Stress


Mittwoch, 17. Juli 2019
auf und ab

Zurück auf dem Stuhl. Der Kopf schmerzt ein wenig vom Sturz, doch es ist okay. Es passt, ein gewohnter Schmerz, den du kennst, von den Abenden nach der Arbeit, an denen du ein Bier zuviel getrunken hast. 
Du hast dir ein Glas Wasser geholt, den Stuhl wieder hingestellt und dir das Kippeln untersagt. In der Schule hast du auch immer gekippelt, alle haben das. Vielleicht, weil es ja heißt, sitzen sei unnatürlich, entweder man stehe oder liege, aber sitzen mache den Körper kaputt. Vielleicht bleibst du deshalb so gerne liegen. Gemütlich stehen, das ist ja eher ein Widerspruch. Aber liegen, erinnert dich immer auch an die Starre. Was hast du nicht alles im Liegen verstreichen lassen. Du hast vor dich hin sediert. Nichts anderes eigentlich, als auf einem Stuhl zu sitzen. Nur, dass du im Liegen immer zwischen Schlaf und Bewusstsein gependelt bist. Damals schon hast du von deinem Teil in der Gesellschaft geträumt, Teil des Stroms zu sein, der dich einerseits leitet und dir andererseits Platz bietet, dich zu entfalten. Auf dem Stuhl ist nun einiges klarer. Der Strom präsentiert sich wie eine Fata Morgana, der du dich zwar annähern kannst, die aber immer ein Versprechen am Horizont bleibt, denn nun bist du Teil dessen. Du fühlst dich aber weder geleitet, noch bereitet er dir Platz zur Entfaltung.

Im Gegenteil bist du betroffen von einem alles unterwandernden Stress, ausgelöst durch den Strom. Ihm Folge zu leisten, Mängel zu überwinden, im vorgegebenen Tempo. Du hast noch dieses und jenes und du brauchst und vor allem musst du immer und dir fehlt und so fort. Die Geschwindigkeit des Stroms ruft bei dir eine entgegenlaufende Verlangsamung hervor. Du fühlst dich angegriffen, das hat deines Erachtens nichts mit propagiertem, sogenannten gesunden Stress zu tun, der dich fördere und dir Aufwind verschaffe. Wo ist er hin, dieser Fördergeist, in welches Kapitel musst du zurückblättern? Du gehst tagtäglich deiner Dinge nach, doch sobald der Stress Leine lässt, räumst du dir alle Zeit der Welt ein, du hältst die Uhren komplett an, schmeißt die Batterien raus und legst dich hin und lässt dich treiben. Du schaltest dich aus. 

Obwohl du dir immer vornimmst, deine Freizeit zu nutzen, um ein schlaues Buch zu lesen, einen guten Gedanken zu entdecken oder etwas zu lernen, das du noch nicht kannst. Du willst aktiv sein, inspiriert und raus in die Welt, dich ihr stellen. 
Doch vielmehr und über all diesem Willen stehend, entpuppt sich dein deine Verweigerung, sich dem unaufhörlichen Trubel zu stellen, dem Konsum um dich herum, den Begierden und Versprechen. Du denkst daran, was du heute Abend essen wirst, womit du dich vollstopfen möchtest, vor dem Fernseher, mit hochgelegten Füßen, bei offenem Fenster.
Essen. Jetzt. Dir knurrt der Magen. Du nimmst einen Schluck aus dem Wasserglas und kleckerst über Mund und Hals auf dein Oberteil. Du schreckst hoch, aus einer halb liegenden Position. Beinahe wärst du mit dem Po über die Stuhlkante gerutscht, der Nacken schon an der Stuhllehne. Da hast du schon wieder halb gelegen, auf dem Stuhl gelegen, mit abgestütztem Kopf und beinahe wärst du mit dem Hintern über die Stuhlkante gerutscht.

