? „Die ba­na­len täg­li­chen Stürze im Steh­schlaf zähle ich nicht mehr. Einen Cut habe ich mir am Kühl­schrank ge­holt, ein Ohr habe ich mir bei einem Ohn­machts­an­fall in der Du­sche auf­ge­schlitzt. Ich schlafe im Ste­hen oder sogar im Gehen ein, die Augen blei­ben of­fen. Mein Geist will nicht mehr, mein Kör­per bleibt eine Weile ver­las­sen zu­rück.“

Es sind einsame, kalte Sätze, die so gar nicht zu dem Thomas Glavinic meiner Erinnerung passen. Dem Autor, der mich 2006 durch den Sommer trug, als ich sein Buch in meiner Wandnische zwischen Kissen und Keksen aufschlug. Dort, wo es sechs Wochen nur Sonne gab.

Und auf einmal bekommt „Die Arbeit der Nacht“ eine andere Bedeutung.

Ich hoffe du schläfst gut Jacob. Ich lese jetzt „Eiscafé Europa“, das Buch von Enis Maci. Danke für dieses Geschenk lieber Jacob.

Dein Lukas

Rückenschmerzen


8. Januar 2018 2019

Lukas, sei gegrüßt,
Es ist mir immer ein Hochgenuss, wo du dich so rumtreibst. Frei nach dem alten Sprichwort, lieber reich und gesund, als arm und krank – oder so ähnlich. 

Nach einem erneuten Zahlendreher beginnt er also von Neuem. Der Alltag, den wir leben, vorne übergebeugt, über dem Schreibtisch, der Arbeit, beim Zähneputzen und Staubsaugen, vor dem Geschirrspüler und der Waschmaschine, über dem Kinderbett und so fort. 

An der Balkonbrüstung lehnend, betrachtete meine Silvestergesellschaft über mehrere Stadteile hinweg das Feuerwerk am Triumphbogen, dort, wo die Champs Elysees beginnt.
Zugegeben war der Blick über die Stadt grundsätzlich hervorragend, Eifelturmblick inklusive, der steht für Luxus und doch aus der Entfernung ähnelte das Farbenspiel einem mickrigen Tischfeuerwerk durch das Fenster eines Nachbarhauses und mir, so richtig nostalgisch aufgeladen, fehlte das Farbenknallfest aus Berlin. Privates Feuerwerk ist in Frankreich verboten.

Zu späterer Stunde tanzten wir in der amerikanischen Küche zwischen Sofa und Fernseher, ein kleines nettes Zusammensein. Das Buffet war vegetarisch und zum Rauchen ging es vor die Tür, vierzehn Etagen hinunter. 
Ja richtig kombiniert, trotz Balkon galt das Rauchverbot auch im Außenbereich. So etwas Radikales, da kannste nur noch abnicken.

Älterwerden ist und bleibt ein Rausch. Auch wenn es so vorhersehbar scheint, kommen immer die Momente, in denen man zurückschaut und sich denkt, ach du liebe Zeit. Die Pärchen ziehen zusammen und kaufen sich Betten, machen Urlaub, um auszuspannen und die ersten Familien im Freundeskreis brechen schon wieder auseinander. 
Ich hab mich immer nach Ruhe gesehnt, während ich es ständig krachen liess. Jetzt habe ich die Ruhe und, nun ja, jeder kennt das, nun bin sehnsüchtig nach dem, was, … usw.
Ach, übrigens, nach meinem letzten Beitrag bekomme ich folgende Nachricht, bitte weine nicht, aber das Bassy gibt es nicht mehr. (Den RocknRoll Schuppen, von dem ich zuletzt berichtet habe.) 

Immerhin schafft es ein einfaches Zahlenspiel, ganze Welten zusammenbrechen und sich wieder aufbauen zu lassen. Die Leute halten inne, resümieren, verweilen, kehren ein, zünden die Emotionsbombe und scheitern in das nächste Jahr hinein, mit Vorsätzen und ohne Alkohol, als wäre Übernacht alles wieder klarer und frischer, wie ein neuer Morgen, nur, dass dieser wirklich bedeutsamer ist, als sich an das korrekte Aufschreiben des neuen Jahres zu gewöhnen. 

