Phantomschmerz


2. Dezember
In den Federn.

Warum wirkt der Kaffee morgens nicht, wie der Kaffee wegen dem du Abends nicht schlafen konntest? Stattdessen ist es das schlechte Gewissen, das dich wachhält. Die ganze Woche nun schon. Was hast du für dich und deine Mitmenschen getan? Welche Frage, die du dir zuletzt gestellt hast, war wertvoll? Worüber hast du zuletzt nachgedacht? Wann ändertest du das letzte Mal deine Meinung, deine Gewohnheit? Hieltest du deinen Prinzipien stand? Was macht dich aus? Wem hast du geholfen? Wo lebst du eigentlich, in der Gegenwart, Vergangenheit oder ist es die Zukunft nach der du strebst? Sind dir die Geschichten und Erzählungen wichtiger oder die Pläne von Morgen und diese zu gestalten oder lässt du dich gar treiben und nimmst die Geschehnisse für voll, das Hier und Jetzt für deinen Mittelpunkt? Wer dankte dir? Was gibst du zurück? Wann hast du deine letzte Postkarte geschrieben oder dich zuletzt bei dir wichtigen Personen gemeldet? Ist es lebensbejahend ständig über den Tod nachzudenken, wenn er doch Teil des Lebens ist? Ständig heißt es Neuanfang, endet der Anfang also nie? 

Dieses Phantombild, aus der Zeitung vom vergangenen Wochenende geht dir nicht mehr aus dem Kopf, Es muss tatsächlich das Gesicht des jungen Mannes gewesen sein, wegen dem du immer einen Umweg gegangen bist. Doch seitdem hast du ihn nicht in dem Park vor deinem Haus rumhängen sehen. Nichtmal seine Freunde sind mehr dort. Du hast dich bisher nicht bei der Polizei gemeldet. Dafür schläfst du schlecht und spürst keinen Hunger mehr. Dieser Mann lässt dich nicht los. Er hat dich auf der Straße nach Feuer gefragt und du standest da vor ihm, ausgeliefert und machtlos über deine Person. Der Vollproll war schon einmal der erste, an den du dachtest, nachdem du aus einem Albtraum aufgewacht bist. Du denkst an die vielen kleinen Momente, in denen du nicht schnell genug reagiert und die Klappe gehalten hast, sie einfach geschluckt und es nie geschafft hast, sie wieder einzufangen, sie noch einmal anzusprechen, daraufhin einfach selber zuzuschlagen, stattdessen den schlechten Umgang akzeptiertest, dir an einem bestimmten Punkt immer wieder sagtest, egal, zu spät, Schwamm drüber, halb so wild. Doch all die Momente, sie sind hängen geblieben und davon gar nicht mal so wenig. Einige sind sicherlich schon aus dem Bewusstsein verschwunden, doch die anderen, die halten sich wacker, im Bett, auf Arbeit. Du bist ihnen ausgeliefert. Den verpassten Neins, Wortgefechten und Widersprüchen, erdrückt vom Nichtgesagten, Momenten, die über die hinweg streiften, im Raum stehen Gelassenen, Situationen, in denen du nicht eingeschritten bist, die du zu spät erkannt hast.
Wann kommt die Kurve? Wirst du den Schwamm eines Tages auswringen? Wird das alles eines Tages verarbeitet, vergessen oder verdrängt? Wirst du das gut reden oder kommt da wirklich ein Wandel, das innere Okay, das über den Dingen steht?

Montag, Raus aus den Federn verdammt nochmal.

