Betäubt


30. August 2019

Jetzt bist du soweit rausgeschwommen, der Strand, wo alles herumströmt, ist weit weg. Deine Arme fühlen sich schon flau an. Doch hier draußen kannst du frei schwimmen, mit aller Radikalität, hinter den Brandungswellen verschwunden. Hier entfaltet sich deine wahre Kraft, dein Durchhaltevermögen. Du treibst auf der Oberfläche, Arme und Beine ausgestreckt. Um nicht abzusinken, ruderst du mit den Händen oder strampelst mit den Beinen. Hier gibt es kein Gedränge, kein Platzmangel, keine Streitereien, ausschließlich freie Entfaltung. Du musst immer in Bewegung bleiben. Stillstand ist nicht möglich, sonst droht der Untergang. Du schwimmst und schaust in den Himmel, über dir und in die Unendlichkeit, auf der du treibst.
Jeder Luftzug gewinnt an Bedeutung. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen. Um dich herum ist nur noch Wasser. Du steuerst gegen eine wachsende Beklemmung an und tauchst unter und schaust dich um, nur dein Haarschopf an der Oberfläche. Da kommt eine rötliche Wolke angeflogen, ganz langsam aber bestimmt. Sie beruhigt dich, du hältst inne. Plötzlich jedoch, als wäre sie herangesprungen, ist sie zu nah, als wäre sie von dir angezogen. Du willst noch ausweichen, doch es streift dich, das Wesen und dein ganzer Arm beginnt zu brennen.

Du wachst auf. Dein Arm schwer und schmerzverzehrt. Du liegst auf ihm und drehst dich als erstes von ihm herunter. Du spürst ihn kaum mehr. Er ist betäubt bis hinauf unter die Schulter, der rechte Arm. Du willst ihn bewegen, doch bekommst das Muskelfleisch kaum angehoben. Du erwachst und greifst entlang des Fleisches. Du spürst eine fremde Haut, die nackte Oberfläche, kalt irgendwie, darunter nichts. Du knetest. Dein Inneres ist gefühllos. Auf dem Rücken liegend, schiebst du ein sechshundert Seiten starkes Buch mit der linken Hand zurück unter deinen Kopf, das seit einiger Zeit das Kissen ersetzt und hältst inne.
Blut strömt in den rechten Arm, den du mit der linken Hand bearbeitest. Nur mit derer Hilfe gelingt es dir, den rechten Arm anzuheben. Als du ihn selbständig wieder ablegen willst, klappt die Hand am Gelenk herunter. Die Schwere seiner selbst, ein Phantomgewicht, ein Fremdkörper, den du nicht kontrollieren kannst. Du liegst, nun erwacht und knetest und hoffst, dass das wieder wird mit dem Arm. Du schaust aus dem Fenster. Es trübt bereits der Tag hinein in das schwarz. 
Du glaubst das Blutrauschen in deinem Arm zu hören. Das Körpergefühl kommt bestimmt vollständig zurück, doch darin steckt ein unbequemes Gefühl. Du bist nicht sicher, ob es an der kurzen Angst lag, deinen Arm zu verlieren oder dem Traum, der dir das Bauchgefühl eingebrockt hat. Du streifst die Finger deiner rechten Hand einzeln über dem Daumen ab.
Der Superproll, der letztens deinen Weg auf der Straße kreuzte, grätscht in das Durcheinander. Du willst nicht an ihn denken, doch zu spät. Jetzt denkst du wieder an ihn, an seine Gefahr. Du fühlst dich unwohl, bei geschlossenen Augen in deinem Bett.

Nach dem Regen


Dienstag, 13. August 2019
Paris, in der Orangerie vor Monets Seerosen.

Die ganzen Touristen vergisst du jetzt einfach mal. In der Tiefe liegen die Wurzeln begraben. Trauerweiden ragen über dem Wasserkreislauf. Sie wirken aufeinander, nehmen einander an, verlieren sich ineinander. Die hängenden Weiden münden in Wolkentürmen, einem Bett für Seerosen. Kleine Gemeinschaften, die einen lose, die anderen pulsierend, gedrängt mit einer der seltenen Blüten, die das Matt aufbrechen, sich dem Verlauf entgegenstellen und die ganz anderen, die unter der Oberfläche zu verschwinden drohen und ganz flach und angepasst verharren.
Der Himmel steigt hinab und dringt in das Wasser. Da bleiben keine Details mehr, nur noch großes und ganzes.