Im falschen Haus


Mittwoch, 10. Juli 2019
Ganz woanders

Du schaust auf deine Buchseiten, zurückgelehnt in einen Liegestuhl. Du verstehst, was dort geschrieben steht, aber es will dir nicht in den Kopf. Du kannst es dir weder vorstellen, noch wiedergeben, noch irgendwie merken und liest und liest und hoffst bloß irgendwann auf den folgenden Seiten einzusteigen, dass Worte fallen, die du zusammenführen und du dir vorstellen kannst. Du liest und liest, in deiner Muttersprache. Doch es nützt nichts. Das Buchseitenweiß schimmert im blassen Cremeton unter dem Schriftbild. Du verstehst deine eigene Sprache nicht. Im Hintergrund ein Farbspiel aus Wiesen, grün, Palmenblätter, Swimmingpool, blau, der Himmel klar und weit. 

Der Garten, in dem du liegst, grenzt an ein Haus, ein versteckter Riese, der sich kleingemacht, gänzlich unscheinbar nach außen. Doch in seinem Bauch, du schaust einfach hinein, siehst du drei Salons und eine Wendeltreppe hinauf in die Etage mit den Schlafzimmern.

Du bist im falschen Haus.

Eben noch bist du herumgeschlichen und hast dich umgeschaut in dem Haus. Es kam dir bekannt vor, du warst aber noch nie zuvor hier. Du kamst die Treppe hinunter, da hast du erstmals das Wohnzimmer und seine Sofalandschaft gesehen. Als du die Küche fandest, hast du dich an den Tisch gesetzt und bevor du überlegen konntest, ob du dich bedienen darfst, stand eine Haushälterin in der Tür. Sie lächelte, grüßte, glitt lautlos um dich herum und servierte Kaffee. Du bist sitzen geblieben, verwirrt und hast Kaffee getrunken, während die Haushälterin anfing, Frühstück zuzubereiten. Du hast diese Frau noch nie zuvor gesehen, aber unbekannt war sie dir nicht. Als die Haushälterin ihre Arbeit getan hat und du verköstigt warst, verschwand sie wieder im Haus.

Eben noch lagst du mitsamt Stuhl in deiner Einraumwohnung. Jetzt bist du woanders, ganz woanders. Du musst träumen. Im Garten hingegen liegt es sich fantastisch. Du fragst dich, warum alles so leicht und friedlich daher kommt. Du schaust in den Himmel. Du atmest die Sommerluft. Du denkst an Europa, an Paris. Du stellst dir den Kontinent vor, ohne Grenzverläufe auf der Karte, nur das Relief und seine Städte. Du guckst von oben herab und siehst wie die Farben des Hoch- und Flachlandes ineinander laufen, von Nord nach Süd, von Reykjavik bis nach Istanbul. 

Doch du bist ganz woanders. 

Du denkst an die Haushälterin. Du betrachtest den Pool. Du liegst in einem Garten mit Pool und Haushälterin. Du hast ein Buch in der Hand. Du bist leicht, gesund und wach. Die Luft könnte kaum angenehmer sein, halbschattig warm. Du bist fern von krankmachendem Stress. Stress. Dem Gefühl, das dich innerlich kaputt macht. Das dir ernsthaft Sorgen bereitet. Stress, der dich zum Hypochonder macht, dir Krankheiten in den Körper pflanzt, dich von allem Wichtigen ablenkt, dich in die Knie zwingt und versklavt. Dir wird schummerig. Selbst darüber nachzudenken, hier weit fern im Traumland, durchfährt dich mit Unwohl. Du merkst, da stimmt etwas nicht. Dir wird schon wieder flau. Der Schmerz, dieser Druck, verankert in Brust und Kopf. Du atmest tief ein und aus, durch den offenen Mund. Du wehrst dich mit Armen und Beinen gegen das Zittern. Du bist müde, verdammt nochmal müde. Du spürst, wie du dich bewegst und dann realisierst du es. Nein, du willst es nicht wahrhaben, aber es ist unausweichlich. Du zwinkerst erstmals mit den Augen und wachst auf. Dein Bewusstsein fährt durch deinen Körper. Du liegst da, zurück in deiner Wohnung, auf dem Boden mitsamt Stuhl. Du fasst dir mit der Hand an den Hinterkopf, mit dem du auf den Boden geknallt sein musst. Alles normal. 