Samstag ist Selbstmord

Sonntag, 24. November 2019

Nach getaner Arbeit, musst du nun die Freizeit erfüllen. Wochenende, Ausruhen, Essen, Sport, Fernsehen, vielleicht lesen, aller Unwahrscheinlichkeit Kultur. Freizeitgestaltung bleibt ein Kraftakt. Sie bleibt stehts bedroht von der baldig wieder anstehender Arbeit. Oft bist du geneigt, einfach durchzuarbeiten. Ein paar Akten hast du zufälligerweise in deiner Tasche vergessen, die du jetzt durchgehen könntest und die Präsentation gleich mit vorbereiten und nebenher ein paar Emails aufsetzen – die du aber nicht vor Montag Morgen abschickst. So vergehen vor allem die Nachmittage hervorragend, während die anderen Gelangweilten und nicht-Gelangweilten sich durch die Stadt frieren und Metro fahren, auf Einkaufstouren gehen und am Museum anstehen. Du bleibst zu Hause. Die Zeitung wartet im Briefkasten, der Bäcker ist nur unwesentlich weiter. Mehr brauchst du nicht, außer das Sofa natürlich. Wo du sitzend isst, sitzend mit hochgelegten Füßen fern schaust, liegend liest – bis du einschläfst. 
Von vorne. Beim Bäcker kaufst du immer das Gleiche, wie im Supermarkt. Beim Blick auf die anderen Produkte fragst du dich stets, warum das jemand kauft. Wohingegen du beim Blick in die Zeitung immer wieder überrascht bist, wie diese Tag für Tag zusammengestellt wird. Was für heute bleibt: Die Staaten dieser Welt haben sich an Kriege und Missstände längst gewöhnt, nur versteht niemand mehr warum sich die Flüchtlinge nicht daran gewöhnen, warum sie immer noch um Hilfe schreien. Auf dem Teller Spiegeleier, was sonst?!
Dann heisst es plötzlich, Schluss mit Flüchtlingen, anstatt Frieden zu fordern. Entweder Oder Bitteschön, wer Hass und Krieg beschwört, muss auch die Konsequenzen annehmen und wenn stattdessen die Grenzen geschlossen werden, muss das auch für Kriegsgerät gelten.

Du blätterst durch die Zeitung, ohne den Artikel zu Ende zu lesen und willst sie schon wegschieben, wer die deutsche Presselandschaft kritisiert, sollte unbedingt mal anfangen, sie zu studieren. Da bemerkst du eine öffentliche Fahndung. Die Phantomzeichnung kommt dir erstaunlich bekannt vor, Augenschatten, Nasenlinie, Mundwinkel, kahles Haar, ja, das muss doch dieser Vollproll sein, der immer auf der Straße mit seinen Leuten rumhängt. Der dich sogar schon angesprochen und nach Feuer gefragt hat. Wegen dem du seitdem immer einen kleinen Umweg machst. Dieser junge Mann soll ernsthaft eine Flasche ins offene Visier eines Bundespolizisten geschleudert haben. Dieser liegt jetzt im Krankenhaus. Deine Gefühle schwanken zunächst zwischen Schock und Sensationslust. Plötzlich bricht daraus die Neigung hervor, ihm dem Vollproll, der als Phantom in der Zeitung steht, ihn in Schutz zu nehmen. Du glaubst das jetzt nicht. Dein Blick weilt auf dem Kontakt zur zuständigen Polizeidienststelle. 

Aushalten


1. November 2019
Im Taxi

Die Musik, der Fahrstil, das geschlossene Fenster, der Lärm von draußen, ausgeliefert durch die Stadt, fünf Minuten noch. Es vibriert so sehr in dir. Zu Undurchsichtig sind all die Lebensabsichten, die ihr Unheil verrichten. Du starrst hinaus mit der Erwartung eines Anglers, suchst nach dem Weg durch das Raster, die Hin und Wieder durcheinander gesponnen. Du willst langsam wirklich Widersacher sein. Du schaust deine Hände an und fragst dich, wie du sie einbringen sollst. Du kannst sie nicht mehr ausstehen, die Wartezeiten, sie verliert mehr und mehr ihre Daseinsberechtigung. Du willst die Autotür des fahrenden Wagens aufreißen und den Wagen zum Stoppen zwingen.