Aber was erzähle ich da. Seit Tagen trage ich voller Demut eine Bemerkung durch das neue Jahr, die bei einem Telefonat mit der Familie fiel. Im Plauschrausch fiel der Satz, niemand sagt von sich, er verstünde die Welt nicht, aber letztlich verstehen wir sie alle nicht. 
Ich habe es so interpretiert, dass wir uns zurücklehnen sollten, wie ein Visionär, ein Träumer, ein Fantasierender, anstatt immer vorne über in die Rückenschmerzen hinein. 

In diesem Sinne,
Rücken gerade, weiter machen!
J

Dazwischen


Wörthsee, 31.12.2018
leichte Wellen auf dem See, die Sauna heizt vor

Mein Lieber Jacob,

ich sitze hier, in einem uralten Sessel der mich fast verschluckt. Die Füße auf einem kleinen Hocker abgelegt. Draußen, vor der riesigen Fensterfassade leichter Nieselregen und das allerschönste: Stille.

Ich bin über Neujahr mit Freunden am Wörthsee, der schönste aller Seen im Münchner Umland. Moritz‘ Großeltern haben hier ein fantastisches Haus, so groß und großzügig und verschwenderisch und mächtig, wie es nur Häuser aus den 60ern seien können. Oma und Opa-Häuser.

Du hast mir von deinem Weihnachtsabend erzählt, als du auf der Suche warst nach einem stillen Moment, einem Ankommen. Und wie du dabei gescheitert bist – jedenfalls wenn ich deine traurig-komischen Momente der Einsamkeit richtig interpretiert habe. „Zwischen den Jahren“, heißt die Woche zwischen Weihnachten und Silvester. Ich mag den Ausdruck, auch wenn es natürlich keinen Sinn macht, eigentlich. Zwischen Jahren hängen wir immer und nie.

Für mich schwingt aber auch immer eine gewisse Melancholie mit in diesem Ausdruck. Diese geile Loneliness, das nicht wissen, welcher Tag ist oder wie viel Uhr weil es ja auch egal ist zwischen den Jahren. Irgendwie. Sich lose mit alten Freunden verabreden und viel zu lange viel zu viel Trinken auf die geile Zeit von Früher und dann auf dem Weg nach Hause merken wie fremd man sich geworden ist.

Ich war auf einem Weihnachtsmarkt, letzte Woche, noch in Berlin. Ich habe skurriles gesehen, trauriges und lustiges. Immer aber waren es auch Momente der Einsamkeit. Und deswegen musste ich gerade daran denken. Hier sind ihre kleinen Geschichten:

„Wegzoll: 2 Silberstücke“, steht über dem holzvertäfelten Kassenhäuschen. Mehr nicht. In der Luft liegt der Geruch nach nassem Holz. Nicht schimmlig-modrig, sondern herb-duftend. Wo sonst von Schlaglöchern und Gleisen durchzogener Betonboden ist, liegt Rindenmulch. Auf ihrer Website sind die Betreiber des Berliner Weihnachtsmarktes „Historische Weihnacht auf dem RAW-Gelände“ weniger konsequent. „Silberstück = Euro“, erklären sie dort überkorrekt und pflichtschuldig. Ritter und Gaukler ja, aber bitte auch gesetzeskonform.

Die Familie steht vor der kleinen Bude. Sie ist nicht zu übersehen, steht zentral auf dem Platz, gleich hinter dem Eingangstor in Ritterburg-Optik. Ein Mann sitzt in dem Häuschen, stumm und regungslos. Er ist völlig in weiß gekleidet, selbst Gesicht und Bart sind weiß gefärbt. In seinen Händen eine Feder und ein Buch. „Büro: Briefe an den heiligen Nikolaus – Der heilige Nikolaus erfüllt alle deine Wünsche“, wirbt die bunte Tafel über ihm.

Ein etwa sechsjähriges Mädchen steht mit ein wenig Sicherheitsabstand schüchtern vor ihm. Er schweigt und blickt sie durchdringend an. Dunkle Augen aus einem weißen Gesicht. Einen Taler soll die postalische Wunschübermittlung kosten. Der Vater des Mädchens raucht. Die Mutter drückt ihrer Tochter der verlangten einen Euro in die Hand. „Mama, wohin?“, fragt die Kleine. Stille. An der Vorderseite der Bude ist ein kleiner Plastikkorb angebracht. Die Kasse? Das Mädchen pfeffert die Münze hinein, die Mutter stürzt nach vorne, aber zu spät. Der Mann hat es klimpern gehört, er setzt die Feder an und beginnt zu schreiben. Keine Zehn Sekunden dauert die Darbietung, dann zieht die Familie weiter. „99% Garantie“ steht klein in der rechten unteren Ecke der Tafel. In seinem Plastikkorb liegt nicht viel, vor allem aber kaum Ein-Euro-Stücke.