Die Farben auf den Oeuvre zeugen von Wetter im eigentlichen Sinne. Wolken nehmen Schatten. Ein Brise streicht über das Wasser, über grün leuchtenden Flöße für das umherfliegende, nicht zu erkennende Insekt. Flöße, die als Dächer dienen, für die unter den blauen Kurven Lebenden, den allzeit Tauchenden. Das Schilf, der Wald. Schon seltsam, ein Leben unter Wasser. Du kannst hinabfallen und ertrinken, auf dem grünlich durchschimmernden Grund. Ein Fisch muss hinaufgezogen werden, aus seiner Leichtigkeit heraus, dem Licht entgegen, dem trommelnden Regen, hinein in die lastende Schwerkraft, direkt in den Tod. Ohne Bewusstsein bleibt ihm das Grauen erspart und Fotos braucht er auch nicht von sich machen. Nach dem Regen.

Das Licht verrät die Tageszeit nicht. Es kommt matt und satt und verlaufen daher, etwas zwischen Morgenstunmung und der letzten sich aufbäumenden Energie, dass in dem sich verdichtenden Schilf hängt, wo kein Platz mehr ist für Rosenblätter, die noch ein paar Meter weiter zwischen den Halmen ankern. Ein Dickicht, verborgen in der Farbpalette, eine Zwischenwelt, wohlmöglich ein Sonnenstrahl, der da reinfällt. Die Wärme eines erloschenen Sternes, die nachhallt und den Lichtausklang hinter sich herzieht. Am Rande des Scheins brodelt sich etwas zusammen. Es suppt bräunlich, beinah Stillstand, in die Erde mit greifenden Bewegungsresten hinein. Einem Ort, da könnten die Fische an Land gehen. 

Hängen geblieben


Dienstagnacht, 6. August 2019
Auf gut Glück

Sonst nimmst du immer den Fahrstuhl, doch heute läufst du das Treppenhaus hinunter, über zweihundert Stufen. Irgendwann verzählst du dich. Auf der Straße bist du kaum ein paar Meter gelaufen, unter den Lichtkegeln der Laternen, da hörst du Musik aus der Weite , sie erfüllt ihren Zweck und schüchtert dich ein. Als du näher gekommen bist, kommt der übelste Prolet auf dich zu, plötzlich ein paar Meter vor dir, aus der Dunkelheit heraustretend, wo das Getöse seiner Hängergruppe und die pumpenden Bässe herkommen. Seine Muskelberge beängstigen dich. Er könnte dreißig sein oder auch achtzehn. Nur seine Höflichkeit passt nicht in diesen Körper. Mit einer Mischung aus Vorsicht und Freundlichkeit fragt er, ob du nicht zufällig Feuer hättest. Du sagst nichts, beginnst aber in deiner Jackentasche zu kramen, wissend, dass da kein Feuer ist. Er hält einen Joint in der Hand und betrachtet dich: Noch was vor, altah, gehste feiern?
Dein Herz springt in deiner Brust. Du traust ihm kein Wort. Da knallt eine Fahrradbremse in die Eisen und das Gerät schlittert in deinem Rücken über den Asphalt heran. Vor Schreck springst du nach vorn und krümmst Schultern und Beine. Gelächter aus der Bassecke. Auch der Proll lacht laut und breitet die Arme in Richtung des Fahrradfahrers aus. Du schaust dich um und über einem Mountainbike steht ein zweiter Proll, der alten Schule: Karottenhose, Polohemd und die Kappe passend zu den Sneakers locker aufgesetzt. Dass es das noch gibt, denkst du erstaunt, beim Aufeinanderschallen ihrer hohlen Hände, hinein in die Nacht. Der Fahrradfahrer sieht den Joint und zieht die Feuerflamme aus seiner Jackentasche. Du machst einen Schritt zurück. Der Proll reagiert kreischend auf diesen Zaubertrick. Junge, was geht?! Sie wenden sich ab von dir. Der Proll dreht sich ein letztes mal um, hebt die Hand zu einer Art Gruß, lass gut sein. Ok, murmelst du und gehst weiter, den Lichtkegel entlang.