Warum verdammt noch mal bist du keines dieser Arschlöcher geworden? Immer bist du so lieb, antwortest mit Jaein, wiegst ab, feilst an Entscheidungen. In dieser Welt ist so einiges schief gelaufen, aber niemand hat es geschafft, dich zu einem besserwissenden, im Saft stehenden Vollproll zu machen. Jemand, der säuft und frisst, der nachts gut schläft, der die Antwort sofort weiß und nicht erst in vierundzwanzig Stunden, der mit der Faust auf dem Tisch Entscheidungen fällt. Der sich bewundert, was er und seine Mitmenschen doch für tolle Geschöpfe sind.
Es ist schon immer wieder erstaunlich wie toll sich alle finden, wie sehr sie sich bewundern, sich loben und streicheln. Ihre Vorzüge hervorheben, ihre Energie und Leistung, ihre Charakter, wie sehr sie sich verdammt nochmal lieben. Was sind wir nicht für tolle Geschöpfe. Wir haben es vollbracht die Welt auf den Kopf zu stellen. Das Klima zu verändern und so herumzuwuchern, dass trotz Elend kein Virus uns mehr auslöschen kann. Doch in der Freizeit, wenn die Welt mal wieder ein Stück abgeschlachteter ist, haben wir nichts besseres zu tun, als uns darüber zu beschweren wie schmutzig alles ist. 
Anstatt die Zeit mal verstreichen, uns zurückzunehmen und darin treiben zu lassen, anstatt einmal auf die Uhr der Natur zu schauen, anstatt auf Öffnungszeiten. Auf Arbeit können wir die Zeit wenigstens absitzen und dabei sogar gut aussehen. Zu Hause hingegen fühlen wir uns so nutzlos, bei beiseite geschoben, dass wir einkaufen müssen, bisschen Shoppen, nichts bestimmtes, nur mal gucken. Vielleicht noch Kultur oder direkt Kaffe, irgendwann dann Freunde treffen, Essen gehen, sich über Putzmittel zu unterhalten, die neue Farbe an den Wänden, der Garten, das Kind. Ein Blick auf den Gesamtzustand ist verheerend. Der Taxifahrer ist vom Verkehr genervt, du von den Nachrichten, die aus dem Radio funken.

Was ist denn nun wirklich wichtig? Das Jetzt und Hier, die Umwelt, wie du sie wahrnimmst, das Morgige, was kommend passiert oder woraus du lernst oder alles zusammen? Das Gesamtspiel, die Ambition Weltbürger zu sein, Teilnehmer am Geschehen, all das in sich hineinzufressen, aufgeblasen für alle Ewigkeit, befürchtend, dass ein umfassende Erkenntnis ausbleibt. Jeder Wissensnachschub verschlimmert den Zustand, hingegen können Wissenslücken sogar gefährlich sein.

Du hältst es nicht mehr aus, bittest den Fahrer zu halten und läufst den restlichen Weg.

Strassenliteratur

20. Oktober 2019
Unterwegs in Berlin, mit Plakaten

An der Kreuzung


13. Oktober 2019
Spätsonntag

Du läufst im Anzug durch den Regen. Die Schuhe rutschen über den glatten Pflasterstein. Der Tag ist bald zu Ende und du weißt nicht so recht wohin. Du bist zu weit von der Wohnung entfernt, als dass du bei diesem Regen heimwärts laufen willst. Gleichzeitig behagt es dir, dich hinunter in den Metroschacht zu begeben. Also spaziert du weiter zwischen den Fassaden entlang. Der Regen ist spröde. Die dicken Tropfen kommen von den Baumkronen.

Du näherst dich einer Straßenkreuzung, an der du stehen bleibst. Du erinnerst dich nicht, einmal allein an so einer Kreuzung gestanden zu sein, mitten in dieser Stadt. Hier ist nichts, außer Fassade und Regen, der langsam zunimmt. Du steigst in einen Hauseingang, streichst dir durch die feuchten Haare und blickst über die Kreuzung. Plötzlich fühlst du dich so jung. Es muss die Aufregung sein. Überhaupt fühlst du dich in letzter Zeit wieder jünger.

Du schaust zu den Häusern hinauf. Der Regen tippt dir ins Gesicht. Du schließt die Augen. Wunderbar. Du gehst eine Runde auf die Kreuzung, Schritt für Schritt. Das Trommeln und Pochen, das Ende des Tages knipst die Laternen an. Das Regennass durchdringt deinen Anzug, aber noch akzeptierst du es.