Gleich nebenan ist der Schießstand. Bogenschießen, aus wenigen Metern Entfernung auf eine Zielscheibe aus Stroh. Eingerahmt werden sie, der Gummi-Fasan und Eber von noch mehr Stroh. Bogenschießen „mit 10 Pfeilen“ kostet sieben Taler. Bogenschießen „mit 10 Pfeilen bitte“ nur Fünf. Gute Erziehung lohnt sich. Unter „Zuschläge“ findet sich „nichtssagender Blick“, kostenlos. Ein Mädchen, um die zehn Jahre alt, ist gerade fertig geworden. Vieler ihrer Pfeile haben den Weg ins Ziel verfehlt. „Bei Frauen ist das räumliche Sehen immer etwas anders“, sagt der Schausteller trocken. Unangenehme Stille macht sich breit. Sie geht weg, er die Pfeile einsammeln. Die Lücke, die er hinterlässt, gibt den Blick auf ein Schild frei. Dort steht: „Den Leibeigenen der Bahn verletzen: Verboten“. Schade eigentlich.

Als es anfängt zu schneien, wuchtet der riesige Mann am Mini-Riesenrad Sandsäcke auf einen der Sitze. Das hölzerne Fahrgeschäft wird von Hand gedreht und erinnert an ein überdimensioniertes Schiffs-Steuerrad. Der Kapitän ist auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Nach drei Sandsäcken scheint er zufrieden.

Anders als das Kind, sein einziger Fahrgast. Es ist größer als die meisten Kinder, die um das Fahrgeschäft herum stehen. Vor allem aber ist es schwerer. Der Junge ist dick. Als sich das Riesenrad Dank Gegengewichten und der Armkraft des Mannes gleichmäßig zu drehen beginnt, wirkt es so, als verstünde es erstmals auch wie dick. Das eigene Gegengewicht in Sandsäcken: mittelalterliches Bodyshaming.

Es ist kurz vor 16.00 Uhr und unter den erwachsenen Besuchern fällt immer häufiger das Wort „Alkohol“. Jetzt, im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit dürfen sich auch endlich die Eltern amüsieren. Der Glühweinstand als Abenteuerspielplatz der Erwachsenen. Dampfende Tassen an den Stehtischen vor dem Stand „Saufhimmel“. „Was macht einen Glühwein zu einem richtig guten Glühwein?“, fragt ein Gast. „Immer der, der ihn trinkt“, antwortet der Verkäufer. Leise rieselt der Schnee, aus den Lautsprechern tönt „Jingle Bells“ in einer Jazz-Version.

Und du flitzt tellerbeladen hin und her, in einem Pariser Restaurant, unter wolkenlosem Michelin-Sternenhimmel.

Lieber Jacob, auf das neue Jahr, auf das Leben und die Liebe.

Bisous,
Lukas

Der Leere-Seiten-Moment


26. Dezember 2018
Heilig Abend war Vorgestern

Ich bin ja mittlerweile Fan von deiner Schreibblockade. Du gehst immer so schön vorbereitet an den Lappi, sei es mit Erdnüssen, Ingwertee, Cini Minis, oder im Café bei Bier und Kippen, um daran zu verzweifeln.

Ein Hoch auf die Weiße-Seiten-Panik. Wir haben sie alle, diese Leere, die uns verfolgt, die unsere Weisheit überschattet, die sich stets zu verstecken weiß, die aus uns herausgesprudelt kommt, dass wir mit dem Schreiben nicht hinterherkämen – die vollkommen überschätzt ist.
Ich bin ein Freund der Kreativität, die aus Langweile entsteht, so richtig bahnbrechender Langweile. Ich habe schon ernsthaft überlegt, meinen Laptop aufzugeben, genauso wie wir den Fernseher aufgegeben haben, im Glauben, am Laptop würden wir nur noch sinnvolles tun und nur noch schöne und spannende Dinge anschauen.
Stattdessen ist der Laptop zum viel größeren Übel mutiert und ich wünsche ich mir nun den Fernseher zurück, der im Wohnzimmer steht, weit weg von meinem Bett. Ich wünsche mir mein Wohnzimmer zurück, dass ich mir in Paris nicht mehr leisten kann.

