An der Kreuzung


13. Oktober 2019
Spätsonntag

Du läufst mit Anzug durch den Regen. Die Schuhe rutschen über den glatten Pflasterstein. Der Tag ist bald zu Ende und du weißt nicht so recht wohin. Du bist zu weit von der Wohnung entfernt, als dass du bei diesem Regen heimwärts laufen willst. Gleichzeitig behagt es dir, dich hinunter in den Metroschacht zu begeben. Also spaziert du weiter zwischen den Fassaden entlang. Der Regen ist spröde. Die dicken Tropfen kommen von den Baumkronen.

Du näherst dich einer Straßenkreuzung, an der du stehen bleibst. Du erinnerst dich nicht, einmal allein an so einer Kreuzung gestanden zu sein, mitten in dieser Stadt. Hier ist nichts, außer Fassade und Regen, der langsam zunimmt. Du steigst in einen Hauseingang, streichst dir durch die feuchten Haare und blickst über die Kreuzung. Plötzlich fühlst du dich so jung. Es muss die Aufregung sein. Überhaupt fühlst du dich in letzter Zeit wieder jünger.

Du schaust zu den Häusern hinauf. Der Regen tippt dir ins Gesicht. Du schließt die Augen. Wunderbar. Du gehst eine Runde auf die Kreuzung, Schritt für Schritt. Das Trommeln und Pochen, das Ende des Tages knipst die Laternen an. Das Regennass durchdringt deinen Anzug, aber noch akzeptierst du es.

Als liefest du über eine Theaterbühne, schaust du in die Straßenfluchten nach Beobachtern. Als erwartest du jemanden. Effektiv ist hier nichts und niemand und doch alles. Es gleicht einem Wald. Du denkst an einen regendurchfahrenen Wald, es knackt und plätschert, auf Vorsprünge und in Pfützen, während du weiter auf der Kreuzung wandelst. Zu deiner Verwunderung, steht kein Auto herum, hängen nicht einmal Werbeplakate, kein Geschäft, nichts. Die Menschen sind verschwunden, hinter dunklen Fenstern.

Du stellst dich wieder in den Hauseingang. Der Regen ist nun zu stark, als dass du noch Lust hast, in ihm herumzugehen. Es treibt dich auch nicht nach Hause oder irgendwohin. Hier an der Kreuzung ist genau richtig, um darüber nachzudenken wie alt du nun bist. Junge Erwachsene sind häufig sehr altmodisch, von der Klamotte her, im Kopf, müssten laut sein, sind aber still, hören zu. Von den Älteren hast du gelernt, die genießenswerten Momente zu erkennen, dass Mensch mit dem Alter sich immer weniger langweilt. Ein Greis kann stundenlang aus dem Fenster auf eine leere Straße schauen, so wie du jetzt gerade, während ein Kind ständig neu beschäftigt werden will. Es muss also irgendwann ein ideales Alter kommen, körperlich fit, aber der Unfähigkeit zur Wahrnehmung der Welt entkommen. Du fühlst dich immernoch so mittelalt. Da gibt es auf jeden Fall deutsch jüngere Ältere als dich.

Plötzlich kommst du nicht über den Gedanken hinaus. Dir ist kalt geworden und du willst nur noch nach Hause. Du rufst ein Taxi, das Minuten später diese verlassene Straßenkreuzung ausleuchtet, in die es hineinregnet wie in einen Blumentopf. Es hält vor deinem Hauseingang, in dem du dich vor dem Regen schützt, der so laut hinunter klatscht, dass sowieso kein vernünftiger Gedanke mehr möglich ist. 