Hohes Niveau


Dienstag, 2. Juli 2019
Auf dem Stuhl

Du hast die flache Hand vor dir aufgerichtet, nur der Daumen steht ab. Du spreizt die beiden äußeren Finger auseinander. Dann schließt du die Hand wieder zu einer gesamten Fläche und spreizt als nächstes die Finger paarweise auseinander, die beiden linken in die eine und die beiden rechten in die andere Richtung. Um mit einer Gegenbewegung die in der Mitte entstandene Lücke wieder zu schließen und zur ersten Bewegung zurückzukehren.
Du versuchst dich auf die Umsetzung zu konzentrieren. Dein Kopf befielt, doch deine Hand kommt dem nur krampfend nach. Abwechselnd spreizt du erst die beiden äußeren, dann die inneren Finger auseinander. Vom W zum V, vom V zum W.

Du sitzt auf dem Stuhl und wartest was passiert. Nichts passiert, was soll schon passieren, außer die Nachbarn, deren Stimmen du durch den Hof schallen hörst. Irgendjemand redet bei offenem Fenster, zumindest nicht leise. Dein Fenster ist geöffnet. Du schaust wieder auf deine Finger. Der Bewegungsablauf funktioniert noch kaum und deine Hand tut jetzt weh. Irgendetwas rumpelt in der Nachbarwohnung, vielleicht ein Möbelstück, das verschoben wird. Ja, das könnte es sein. Vielleicht solltest du auch etwas verschieben. Stattdessen sitzt du seit bestimmt schon fünf Minuten auf dem Stuhl, betrachtest eine Fingerübung und willst aber eigentlich nichts, also gar nichts machen. Du willst dir selbst genug sein, dich nicht vor dir selbst langweilen, ohne Ablenkungen auskommen.
Du beginnst mit dem Stuhl zu kippeln. Dabei wandert dein Blick durch den Raum und du suchst nach der Uhrzeit. Doch du hast weder deine Armbanduhr um, noch freien Blick auf die Wanduhr. Nicht mal dein Handy ist in Reichweite. Du bist verärgert, aber schnell schiebst du auch diese Banalität beiseite. Darum soll es jetzt nicht gehen. Konzentriert willst du bleiben. Konzentration. Kon-zen-tra-ti-on. Du sitzt in deinem Zimmer auf einem Stuhl. Du versuchst gegen die ablenkenden Geräusche anzukämpfen. Deshalb schließt du die Augen. Du atmest tief durch. Du öffnest die Augen wieder und fragst dich, was das soll, ob du hier überhaupt so sitzen darfst und dich selbst betrachten. Was bringe das schon, herumzuträumen, auf einem Stuhl zu sitzen und Fantasien und Gedanken nachzuhängen. Reinste Verschwendung der Lebenszeit. Stattdessen müsstest du auf die Straße. Am Freitag die Arbeit niederlegen und auf eine Demonstration gehen. Dich durchfährt die Nachrichtenlage, Spekulation, Korruption, Sonnenbrand.

Doch in dir brennt nicht der Planet, sondern es lodert nur ein laues Flämmchen. Deine Kippelschwünge werden intensiver.
Du denkst an ein Telefonat, das du kürzlich mit einem Freund geführt hast. Er sagte, der spürbare Mangel befähigt den Menschen sich weiterzuentwickeln. 
Du hörst die Lehrer dieser Welt in dein Ohr brüllen, dir mangele es auf hohem Niveau. Du sprichst die Unterstellung vor dir her. Hör mal zu Freundchen. Guck mal aus dem Fenster. Du isst wie ein König und musst nicht frieren und Familie hast du auch.
Hohes Niveau. Wer sich das Glück einrede, kann glücklich sein. Dir widerstreben diese brutalen Behauptungen, diese Glückspropaganda. Dir ginge es gut, weil du maximale Grundlagen hättest. Du seist so privilegiert in der Gesellschaft, also halt die Fresse.

Geh arbeiten, zahl deine Steuern, sei normal, sei einfach normal, mach was, steht nicht rum, nicht zu viel denken, die Probleme lösen sich von alleine. Mach es bloß nicht anders. Immer weiter so. Plötzlich überspannst du dein Gleichgewicht, kannst die Zehen nicht mehr am Boden halten und krachst mit dem Stuhl rücklings auf den Zimmerboden. 