Was kann ich mir schon noch leisten? Obwohl die ganze Familie, die Freundin und Freunde auf mich warten, folge ich den Anweisungen meines Chefs und arbeite an Weihnachten im Restaurant. Nachdem ich mich damit abgefunden habe, fing ich an darüber zu philosophieren, wer zum Fest in ein Restaurant geht, habe mir Kunden vorgestellt, die allein am Tisch die Auster schlürfen.

Doch die Antwort war denkbar einfach: Touristen, U.S. Amerikaner, Japaner, Holländer, Familien, die sonst verstreut und der Welt auf ein paar Feiertage in Paris zusammenkommen, in einem feinen Laden unter einem Michelin Stern.
Ich durcharbeite eine angenehme Schicht. Die Gäste sind freundlich und das Team hält heute zusammen. Nur, wenn ich an der zum Gastraum hin offenen Küche stehe und dem Chef beim vollenden der Kunstwerke zuschaue und für einen kurzen Moment in meine Müdigkeit hineinhorche, da endet die Eleganz. Hinter dem Koch eilen die Küchenhilfen, Lehrlinge und Assisten. Wer auf ihre Finger schaut, der sieht den Stress, der uns alle durch den Tag trägt. Die Nägel abgekaut, übersät von Verbrennungen und Schnittwunden, die in den Konzentrationslücken entstehen, wenn Mensch täglich fünfzehn Stunden arbeitet.
Der Abend vergeht ohne weitere Höhepunkte. Wir schließen den Laden, ohne auf das Fest anzustoßen. Ich bin dauerhaft müde von der Arbeit, die mich stets verstummen lässt, mich abhält Geschichten aufzuschreiben. Stattdessen geprägt von Konflikten, Streitereien und Ungereimtheiten, die im Team brodeln und durch meinen Kopf schwirren, an Heiligabend um Mitternacht.

Ich spaziere durch ein leergefegtes Paris, im gelben Licht auf dem hellen Steinen. Nur einzelne Grüppchen mit Geschenktüten in der Hand, sind auf dem Heimweg. Ich hoffe auf die Mitternachtsmette in der nahegelegenen Saint Eustache, eine von ihrer Größe her, durchaus beindruckende Kirche.
Als ich vor dem verschlossenem Gotteshaus stehe, will ich mich nicht weiter enttäuschen lassen und stelle mirals Alternative einen guten Drink vor.

Wo sonst Boutiquen ihre Türen öffnen und sich Passanten an den Schaufenstern vorbei drängeln, höre ich in dieser Nacht nur meinen Schuhabsatz auf dem Asphalt klacken. Die Straßen sind still.
Ich komme an einem Hotel an. An der Bar saß ich manchmal mit meiner Freundin. Ich habe sie überredet, über die Feiertage zu ihrer Familie zu fahren, da ich ja selbst nicht zu Hause bin.
Ich bilde mir ein, es gäbe keine bessere Einsamkeit, als an Heiligabend allein an einer Hotelbar zu sitzen und Old Fashioned zu trinken.
Die Hotelbar ist jedoch geschlossen.

Ich drehe noch eine Runde, an Bars vorbei, die in Frage kämen könnten, doch an diesem Abend haben wirklich alle Läden in meiner Nachbarschaft geschlossen. Ich hätte gerne gewusst, ob das in der ganzen Stadt so aussieht und denke an Berlin, wo nach der Familienzeremonie die Feierlichkeiten in Bars und Clubs richtig anlaufen. Am Jesusabend stand ich das erste mal in einem Club, dem Drum and Bass ergeben, zappelte mein fünfzehnjähriger Körper herum. Irgendwann war es Tradition ins Bassy zu gehen, wo ich meine ganze Prenzlauer Berg Generation antraf und zu Rockn Roll abschwofte.
Von all dem ist nichts übrig. Ich laufe. Immer, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straßen, eingekauert in seinen Schlafsack liegen sehe, weiß ich nicht, ob es mir bei dem Anblick besser oder schlechter gehen soll.