Was sind das für Typen, die so böse gucken können, aus ihrer Kinderseele? Gehören die zu den Guten oder sind das schon die Bösen, die Arschlöcher mit dem freundlichen Grinsen? In deinem Kopf schwirren immer wieder die vielen Momente umher, längst vergangen, mit alten Kollegen, Begegnungen mit Fremden und aus geplatzten Beziehungen. Unzählige Situationen, die zurückbleiben, in denen du dich betrogen, ausgenutzt oder angegriffen fühltest.
Du erwischst dich bei der Frage, in welcher Köpfe bist du selbst, mit deinem Auftritt, deiner Meinung, deinen Forderungen hängen geblieben, als fiese Gestalt, der Nacht, der Macht, als jemand, der Mist gebaut hat, Scheisse gelabert, sich daneben benommen hat, sei es dem Alkohol verschuldet, einer Übernächtigung, Eroberungsgier oder dieser Gruppendynamik. In Momenten, wo aus dir das Böse herausplatzte, aus dir dem guten Menschen. 

Du läufst ein Stück, doch weisst nicht wohin. Jetzt kommt eigentlich nur Bar infrage. Doch da gibt es nur Alkohol. Der passt jetzt aber grade nicht rein. Du brauchst etwas Konstruktives. Du könntest mal wieder jemanden anrufen. Quatschen, die Weltlage besprechen. Du willst zuhören, etwas beobachten, worin du dich treiben lassen kannst. Für einen Telefonplausch ist es schon zu spät. Du drehst um den Häuserblock und steuerst wieder nach Hause. Dabei meidest du selbstverständlich die Gruppe. Diesmal nimmst du nicht die Treppen, dir aber vor, ins Museum zu gehen oder am Wasser entlang, in einen kleinen Park, etwas beobachten. Natur. Allheilmittel.

Gute


Samstag, 3. August 2019

Du fühlst dich versperrt, Unwohlsein steigt in dir auf. Du stotterst nach Worten und bist unmittelbar mit deiner kognitiven Fähigkeit konfrontiert, wie ein Schachspiele. Du bist unfähig, einen überlegten Zug zu machen, der mit einer ursprünglichen Idee begründet ist, geschweige denn hast du einen Plan, um die Problemstellung zu lösen. Es gibt Dinge, die kannst du besser als Schach, ja klar, aber allein die Vorstellung eine Figur verschieben zu müssen, fühlt sich furchtbar beladen an, mit deinen Argumenten über den Verlauf einer Herausforderung zu entscheiden. So ähnlich muss es auch Politikern gehen, nur, dass sie da meistens mehr Parteien sind, bei der jeder von sich glaubt, der Gute zu sein und die richtigen Züge zu machen. 

Jeder behauptet von sich, der Gute zu sein, dafür musst du aber keine Staatslenker aus der Zeitung beobachten. Auch du glaubst von dir, auf der guten, auf der richtigen Seite zu stehen. Es reicht, wenn du die Häuserschlucht hinabschaust, auf die da unten, die Verantwortungslosen, Schmarotzer und die da oben sowieso, aber allem voran auf die prüde Jugend, die lieber gläsern ist, aber jedenfalls immer aggressiv. Du brodelst vor dich hin, still und starr. Du bist der Gute. So viel steht fest. Die anderen behaupten es auch, das steht jedoch längst nicht fest. 

Dir schauert es, du fürchtest den Krawall von der Straße. Alle sind angeekelt von einander. Die Alten von den Jungen, umgekehrt sowieso. Du fühlst dich benutzt, deiner Kapazität beraubt. Du fragst dich, ob das alles so legitimiert ist. Sicher ist es normal, zehn Stunden am Tag zu Arbeiten, ständig mit dir zu ringen, Kompromisse zu finden, sich anzuschreien, im Sommer kurz zu tragen, im Winter zu Hause zu bleiben. Doch du willst radikal sein, kompromisslos wie die Musik der Jugend da unten.

Das wolltest du dir immer beibehalten. Du wurdest so erzogen, deinen Weg zu gehen. Jetzt sitzt du hier oben und denkst kompromisslos sein, heisst verschlossen bleiben, das wiederum an Dummheit grenzt und Dummheit macht schliesslich wütend und schafft all die Wut, die uns umtreibt, weil jeder seiner hohlen Birne hinterher tanzt und letztlich dann böse ist. 
Im Gegenzug, kompromisslos dem Guten folgen, braucht vor allem Kompromisse. Du steigst von deinem Turm hinab, obwohl es schon dunkel draussen ist und gehst hinunter auf die Strasse. Es fühlt sich furchtbar radikal an.