Entspannungsübung



Dienstag, 25. Juni 2019
Auf der Lauer

Rrrrrrr. Du versuchst das R zu rollen, wie Till Lindemann. Du schwingst deinen Kiefer hin und her und presst die Augenlider zusammen. Du schnaubst und verbiegst die Lippen. Du stehst vor dem Spiegel und stellst dir vor ein gekochtes Ei zu sein, das du auf die Tischplatte haust um die Spannung zu brechen. Du atmest in Stößen, ziehst die Luft tief hinein, bis dein Brustkorb gänzlich aufgebläht ist. 
Aus Schultern und Armen, Kopf und Beinen pustest du die Anspannung heraus, die du sachte abfederst, um aus diesem Schwung Haltung anzunehmen und dich vorbereitest etwas zu sagen. Schluss mit der Melancholie flüsterst du halb, gekünstelt und doch auch wirklich traurig. Du schießt einen Stimmfetzen in den Kopf, Kopfstimme hallo, dann einen in den Bauch, Bauchstimme, hallo. Hin und her, hin und her. Nach der Begrüßung noch einmal die Parole, diesmal laut und deutlich aus dem Kopf, Schluss mit der Melancholie und wie ein Echo hinterher aus dem Bauch, Schluss mit der Melancholie. Du versuchst dich an einen Witz zu erinnern, der dich zum Lachen bringen soll. Du hast kürzlich eine Seemannsgeschichte gelesen, von Säufern und Mördern, da wurden so viele Witze erzählt. Erinnern tust du dich natürlich an keinen einzigen. Nur an so ganz alte Witze von Schulzeiten. An die zu denken, traust du dich gar nicht mehr und was du mit achtzehn sagen durftest, gilt zehn Jahre später nicht mehr. Das hast du letztens einmal wieder gemerkt, als dir ein völlig deplatzierter Kommentar in Anwesenheit von sogenannten Bekannten herausrutschte, die deinen Humor überhörten und gleichzeitig mit abtrünnigen Blicken untereinander kommentierten. Aber die Gedanken bleiben ja, auch wenn du sie nicht mehr ausformulieren darfst und irgendwie muss der Schmutz ja raus. Positiv denken, soll helfen. Du skandierst in den Spiegel, Positiv. Positiv. Positiv. HIV HIV HURRA.

Wieder beginnst du das R zu rollen. Rrrrrrramm-stein. Du hustest und dabei schießt dir der Schleim aus deinem Hals. Du musst lachen, doch der Mund voll ist mit Spucke, also presst du die Lippen zusammen,. Du eilst ins Bad und speist ins Waschbecken. Wasser läuft nach.
Du lauscht dem Abfluss und schaust wieder in den Spiegel. Schon wieder ein Spiegel. Du willst dir einmal selbst genug sein, auf einem Stuhl sitzen, inmitten deines Zimmers, ohne etwas in der Hand oder vor der Nase, ohne dich zu langweilen. Seit einiger Zeit bereits ignorierst du deinen Computer, dein Handy, du beantwortest kaum Anrufe, selbst die Nachrichten blendest du aus. Du willst ein Baum sein, der nur dasteht, als Teil der Natur, in der Natur und doch über sich hinauswächst. Du hältst deine Hand unter das fließende Wasser. Du willst etwas lernen, das du nicht kannst, wie zum Beispiel das R zu rollen. Etwas loswerden, das… nein, das klingt schon wieder so melancholisch. 
Du stehst da so herum, das Wasser in der Hand, du bist zu allem bereit. Du sowas von bereit. Deine Arme machen einen sportlichen Eindruck, deine Haut scheint gesund. Du bist privilegiert. Man bist du privilegiert, gestehst du dir beim Blick in den Spiegel – und wüsstest so gerne etwas damit anzufangen.