Als liefest du über eine Theaterbühne, schaust du in die Straßenfluchten nach Beobachtern. Als erwartest du jemanden. Effektiv ist hier nichts und niemand und doch alles. Es gleicht einem Wald. Du denkst an einen regendurchfahrenen Wald, es knackt und plätschert, auf Vorsprünge und in Pfützen, während du weiter auf der Kreuzung wandelst. Zu deiner Verwunderung, steht kein Auto herum, hängen nicht einmal Werbeplakate, kein Geschäft, nichts. Die Menschen sind verschwunden, hinter dunklen Fenstern.

Du stellst dich wieder in den Hauseingang. Der Regen ist nun zu stark, als dass du noch Lust hast, in ihm herumzugehen. Es treibt dich auch nicht nach Hause oder irgendwohin. Hier an der Kreuzung ist genau richtig, um darüber nachzudenken wie alt du nun bist. Junge Erwachsene sind häufig sehr altmodisch, von der Klamotte her, im Kopf, müssten laut sein, sind aber still, hören zu. Von den Älteren hast du gelernt, die genießenswerten Momente zu erkennen, dass Mensch mit dem Alter sich immer weniger langweilt. Ein Greis kann stundenlang aus dem Fenster auf eine leere Straße schauen, so wie du jetzt gerade, während ein Kind ständig neu beschäftigt werden will. Es muss also irgendwann ein ideales Alter kommen, körperlich fit, aber der Unfähigkeit zur Wahrnehmung der Welt entkommen. Du fühlst dich immernoch so mittelalt. Da gibt es auf jeden Fall deutsch jüngere Ältere als dich.

Plötzlich kommst du nicht über den Gedanken hinaus. Dir ist kalt geworden und du willst nur noch nach Hause. Du rufst ein Taxi, das Minuten später diese verlassene Straßenkreuzung ausleuchtet, in die es hineinregnet wie in einen Blumentopf. Es hält vor deinem Hauseingang, in dem du dich vor dem Regen schützt, der so laut hinunter klatscht, dass sowieso kein vernünftiger Gedanke mehr möglich ist. 

Leeres Regal


29. September
verdammt nochmal

Du bist irgendwie enttäuscht. Du liest und liest, nicht unbedingt unfassbar viel und super schnell, aber durchaus regelmässig. Unterwegs hörst du Hörbücher, die du dir deshalb nicht kaufen brauchst. Doch all die gelesenen Zeilen, die vergehen vor deinem Auge. Sie kommen, überraschen dich, darin beschriebene Gefühle berühren dich, Gedanken lassen dich innehalten, nachdenken und dann, ja dann verschwinden sie wieder in den unendlichen Seiten, im Bücherregal, zwischen den anderen, vergehen und rücken in den Hintergrund. Abgerufen werden sie wohl nie wieder. Du bist froh, wenn du dich nach zweihundert Seiten an ein gutes Kapitel erinnerst, einen guten Gedanken oder das Ende. Der Inhalt verschollt, denn nie kommst du dazu ihn zu diskutieren. Wer redet schon über Bücher, geschweige denn bezieht eines in sein Gespräch? Es sind immer nur Gegenwartsmomente und es fehlt dir, sie heranziehen zu können. Bücher haben ein scheiß Image. Auf die Frage, was du so ließt, antworten die meisten mit Stottern und Ausreden. Wer keine Zeit zum Lesen hat, der muss sie sich halt scheiße nochmal nehmen. Keine Zeit haben, gibts nicht.