Systemrausch


Mittwoch, 24. Juli 2019
Auf der Bremse

Du hast dir Brote geschmiert und sogar Gurke und Möhre aufgeschnitten. Dazu trinkst du Kaffee. Du hast den Laptop aufgemacht, um nun endlich einmal nachzuschlagen, was es mit einer Demokratie ohne Kapitalismus auf sich haben könnte. Du wolltest dies schon seit geraumer Zeit tun und nun ist es dir endlich, also beim Brote Schmieren wieder in den Sinn gekommen. 
Du hast also den Laptop aufgemacht, den Browser geöffnet und du hast die Schlagwörter schon in Suchleiste eingegeben und hast wohl auch schon Enter gedrückt, doch dann plötzlich, ganz unbewusst, bist du abgedriftet, irgendwie mit der Maus verrutscht und bist ganz woanders gelandet, hast irgendwas gelesen und angeschaut, da bist du dann hängen geblieben, festgeklebt am Bildschirm.
Du hast dir zum ersten Mal die Serie Kir Royal angeschaut, warst mit der Münchener Schickeria der 1980er unterwegs, also auf Youtube. Darauf gekommen bist du, weil deine Freundin sich vergangenes Wochenende eben diesen Aperitif in einer Brasserie bestellt hat und schon verstrich der Tag wie deine Mahlzeit. Nachts konntest du nicht schlafen, wo du doch sonst über Hörbücher immer nach ein paar Minuten weg bist. Sybille Berg hat dich wachgehalten: GRM – Brainfuck. Die gesellschaftliche Selbstzerstörung im Teufelskreis des totaldurchleuchtenden Datenwahnsinns. Wenn du an das Buch denkst, bemerkst du, wie du noch immer unter Schock stehst. 
Ob es da einen Zusammenhang gibt, zwischen dem Kir Royal deiner Freundin und dem Vorschlag der Serie auf Youtube? Durch Bergs Roman gerätst du ins Grübeln, also ins Stottern, nein, du bleibst schockiert.

Zwei Tage später fällt dir wieder ein, das du Demokratie ohne Kapitalismus googeln wolltest. Achtundvierzig Stunden später schaffst du es also den richtigen Tab zu öffnen. Zweimillionen Treffer ergibt die Stichwortsuche. Dir reichen die ersten zehn. Du beginnst zu lesen und dir deine eigenen Gedanken zu machen. 
Ruckzuck und voller Motivation befindest du dich zwischen theoretischen und praktischen Grundsatzfragen, all die aktuellen Bedrohungen der Demokratie, ausgelöst durch den Kapitalismus, der Systeme in Krisen führt, weil die Antworten auf immer größere, gesamtgesellschaftliche und grenzübergreifende Fragen auszubleiben scheinen. 
Du bist auf der Suche nach einem zusammenfassenden Absatz. Dieser jedoch bleibt aus. Das Netz spinnt sich in alle Richtungen. Ein Blick in die Welt beweist, Demokratie ist gerade ziemlich uncool. Sie buhlt um ihre Glaubwürdigkeit, verursacht durch das Maximierungssystem, das mit jedem Machtinteressierten in die Kiste springt. Der Kapitalismus verkauft sich selbst immer noch am besten. China ist hoch im Kurs.
In den Armen des Kapitalismus streben die Chinesen nach Weltmacht, durch Digitalisierung und Automatisierung, die findet dort seinen Rausch, in einer Dimension, der anderswo nur bruchstückhaft nachgeeifert werden kann.
Wie hier in Europa, wo die Dinge nicht mehr so zusammenpassen. Privatsphäre und Daten, Klimaziele und Lebensstile, Demokratie und Wettbewerb, Aufrüstung und Abrüstung, Arbeit und Automatisierung, Wirtschaftsinteressen und Politikerverstand. 
Wohingegen man China unterstellen muss, nicht mehr zu hinterfragen und tatsächlich einmal die orwellsche Dystopie heranziehen kann, wenn der Bürger handlungsunfähig wird und nur noch ausführt, weil ihn der Staat durch totale Überwachung und Manipulation auf Linie zwingt.
Warum eigentlich geht es immer darum Systeme weiter am Laufen zu halten – koste es (also dem Kapitalismus) was es wolle? Oder ist das so eine Art Vorbereitung, weil selbst die Chinesen nicht wissen, was sie mit 1,3 Milliarden Menschen machen sollen, wenn deren Arbeit automatisiert ist?