Die Nacht endet in der ersten und einzig geöffneten Bar, die ich passiere. Um den Tresen herum stehen Türken mit vollen Whiskygläsern und lassen sich von einer Araberin abfüllen, so erklärt es mir Apo, der Kurde wistar und nicht rausrückte, woher er denn kommt. Er erklärt mir lieber, dass seine Kinder jetzt Franzosen seien und fragt, ob ich nicht seine Brüder kenne aus dem Restaurant gegenüber. Ich solle grüßen.
Es war ein verlorenes Gespräch mit Betrunkenen. Ich gönnte mir zwei Bier. Es ist das erste Mal, dass ich in einer Pariser Bar rauche. Ansonsten fällt das Spektakel aus. Nur als ich gehen will, da lässt mich Apo nicht zahlen. Er würde das übernehmen. Küsse links und rechts, Verabschiedung. Abgang.

Ich beeile mich ins Bett zu kommen, auch wenn ich aus Trotz noch lange wach bleibe, trotz Wecker, trotz Arbeit. Trotz allem bleibe ich stur wie ein leeres Blatt Papier.

Tschau!

Kommunikationsproblem II / Bericht aus dem Inneren


Berlin, 12. Dezember
Neonlicht, der letzte im Büro

Jacob,

im Nachhinein betrachtet weiß ich nicht mehr, warum ich es mir interessant, ja sogar spannend vorgestellt habe, bei einer Behörde anzurufen.

Als ich die Nummer der Hotline wählte, melde sich eine Frau. Die Leitung knisterte, ich fragte kichernd – zuvor hatte ich mir fünf Minuten imposante klassische Musik in der Warteschleife anhören dürfen: „Guten Tag, spreche ich mit Europa?“

Stille. Auf persönliche Fragen dürfe sie nicht antworten, meinte sie, ich müsse eine offizielle Presseanfrage stellen. Und ja, irgendwie hast du das schon ganz gut getroffen Jacob, als du deinen eigenen Anruf beschriebst. Diese EU-Hotline ist tatsächlich so cool, „wie der elterliche Mix aus Liebe und Verantwortungsgefühl für den zu Erziehenden.“ – Pubertierenden Erziehenden möchte ich hinzufügen.

Ich schrieb also eine Mail, eine „offizielle Presseanfrage“ und verlor da schon den Mut, die Euphorie, die Lust.  Lange bevor ich Anfang der Woche eine Antwort bekam.  Absender: EDCC, Betreff: Europe Direct – 101000393805

Sehr geehrter Herr Krombholz,

Vielen Dank für Ihre Anfrage an das Europa Direkt Kontaktzentrum.

Ihre Anfrage wurde an den zuständigen Dienst der Europäischen Kommission weitergeleitet. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld und geben Ihnen hiermit die Antwort der GD COMM:

„Für sachliche Hintergrundinformationen über die Arbeit des Europa Direkt Kontaktzentrums können Sie sich gerne an den zuständigen Dienst in der Generaldirektion Kommunikation der Europäischen Kommission in Brüssel wenden.

Mehr über die Aktivitäten des Kontaktzentrums erfahren Sie in diesem Jahresbericht: https://ec.europa.eu/info/publications/annual-activity-report-2017-europe-direct_de„.

Wir hoffen, dass Ihnen diese Informationen weiterhelfen. Bitte kontaktieren Sie uns erneut, wenn Sie weitere Fragen zur Europäischen Union, ihren Aktivitäten oder Institutionen haben.

An diesem Punkt bin ich ausgestiegen. Das hatte nichts mehr zu tun mit meiner spontanen Idee von einem netten Pläuschchen mit Tante Europa.
Ich meine check out the Jahresbericht. Aber Statistiken und Säulendiagramme am Arsch. Ich nehme nur Tortendiagramme. Und zwar ausschließlich die „Torten der Wahrheit“ aus der ZEIT.
Europa Kontaktzentrum? R.I.B. – Rest in Bürokratie.

Jacob, ich saß gestern Abend auf dem Sofa. Kanne Tee, Bademantel, Laptop auf dem Schoß. Eigentlich meine kleine Schreibwerkstatt. Aber irgendwie kam nix. Mal wieder. Immer noch schon wieder mal wieder nicht. Text längst überfällig, dich seit einer Woche nicht zurückgerufen. Da ist sie wieder, diese verfluchte Weiße-Seiten-Panik.  Irgendwann habe ich kapituliert. Endstation Youtube, Sackgasse, kein Weg zurück.