Leeres Regal


29. September
verdammt nochmal

Du bist irgendwie enttäuscht. Du liest und liest, nicht unbedingt unfassbar viel und super schnell, aber durchaus regelmässig. Unterwegs hörst du Hörbücher, die du dir deshalb nicht kaufen brauchst. Doch all die gelesenen Zeilen, die vergehen vor deinem Auge. Sie kommen, überraschen dich, darin beschriebene Gefühle berühren dich, Gedanken lassen dich innehalten, nachdenken und dann, ja dann verschwinden sie wieder in den unendlichen Seiten, im Bücherregal, zwischen den anderen, vergehen und rücken in den Hintergrund. Abgerufen werden sie wohl nie wieder. Du bist froh, wenn du dich nach zweihundert Seiten an ein gutes Kapitel erinnerst, einen guten Gedanken oder das Ende. Der Inhalt verschollt, denn nie kommst du dazu ihn zu diskutieren. Wer redet schon über Bücher, geschweige denn bezieht eines in sein Gespräch? Es sind immer nur Gegenwartsmomente und es fehlt dir, sie heranziehen zu können. Bücher haben ein scheiß Image. Auf die Frage, was du so ließt, antworten die meisten mit Stottern und Ausreden. Wer keine Zeit zum Lesen hat, der muss sie sich halt scheiße nochmal nehmen. Keine Zeit haben, gibts nicht.

Dazu kommt ein anderes Phänomen. Wenn du dann endlich neue Bücher gekauft hast und auf dem Sofa liegst oder in der Wanne oder auf einer Wiese, heißt es noch lange nicht, dass dies nun ein akzeptables Buch ist. Wie viele Bücher hast du nicht schon gekauft und geschenkt bekommen und sie voller Erwartung angelesen, Autoren, deren Name dich jahrelang verfolgten und du sie eigentlich schon nach der ersten Zeile wieder weggeworfen hast – also natürlich nicht in den Müll. Wie viele Bücher hast du wohl zum falschen Zeitpunkt gelesen. Es passiert ja in den seltesten Fällen, dass Buch und Befinden wirklich aufeinander passen, dass du verdammt nochmal weißt, was du lesen willst. Du kennst noch kennst keine richtige Herangehensweise, wo und wie fängst du an, damit auch etwas hängen bleibt? Die Bücherwelt ist so unfassbar, wenn du da alle hundert Meter ein Buch rausziehst, wie verdammt bekommst du da Zusammenhänge hergestellt?

Wenn du hinein hörst, dann geht es abseits der Bücher um alles und nichts. Die ganze Dramatik aus deinen Büchern bleibt aus, glaubst du. Politik und Streit, das Erkunden der Abgründe und Lebenslücken, der aufschreibenswerten Dinge findet nicht statt. Es ist ja immer dieses „ja toll, ach schön, oh nein“, dass da hin und her schwappt. Du fragst dich, warum dir das verdammt nochmal so schwer fällt. Es herrscht schließlich mode festif, Party, Sexyness, Coolness, das vom tollen Leben erzählt, der schönen neuen Wohnung, den Kollegen, dem neuen Macker, den frisch gestrichenen Wänden – zur Deko ein paar alte Bücher aus Jugendzeiten. Du hast das Gefühl, vor ein paar Jahren war noch wichtig, was so in der Welt passiert, heutzutage sind nur noch Anschaffungen, der Job und das eigene Befinden diskussionswürdig, aber du kannst nichtmal fragen, „hey du, wer bist du, was treibt dich um, wie sieht es aus, wie geht es deinem Herzen, was macht dein Unmut, dein Rotz, der in dir hängt?“

Die Geschichten, die du aus den Büchern kennst, bleiben aus, die Einrisse und Kittversuche. Du gerätst in Panik, dein Leben verläuft wie ein Tankstellenroman. Aua, nein.

Es nützt alles nichts: Weiterlesen.