Dazu kommt ein anderes Phänomen. Wenn du dann endlich neue Bücher gekauft hast und auf dem Sofa liegst oder in der Wanne oder auf einer Wiese, heißt es noch lange nicht, dass dies nun ein akzeptables Buch ist. Wie viele Bücher hast du nicht schon gekauft und geschenkt bekommen und sie voller Erwartung angelesen, Autoren, deren Name dich jahrelang verfolgten und du sie eigentlich schon nach der ersten Zeile wieder weggeworfen hast – also natürlich nicht in den Müll. Wie viele Bücher hast du wohl zum falschen Zeitpunkt gelesen. Es passiert ja in den seltesten Fällen, dass Buch und Befinden wirklich aufeinander passen, dass du verdammt nochmal weißt, was du lesen willst. Du kennst noch kennst keine richtige Herangehensweise, wo und wie fängst du an, damit auch etwas hängen bleibt? Die Bücherwelt ist so unfassbar, wenn du da alle hundert Meter ein Buch rausziehst, wie verdammt bekommst du da Zusammenhänge hergestellt?

Wenn du hinein hörst, dann geht es abseits der Bücher um alles und nichts. Die ganze Dramatik aus deinen Büchern bleibt aus, glaubst du. Politik und Streit, das Erkunden der Abgründe und Lebenslücken, der aufschreibenswerten Dinge findet nicht statt. Es ist ja immer dieses „ja toll, ach schön, oh nein“, dass da hin und her schwappt. Du fragst dich, warum dir das verdammt nochmal so schwer fällt. Es herrscht schließlich mode festif, Party, Sexyness, Coolness, das vom tollen Leben erzählt, der schönen neuen Wohnung, den Kollegen, dem neuen Macker, den frisch gestrichenen Wänden – zur Deko ein paar alte Bücher aus Jugendzeiten. Du hast das Gefühl, vor ein paar Jahren war noch wichtig, was so in der Welt passiert, heutzutage sind nur noch Anschaffungen, der Job und das eigene Befinden diskussionswürdig, aber du kannst nichtmal fragen, „hey du, wer bist du, was treibt dich um, wie sieht es aus, wie geht es deinem Herzen, was macht dein Unmut, dein Rotz, der in dir hängt?“

Die Geschichten, die du aus den Büchern kennst, bleiben aus, die Einrisse und Kittversuche. Du gerätst in Panik, dein Leben verläuft wie ein Tankstellenroman. Aua.

Es nützt alles nichts: Weiterlesen.

Unaufhörlich


17. September 2019

Du gehst den Hügel hinab mit kurzen Schritten. Der Blick tastet den Grund ab, auf dem du dich bewegst. Er scannt die Steine, auf die du trittst. Er entscheidet das Tempo, mit dem du gehst. Du läufst zügig, rutschst mit festen Sohlen über das Geröll. Du zügelst deine Geschwindigkeit, auch wenn du weißt, es ginge schneller. Doch die ersten Fehler haben sich schon eingeschlichen, in den Tritt, in die Balance.
Anfänglich bleibst du stehen zwischendurch und schaust dich um, dort wo du herkommst, wo du hingehst, rundherum. Es war tatsächlich nur ein Hügel, den du da heruntergekommen bist, der dir in den Beinen jedoch steil vorkam. Dort weiter hinten wartet das unbekannte Übel. Hinter Wolken, die nach Regen riechen. Du beschleunigst schließlich das Lauftempo und folgst der Nase lang hügelabwärts dem Berg entgegen, hinein in die Mondlandschaft, die weder Flora noch Fauna erahnen lässt. Da bist nur du und die Sonne, die dich umarmt, wie eine dich Verehrende und dir Schweiß abringt. In der Sonne musst du marschieren, denkst du dir, auf der Suche nach Schatten, Schritt für Schritt durch das Land. 
In der Ebene ist der Weg kaum mehr zu verfolgen. Der Gurt des Rucksacks drückt das Gewicht auf deine Hüften. So könntest du jetzt stundenlang geradeaus wandern und so wanderst du immer weiter, nur du mit der Sonne in der Weite. 
Den kurzzeitigen Wunsch nach Schatten hast du beiseite geschoben. Deine Befindlichkeiten tun nicht zur Sache. Du bist hier hinausgegangen, um deine ungenutzte Energie zu entfachen, die sonst immer ungenutzt vergeht. Die rhythmischen, schweißtreibenden Bewegungen entfachen dein System. Fett verbrennt. Gifte verdampfen. Herz und Lunge pumpen. 
Dein Körper arbeitet nun automatisiert im Wanderschritt, die Hände frei, bereit den Regen mit erhobenem Haupt zu begegnen. Das Geräusch deiner Wanderstiefel kündigt dich an.