Und ich weiß nicht warum, aber ich habe angefangen Dankesreden anzuschauen. Vom deutschen Fernsehpreis, von den Oscars natürlich. Einfach quer durch. Musik und Film, Theater und Hochzeiten. Ein Hoch auf dich, du abnormal teuflische Youtube-Vorschlags-Seitenleiste.

Vor allem aber haben mich die Reden von Edin Hasanovic (Goldene Kamera 2016 als „Bester Nachwuchsschauspieler“) und Markéta Irglová (Oscar für den Song „Falling Slowly“ in der Kategorie „Best Original Song“) berührt. Da war so viel Energie. So so viel davon! Wie ehrlich die Beiden in ihren Dankesreden sind. Wie viel in ihren Worten steckt, weil sie – glaube ich – in diesem Moment wirklich sie selbst sind. Diese Videos haben mir mehr gegen meinen Herbst-Blues (und Schreibblockade) geholfen als diese bescheuerten Vitamin-D-Kapseln aus dem Drogeriemarkt. Ja sogar mehr, als Rotwein und Musik.

Stichwort Musik: Auf meine Frage, welch wunderbare Sinfonie eben in der Europa-Warteschleife lief, meinte die Frau am Telefon: „Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe selber noch nie bei uns angerufen.“

Kommunikationsproblem


Paris, 20. November

Es war eine schöne Idee von dir, Europa anzurufen. Ich war begeistert und freute mich, einen Beitrag über die Hotline zu schreiben.
Ich rief also an und plauderte daher, doch mein Fazit war so unspektakulär, das taugte zu einem Satz, der Telefonservice ist eine Art Ratgeber gegen Bürokratiehürden, für in Europa Reisende und Umherziehende.

Dazu fiel mir nur ein: Die Europäische Union versucht zu helfen, an die Zukunft zu denken und Angebote zu schaffen. Das klang so cool wie der elterliche Mix aus Liebe und Verantwortungsgefühl für den zu Erziehenden.

Ich wollte beschreiben, die EU habe Kommunikationsproblem und stoße deshalb auf taube Ohren. Was nützt es ihr, transparent zu sein, wenn niemand seine Aufarbeitung wahrnimmt – oder warst du schonmal auf www.europa.eu?

Ich driftete ab.

Ich versuchte das Sprichwort, Mensch muss nicht alles wissen, sondern nur, wo es steht! einzubinden und fragte mich, ob dieses noch gültig sein kann, bei all der Desinformation im Internet?

Ich stellte mir vor, wie die Kinder der Fake News Eltern sich an den vorgelebten „Quellen“ orientieren.

Ich war dabei, die Gesellschaft als Wutbürger zu beschimpfen, dem kleinsten Nenner des Nationalismus, der sich der EU nicht annähern will, sondern darauf beharrt, sie sei ferngesteuert und unseriös, so in etwa, wie er mit den öffentlich-rechtlichen Medien umgeht.

Ich war drauf und dran den Journalismus zu preisen, der mit Handwerk gegen die Intransparenz von Informationsflut im Internet ankämpft.

Ich war sicher, das Internet als die größte Müllkippe des 21. Jahrhunderts bezeichnen zu müssen.

Vor allem aber, war ich auf dem besten Weg diesen Artikel gehörig gegen die Wand zu fahren.

Zum Glück stellte ich rechtzeitig fest, dass flughafeneuropa vielmehr ein Gefühlseinblick ist, in die Perspektive zweier Europäer und deshalb wollte ich unbedingt den Bogen spannen, zu einer mir viel wichtigeren Bemerkung deines vergangenen Beitrages.
Du hast davon gesprochen, dass du dich bei wirklich einschlägigen Verabschiedungen sehr leise und zurückgezogen verhalten hast.

Mir ging es genauso. Ich verstummte förmlich, bevor ich nach Frankreich aufbrach. Der ganze Tamtam um Abschiede ist doch nur Ablenkung von Unsicherheit und Trauer, überzogen von Schauspiel. Jeder bedeutende Weggang ist der leise, still dahin zu verschwinden, einen kleinen Tode zu durchleben. Was gibt es schon zu sagen, bevor man auseinander geht?
Ich habe nur die absolute Minderheit verabschiedet. Vielleicht ahnte etwas in mir bereits, dass es sich nicht einfach um eine gewöhnliche Reise handelte.

 

Apropos Weihnachten: Ich wünsche mir ganz fest, dass Europa progressiv bleibt wie eine Wiedergeburt!

Freude schöner Götterfunken,
Jacqueson