Unaufhörlich


17. September 2019

Du gehst den Hügel hinab mit kurzen Schritten. Der Blick tastet den Grund ab, auf dem du dich bewegst. Er scannt die Steine, auf die du trittst. Er entscheidet das Tempo, mit dem du gehst. Du läufst zügig, rutschst mit festen Sohlen über das Geröll. Du zügelst deine Geschwindigkeit, auch wenn du weißt, es ginge schneller. Doch die ersten Fehler haben sich schon eingeschlichen, in den Tritt, in die Balance.
Anfänglich bleibst du stehen zwischendurch und schaust dich um, dort wo du herkommst, wo du hingehst, rundherum. Es war tatsächlich nur ein Hügel, den du da heruntergekommen bist, der dir in den Beinen jedoch steil vorkam. Dort weiter hinten wartet das unbekannte Übel. Hinter Wolken, die nach Regen riechen. Du beschleunigst schließlich das Lauftempo und folgst der Nase lang hügelabwärts dem Berg entgegen, hinein in die Mondlandschaft, die weder Flora noch Fauna erahnen lässt. Da bist nur du und die Sonne, die dich umarmt, wie eine dich Verehrende und dir Schweiß abringt. In der Sonne musst du marschieren, denkst du dir, auf der Suche nach Schatten, Schritt für Schritt durch das Land. 
In der Ebene ist der Weg kaum mehr zu verfolgen. Der Gurt des Rucksacks drückt das Gewicht auf deine Hüften. So könntest du jetzt stundenlang geradeaus wandern und so wanderst du immer weiter, nur du mit der Sonne in der Weite. 
Den kurzzeitigen Wunsch nach Schatten hast du beiseite geschoben. Deine Befindlichkeiten tun nicht zur Sache. Du bist hier hinausgegangen, um deine ungenutzte Energie zu entfachen, die sonst immer ungenutzt vergeht. Die rhythmischen, schweißtreibenden Bewegungen entfachen dein System. Fett verbrennt. Gifte verdampfen. Herz und Lunge pumpen. 
Dein Körper arbeitet nun automatisiert im Wanderschritt, die Hände frei, bereit den Regen mit erhobenem Haupt zu begegnen. Das Geräusch deiner Wanderstiefel kündigt dich an.

Das Sonnenlicht verblasst und die Landschaft ergraut. Du gehst in den Wind hinein, der deine Jacke abtastet und an der Kapuze rüttelt. Du verlässt dich auf die Kraft, die deine Beinen entfachen, dich vorantreibt. Auf einem Boot schöbest du jetzt eine beachtliche Bugwelle vor dir her. Du schlägst dich wie einen Keil hinein in die Weite, in das aufsteigende Gebirgsmassiv. Du bist der Splitter in der Hand eines Riesen, die Mücke, die ihn umtreibt. Du bist winzig klein, ein verschwindend geringer Widerstand, du bist beinahe unsichtbar, ein kaum wahrzunehmender schon fast in der Versenkung Verschwundener, der hinein geht in die Untiefen, der immer in Bewegung bleibt, der arbeitet und rackert, der weiß, was er sich abverlangt, der mit festem Schritte wandert. Unaufhörlich. Du bist Widerstand.

Dampfbad


7. September
volle Hitze

Hosen runter an der Garderobe. Mit dem Strom die Treppe hinauf, im Badeanzug über die Tanzflächen, in die Ecken, Ritzen und Toiletten. Drinks und Drogen weichen das Bewusstsein auf, aus all der Ablenkung heraus, dem Stress der Hürden und Zwänge. Hinter diesen Mauern gilt nur, was noch bleibt. Was bleibt. Reduziert, hinunter gestampft, abgebrochen, aufgekratzt. Das Leben umgekrempelt, drinnen wird zu draussen, der ganze Überdruss scheitert am Türsteher. Nacktheit. Gemeinsam. Frei sein. Monsterschau. Selbstreinigung. 
Das Fleisch wandert und wippt und schwingt im Dunst, im Bass. Schweiß läuft über Körperfarben, Fett, Muskeln, Glatzen, Haut und Haaren, über Titten und Schwänze, Ärsche, Behaarte, Nackte. Verstümmelte und verloren geglaubte Scharen, vereint, ineinander, sich treibend, verweilend, hinfort wie Kerzenwachs, geschmolzen für einen aufflackernden Lichtmoment. Für immer aufgewacht im Traum, kaum zu glauben das Feuerwerk, der Dampf aus Energien, entfesselt in Ketten und Leder, Lust dringt durch die Poren.