Gesamtkreisläufe


Dienstag, 18. Juni 2019
Auf dem Weg

Du läufst durch die Strassen und guckst in die Schaufenster. Der Bäcker bäckt seine Brötchen, die Müllabfuhr leert die Tonnen, ein Händler zieht Zeitungsstapel auseinander, Mensch geht seiner Arbeit nach. Du hast einen Kaffee in der Hand, Kopfhörer drinnen und bist auf dem Weg zur nächsten U-bahn. Du bist beeindruckt. Die Metro kommt auf die Minute, hunderte Menschen steigen zu den anderen und fahren ihrer Wege. Das System funktioniert, denkst du, jedes Detail geht hier seinem Lauf und wenn du dir erst vorstellst, was auf den Fernbahnhöfen zusammenkommt und an den Flughäfen, der Personenverkehr, die Güter, die dort umgeschlagen werden und wer daran alles beteiligt ist. Man versuche sich die Logistik des Containerverkehrs, auf Schienen und Weltmeeren vorzustellen.
Auch, wenn du es dir kaum einzugestehen vermagst, auch du bist eines dieser Zahnräder, mitten drin, Teil dessen. Du gehst und handelst und bewegst. Es ist eine schöne Vorstellung, dass alles funktioniert, Hand in Hand und sich dreht. Der Markt verbindet Menschen, die füreinander arbeiten, ohne sich zu kennen. Du stellst dir die Gesamtkreisläufe vor, von der Metro bis zum Erdball.

Im Untergrund steht eine Frau vor dir und hält, trotz des sich über die Schienen windenden Waggons, mit beiden Händen ein Zeitungsinterview mit Rutger Bregman vor sich aufgeschlagen, Junger Philosoph, Shootingstar, ein Niederländer, der dem Kapitalismus den Kampf ansagt. Du beginnst mitzulesen und denkst dir, man der Typ ist genauso alt wie du und der steht da in der Zeitung, nicht weil er es will, sondern weil ihn seine Forderungen und Anklagen dort hingebracht haben. Er redet davon, dass die soziale Frage und der Klimawandel zusammengehören, von der Bedrohung der Demokratie durch Vermögensungleichheit, dass die Superreichen endlich ihre Steuern zahlen müssen und dann fällt der entscheidende Satz: Wir können uns eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus.
Du liest noch ein bisschen weiter, über die Schulter der Frau hinweg, aber hängst längst bei diesem Gedanken fest und stützt dich mit der Hand gegen die holprige Fahrt. Du bist ganz ehrlich zu dir, denkst ein bisschen nach und musst tatsächlich mit dem Satz konform gehen. Du kannst dir ein Ende des Kapitalismus nicht vorstellen. Du lebst an der globalen Spitze, bist vom Westen groß gezogen und seiner Demokratie – in ihrem Rücken immer der Kapitalismus. Der scheint dir so universell. Du bekommst deinen Blickwinkel nicht aufgebrochen. Du siehst nicht wie das ginge, ohne Kapitalismus.
Du musst das noch einmal überdenken oder besser nachschlagen oder am besten jemanden fragen, der das weiß, ob das ginge, Demokratie ohne Kapitalismus.

Du steigst aus der U-bahn und ein Bettler streckt dir seine Hand entgegen. Bei der nächsten Kaffeekette kaufst du dir noch einen Kaffee, für fünf Euro. Du gehst dort auf Toilette und beim Pinkeln stellst du dir vor, das Wasser käme nicht, sobald du spülst – das Trinkwasser. Draußen auf dem Bürgersteig, mit dem Heißgetränk in der Hand, fragst du dich, was passiere eigentlich, wenn du nicht auf Arbeit erscheinen würdest und wie lange es dauern würde, bis du ersetzt wärst. Du ärgerst dich und eilst los. Zu spät kommen, willst du nicht.