Du bist deprimiert, du möchtest zurück ins Bett oder auf deinen Gedankenstuhl. Über dein isoliertes Befinden nachzudenken, scheint dir einfacher. Du versuchst zwar halbwegs die Entwicklungen zu verfolgen, jedoch fällt jeder Gedanke dazu schwer. Zu viele Fragen und gedankliche Sackgassen sind unangenehm. Wo sind die radikalen Demokraten? Wie ändert man ein System?
Keine weiteren Fragen. Du musst Bergs Roman GRM zu Ende lesen, auf Besserung hoffen oder gleich zum Kir Royal greifen, Champagner mit Cassis und Besserung propagieren. Sonst steigt die Welt über dich hinaus, soviel steht aktuell fest.

Stress


Mittwoch, 17. Juli 2019
auf und ab

Zurück auf dem Stuhl. Der Kopf schmerzt ein wenig vom Sturz, doch es ist okay. Es passt, ein gewohnter Schmerz, den du kennst, von den Abenden nach der Arbeit, an denen du ein Bier zuviel getrunken hast. 
Du hast dir ein Glas Wasser geholt, den Stuhl wieder hingestellt und dir das Kippeln untersagt. In der Schule hast du auch immer gekippelt, alle haben das. Vielleicht, weil es ja heißt, sitzen sei unnatürlich, entweder man stehe oder liege, aber sitzen mache den Körper kaputt. Vielleicht bleibst du deshalb so gerne liegen. Gemütlich stehen, das ist ja eher ein Widerspruch. Aber liegen, erinnert dich immer auch an die Starre. Was hast du nicht alles im Liegen verstreichen lassen. Du hast vor dich hin sediert. Nichts anderes eigentlich, als auf einem Stuhl zu sitzen. Nur, dass du im Liegen immer zwischen Schlaf und Bewusstsein gependelt bist. Damals schon hast du von deinem Teil in der Gesellschaft geträumt, Teil des Stroms zu sein, der dich einerseits leitet und dir andererseits Platz bietet, dich zu entfalten. Auf dem Stuhl ist nun einiges klarer. Der Strom präsentiert sich wie eine Fata Morgana, der du dich zwar annähern kannst, die aber immer ein Versprechen am Horizont bleibt, denn nun bist du Teil dessen. Du fühlst dich aber weder geleitet, noch bereitet er dir Platz zur Entfaltung.

Im Gegenteil bist du betroffen von einem alles unterwandernden Stress, ausgelöst durch den Strom. Ihm Folge zu leisten, Mängel zu überwinden, im vorgegebenen Tempo. Du hast noch dieses und jenes und du brauchst und vor allem musst du immer und dir fehlt und so fort. Die Geschwindigkeit des Stroms ruft bei dir eine entgegenlaufende Verlangsamung hervor. Du fühlst dich angegriffen, das hat deines Erachtens nichts mit propagiertem, sogenannten gesunden Stress zu tun, der dich fördere und dir Aufwind verschaffe. Wo ist er hin, dieser Fördergeist, in welches Kapitel musst du zurückblättern? Du gehst tagtäglich deiner Dinge nach, doch sobald der Stress Leine lässt, räumst du dir alle Zeit der Welt ein, du hältst die Uhren komplett an, schmeißt die Batterien raus und legst dich hin und lässt dich treiben. Du schaltest dich aus. 

Obwohl du dir immer vornimmst, deine Freizeit zu nutzen, um ein schlaues Buch zu lesen, einen guten Gedanken zu entdecken oder etwas zu lernen, das du noch nicht kannst. Du willst aktiv sein, inspiriert und raus in die Welt, dich ihr stellen. 
Doch vielmehr und über all diesem Willen stehend, entpuppt sich dein deine Verweigerung, sich dem unaufhörlichen Trubel zu stellen, dem Konsum um dich herum, den Begierden und Versprechen. Du denkst daran, was du heute Abend essen wirst, womit du dich vollstopfen möchtest, vor dem Fernseher, mit hochgelegten Füßen, bei offenem Fenster.
Essen. Jetzt. Dir knurrt der Magen. Du nimmst einen Schluck aus dem Wasserglas und kleckerst über Mund und Hals auf dein Oberteil. Du schreckst hoch, aus einer halb liegenden Position. Beinahe wärst du mit dem Po über die Stuhlkante gerutscht, der Nacken schon an der Stuhllehne. Da hast du schon wieder halb gelegen, auf dem Stuhl gelegen, mit abgestütztem Kopf und beinahe wärst du mit dem Hintern über die Stuhlkante gerutscht.