Du trägst auf, machst dich zum Dichter und reisst alles Überflüssige wieder ab. Mit dem Kopf im Schoß von jemand anderem, schaust du Erwachsenen zu, spielend auf ihrer Wiese, der Himmel schwarz, ohrenbetäubender Lärm. Es könnte eine Katastrophe sein, aber die Menschen frönen ihr Paradies. Auf ihrem Rettungsschiff, vor allem Übel, in einem Garten der Klarheit. Zeitverloren bist du anwesend ohne Anfang und Ende. Neben dir fangen zwei Typen an rumzumachen, die Bärte ineinander, die Lederhosen angespannt, Muskelarme halten einander.  Du versuchst dem zu widerstehen, schaust weg, aber immer wieder hin. Sie überfahren ihre Körper und versinken in dem Sofa. 
Du stehst auf und marschierst mit durch das Himmelreich, schiebst dich durch die Menge, unter dem Krach hindurch, die eiserne Treppe hinunter, an der Garderobe vorbei durch den Türschlitz, übrig bleibt der Bass, du stehst im Niemandsland, keine Menschenseele, kein Licht, kein Halt. Du setzt dich auf einen Stein und siehst die S-Bahn vorbeiziehen. Dein Körper ist noch umgeben von einem Film aus Hitze und Lärm, in dem du stundenlang standest wie in einem Dampfbad. Nun abgelöst von der Brise, einem kalten Gewand, die den aufgeweichten Schmerz, der Unzugänglichkeit in diese Welt, mit sich trägt, aufhebt und weiterzieht und du zurückbleibst, freigemeißelt. 

Betäubt


30. August 2019

Jetzt bist du soweit rausgeschwommen, der Strand, wo alles herumströmt, ist weit weg. Deine Arme fühlen sich schon flau an. Doch hier draußen kannst du frei schwimmen, mit aller Radikalität, hinter den Brandungswellen verschwunden. Hier entfaltet sich deine wahre Kraft, dein Durchhaltevermögen. Du treibst auf der Oberfläche, Arme und Beine ausgestreckt. Um nicht abzusinken, ruderst du mit den Händen oder strampelst mit den Beinen. Hier gibt es kein Gedränge, kein Platzmangel, keine Streitereien, ausschließlich freie Entfaltung. Du musst immer in Bewegung bleiben. Stillstand ist nicht möglich, sonst droht der Untergang. Du schwimmst und schaust in den Himmel, über dir und in die Unendlichkeit, auf der du treibst.
Jeder Luftzug gewinnt an Bedeutung. Du kannst das Ufer nicht mehr sehen. Um dich herum ist nur noch Wasser. Du steuerst gegen eine wachsende Beklemmung an und tauchst unter und schaust dich um, nur dein Haarschopf an der Oberfläche. Da kommt eine rötliche Wolke angeflogen, ganz langsam aber bestimmt. Sie beruhigt dich, du hältst inne. Plötzlich jedoch, als wäre sie herangesprungen, ist sie zu nah, als wäre sie von dir angezogen. Du willst noch ausweichen, doch es streift dich, das Wesen und dein ganzer Arm beginnt zu brennen.