Aus der Welt


Dienstag, 11. Juni 2019
halb zehn Uhr Abends:
Auf den Wolken

Du sitzt im Flugzeug, Sonntagabend, das Ende eines Kurzurlaubes. Deine Freundin hat im letzten Moment alles entschieden und geplant. Plötzlich standest du in den Bergen, in einem anderen Land, mit anderer Sprache und du schautest zum Massiv, unterhalb bewaldet, oberhalb beschneit. Eben noch lagst du an einem Wasserfall, im Arm deiner Freundin, auf einem vom Bach glattgeschliffenen Felsgestein.
Nun ertönt neben dir ein Gebetsruf nach Allah, du schreckst auf, nur ganz kurz, du zuckst nicht einmal und doch erwischst du dich dabei, wie du es beinahe leugnen wolltest. Dein Sitznachbar packt ein Sandwich aus. Die Sonne ist also irgendwo hinter dem diesigen Schleier und der graublassen Landplatte verschwunden. Weit weg von hier oben ist alles fern, Kurzurlaub, Heimankunft, Arbeit. Du bist gänzlich im Abseits, bewegst dich nichtsahnend übermenschlich schnell, fernab, unbeachtet im Raum hinweg. 
Du schaust über die Schulter des Mannes, der Wasser und Sandwich in sich hineinschluckt und versuchst etwas zu erahnen, von dem großen und ganzen. Es gleicht jedoch einem Einblick ins Nichts, ausgeblichene Fransen, Farbpigmente eingestampft wie schwarz-weiß, ein Misch aus Wolkenfetzen und Nebelschwaden. Du fragst dich, ist dieses Gebäude, in dem du dich gerade auf seltsamer Distanz herumdrehst, nun gut oder schlecht?

Du willst den Erdball als ganzes betrachten und stellst dir die Alpen vor, in denen du eben noch gewandert bist, von oben, über dich hinweg, Allperspektive, von dort, wo alles eins, wo aus all den Ecken und Kanten ein Gesamtes wird und sein Relief nur noch friedlich daliegt. 
Wenn jeder Mensch einmal das große Ganze aus der Mondperspektive sähe, wäre die Welt vielleicht ein anderer Ort. Weltallfotos sind traumhaft und doch hat diese Reduzierung auf dich eine abstrahierende Wirkung. Du kannst dich nicht im Kosmos wahrnehmen. Die Sterne am Himmel gehen über deinen Verstand hinaus. Selbst die Sonne nimmst du als Teil der Erde wahr und nicht umgekehrt.
Du bist ein informierter Friedlebender, der in der Zeitung liest, das ein Unwetter heran weht, ein ziemlich gewaltiges sogar. Der das aber nicht wahrhaben kann, denn der Himmel über dir strahlt blau. So leuchtend kräftig schön, welche Gewalt kommt da schon heran.
Du schneidest dich am liebsten heraus aus dem Zusammenhang und reduzierst die Momente des Erlebens um deine Wahrnehmung herum. Du bist ein Fluchttier, das im Schatten liegen kann, solange die Fleischfresser außer Sichtweite sind.

Dein Flugzeug landet und mit der Geschwindigkeit fällt deine Anspannung, die du beim Fliegen immer spürst. Keine Panik oder Angst. Es ist so eine seltsame Art Respekt vor dem Tod. Fliegen macht dich demütig, wie das Relief der Alpenformationen, wie sie aufbrechen und Erdmasse emporheben. Bei diesem Anblick glaubst du an das Gute. 
Du hast verstanden, dass es egal ist, ob du Esotheriker bist oder Philosoph, ob du den ganzen Tag an dich selbst denkst oder nur an die anderen. Ganze Regale sprechen über das Glück, was es ausmacht, woher es kommt, wie es bleibt und so fort.
Doch die Natur ist das größte Maß der Selbstreduzierung, sie genügt sich selbst. Natur ist nicht böse, nicht ungerecht, unausgeglichen, sie kennt kein Schicksal und verlangt nichts. Natur sieht nicht vor oder grenzt aus. Ihr näher zu kommen, nah zu sein, Teil des Kreislaufes zu sein, ist dein Glück.

Daran denkst du noch im Zug auf dem Rückweg in die Stadt. Hand in Hand mit deiner Freundin, die dich küsst, die das nicht in Büchern zu lesen braucht, um zu verstehen, Glück gehört denen, die geben. 