Das Sonnenlicht verblasst und die Landschaft ergraut. Du gehst in den Wind hinein, der deine Jacke abtastet und an der Kapuze rüttelt. Du verlässt dich auf die Kraft, die deine Beinen entfachen, dich vorantreibt. Auf einem Boot schöbest du jetzt eine beachtliche Bugwelle vor dir her. Du schlägst dich wie einen Keil hinein in die Weite, in das aufsteigende Gebirgsmassiv. Du bist der Splitter in der Hand eines Riesen, die Mücke, die ihn umtreibt. Du bist winzig klein, ein verschwindend geringer Widerstand, du bist beinahe unsichtbar, ein kaum wahrzunehmender schon fast in der Versenkung Verschwundener, der hinein geht in die Untiefen, der immer in Bewegung bleibt, der arbeitet und rackert, der weiß, was er sich abverlangt, der mit festem Schritte wandert. Unaufhörlich. Du bist Widerstand.

Dampfbad


7. September
volle Hitze

Hosen runter an der Garderobe. Mit dem Strom die Treppe hinauf, im Badeanzug über die Tanzflächen, in die Ecken, Ritzen und Toiletten. Drinks und Drogen weichen das Bewusstsein auf, aus all der Ablenkung heraus, dem Stress der Hürden und Zwänge. Hinter diesen Mauern gilt nur, was noch bleibt. Was bleibt. Reduziert, hinunter gestampft, abgebrochen, aufgekratzt. Das Leben umgekrempelt, drinnen wird zu draussen, der ganze Überdruss scheitert am Türsteher. Nacktheit. Gemeinsam. Frei sein. Monsterschau. Selbstreinigung. 
Das Fleisch wandert und wippt und schwingt im Dunst, im Bass. Schweiß läuft über Körperfarben, Fett, Muskeln, Glatzen, Haut und Haaren, über Titten und Schwänze, Ärsche, Behaarte, Nackte. Verstümmelte und verloren geglaubte Scharen, vereint, ineinander, sich treibend, verweilend, hinfort wie Kerzenwachs, geschmolzen für einen aufflackernden Lichtmoment. Für immer aufgewacht im Traum, kaum zu glauben das Feuerwerk, der Dampf aus Energien, entfesselt in Ketten und Leder, Lust dringt durch die Poren.

Du trägst auf, machst dich zum Dichter und reisst alles Überflüssige wieder ab. Mit dem Kopf im Schoß von jemand anderem, schaust du Erwachsenen zu, spielend auf ihrer Wiese, der Himmel schwarz, ohrenbetäubender Lärm. Es könnte eine Katastrophe sein, aber die Menschen frönen ihr Paradies. Auf ihrem Rettungsschiff, vor allem Übel, in einem Garten der Klarheit. Zeitverloren bist du anwesend ohne Anfang und Ende. Neben dir fangen zwei Typen an rumzumachen, die Bärte ineinander, die Lederhosen angespannt, Muskelarme halten einander.  Du versuchst dem zu widerstehen, schaust weg, aber immer wieder hin. Sie überfahren ihre Körper und versinken in dem Sofa. 
Du stehst auf und marschierst mit durch das Himmelreich, schiebst dich durch die Menge, unter dem Krach hindurch, die eiserne Treppe hinunter, an der Garderobe vorbei durch den Türschlitz, übrig bleibt der Bass, du stehst im Niemandsland, keine Menschenseele, kein Licht, kein Halt. Du setzt dich auf einen Stein und siehst die S-Bahn vorbeiziehen. Dein Körper ist noch umgeben von einem Film aus Hitze und Lärm, in dem du stundenlang standest wie in einem Dampfbad. Nun abgelöst von der Brise, einem kalten Gewand, die den aufgeweichten Schmerz, der Unzugänglichkeit in diese Welt, mit sich trägt, aufhebt und weiterzieht und du zurückbleibst, freigemeißelt.