Sommer


4. Juni 2019
Dreißig Grad und Pollenflug
Die Medikamente in der Tasche

Du gehst die Straße hinunter, durch dein altes Kiez. Lange warst du nicht hier. An der Ampel stehen geblieben, denkst du, im großen und ganzen ist alles okay, passt. Vor dir hält ein Typ im Auto mit heruntergelassenen Scheiben und pumpt einen Song, den Rapper erkennst du sofort. Vor Jahren, ziemlich viele schon eigentlich, wenn du drüber nachdenkst, spielten ihn deine Freunde rauf und runter, hier in deinem alten Viertel, sie feierten ihn alle ab. Doch dich haben seine Texte überrannt, die Brutalität haute dich um. Dafür hast du ihn verachtet. Du hast geglaubt, was der da rappt. Das hat dir Angst gemacht, in der Zeit als dein Spielzeug gerade anfing zu verstauben.

Du kleiner Hurensohn, fick deine Schulnoten, friss meine Schuhsolen. Leck meine Spucke jetzt vom Fußboden.

Es bumst die ganze Straße hinunter. Für das Auto bleibt die Ampel auf rot. Du könntest vorbeigehen, bewegst dich aber nicht, denn der Song rasiert dich hart und du reagierst mit einem Lächeln, nickst sogar zum Beat. Der Fahrer sieht dich und du ihn, doch er schenkt dir nichts. Der hängt noch in der Endlosschleife.
Du lachst, du feierst, was du früher verabscheust hast, dann schaltet die Ampel auf grün und der Wagen zieht betont vor dir weg. Du überquerst die Straße und holst deine Kopfhörer raus und spielst den Track selber an. Einfach Oldschool, denkst du jetzt, dieser Rapper. Es knallt richtig ordentlich rein. Du kannst dich gar nicht einbekommen und hörst ihn ein zweites Mal. Schönes Ding. Guter alter Scheiß, denkst du. 
Du bist in Gönnerstimmung und gibst dir die nächsten Tracks von dem Album. Das hättest du nicht für möglich gehalten. Eben noch hast du versucht das vergangene Kapitel aus deinem Buch zu verstehen und jetzt rotzt der ehemalige Tempelhofer Ghettobürgermeister in dein Ohr – und du stehst drauf, bis du plötzlich liest, der Track ist von 2014. Junge, denkst du, der Lederjackengangster rappt nach über zehn Jahren immer noch über Schulnoten. Echte Gangsterromantik. Wenn du nur all deinen Alltagsmist zu dieser freudigen Bedeutungslosigkeit verkommen lassen könntest.

Doch es bleibt ernst, es geht weiter. Du kommst an einem Wahlplakat vorbei, das da noch immer hängt, hoch oben, vergessen und doch in die Fresse. Rechtsextreme Demokratiefeinde, die wir wieder in den Parlamenten haben. Das erinnert dich an böse Zeiten, richtig finstere, tödliche Spaltung durch Menschenhass. Der Beat und sein Beast klappert jetzt lächerlich in dein Ohr, als hätte man dem Rapper seine Baseline geraubt. Du ziehst die Hörer herunter und bleibst vor dem Plakat stehen. Du willst es runterreißen, doch du kannst nicht. Du kommst an die Propaganda nicht ran. Du denkst an deine Stimme, die du bei der Wahl abgegeben hast und bemerkst erst jetzt, die Prozente, die die Demokratiefeinde bekommen haben, hast du einfach hingenommen, ohne, dass sie dich weiter schockierten. Du trittst aus Trotz gegen die Laterne. Wie kommst du darauf? Nichts passiert. Du rufst zur Gewalt auf, in deinem Kopf, schaust dich um und suchst Verbündete. Was ist plötzlich los? Demokratiefeindliche Parlamentarier nicht in deinem Kiez.
Da kommen zwei Schüler angeschlendert. Dein Herz macht einen Sprung. Ey, Jungs, schaut mal das Plakat. Das muss da runter. Sofort. Sie gucken erst ein bisschen doof, als müssten sie den Müll runterbringen, doch dann nehmen sie die Sache sportlich. Der eine steigt auf die Schultern des anderen und so ziehen sie mühelos die Propaganda herunter. Zu dritt reißt ihr einmal ordentlich dran und haut das Plakat in die nächste Tonne. Ihr bounct einander ab und du bedankst dich. Dabei kommst du dir sehr alt vor.
Die Jungs gehen befriedigt weiter, lachen, er ist guter Junge.