Du wachst auf. Dein Arm schwer und schmerzverzehrt. Du liegst auf ihm und drehst dich als erstes von ihm herunter. Du spürst ihn kaum mehr. Er ist betäubt bis hinauf unter die Schulter, der rechte Arm. Du willst ihn bewegen, doch bekommst das Muskelfleisch kaum angehoben. Du erwachst und greifst entlang des Fleisches. Du spürst eine fremde Haut, die nackte Oberfläche, kalt irgendwie, darunter nichts. Du knetest. Dein Inneres ist gefühllos. Auf dem Rücken liegend, schiebst du ein sechshundert Seiten starkes Buch mit der linken Hand zurück unter deinen Kopf, das seit einiger Zeit das Kissen ersetzt und hältst inne.
Blut strömt in den rechten Arm, den du mit der linken Hand bearbeitest. Nur mit derer Hilfe gelingt es dir, den rechten Arm anzuheben. Als du ihn selbständig wieder ablegen willst, klappt die Hand am Gelenk herunter. Die Schwere seiner selbst, ein Phantomgewicht, ein Fremdkörper, den du nicht kontrollieren kannst. Du liegst, nun erwacht und knetest und hoffst, dass das wieder wird mit dem Arm. Du schaust aus dem Fenster. Es trübt bereits der Tag hinein in das schwarz. 
Du glaubst das Blutrauschen in deinem Arm zu hören. Das Körpergefühl kommt bestimmt vollständig zurück, doch darin steckt ein unbequemes Gefühl. Du bist nicht sicher, ob es an der kurzen Angst lag, deinen Arm zu verlieren oder dem Traum, der dir das Bauchgefühl eingebrockt hat. Du streifst die Finger deiner rechten Hand einzeln über dem Daumen ab.
Der Superproll, der letztens deinen Weg auf der Straße kreuzte, grätscht in das Durcheinander. Du willst nicht an ihn denken, doch zu spät. Jetzt denkst du wieder an ihn, an seine Gefahr. Du fühlst dich unwohl, bei geschlossenen Augen in deinem Bett.

Nach dem Regen


Dienstag, 13. August 2019
Paris, in der Orangerie vor Monets Seerosen.

Die ganzen Touristen vergisst du jetzt einfach mal. In der Tiefe liegen die Wurzeln begraben. Trauerweiden ragen über dem Wasserkreislauf. Sie wirken aufeinander, nehmen einander an, verlieren sich ineinander. Die hängenden Weiden münden in Wolkentürmen, einem Bett für Seerosen. Kleine Gemeinschaften, die einen lose, die anderen pulsierend, gedrängt mit einer der seltenen Blüten, die das Matt aufbrechen, sich dem Verlauf entgegenstellen und die ganz anderen, die unter der Oberfläche zu verschwinden drohen und ganz flach und angepasst verharren.
Der Himmel steigt hinab und dringt in das Wasser. Da bleiben keine Details mehr, nur noch großes und ganzes.

Die Farben auf den Oeuvre zeugen von Wetter im eigentlichen Sinne. Wolken nehmen Schatten. Ein Brise streicht über das Wasser, über grün leuchtenden Flöße für das umherfliegende, nicht zu erkennende Insekt. Flöße, die als Dächer dienen, für die unter den blauen Kurven Lebenden, den allzeit Tauchenden. Das Schilf, der Wald. Schon seltsam, ein Leben unter Wasser. Du kannst hinabfallen und ertrinken, auf dem grünlich durchschimmernden Grund. Ein Fisch muss hinaufgezogen werden, aus seiner Leichtigkeit heraus, dem Licht entgegen, dem trommelnden Regen, hinein in die lastende Schwerkraft, direkt in den Tod. Ohne Bewusstsein bleibt ihm das Grauen erspart und Fotos braucht er auch nicht von sich machen. Nach dem Regen.

Das Licht verrät die Tageszeit nicht. Es kommt matt und satt und verlaufen daher, etwas zwischen Morgenstunmung und der letzten sich aufbäumenden Energie, dass in dem sich verdichtenden Schilf hängt, wo kein Platz mehr ist für Rosenblätter, die noch ein paar Meter weiter zwischen den Halmen ankern. Ein Dickicht, verborgen in der Farbpalette, eine Zwischenwelt, wohlmöglich ein Sonnenstrahl, der da reinfällt. Die Wärme eines erloschenen Sternes, die nachhallt und den Lichtausklang hinter sich herzieht. Am Rande des Scheins brodelt sich etwas zusammen. Es suppt bräunlich, beinah Stillstand, in die Erde mit greifenden Bewegungsresten hinein. Einem Ort, da könnten die Fische an Land gehen. 

Hängen geblieben


Dienstagnacht, 6. August 2019
Auf gut Glück

Sonst nimmst du immer den Fahrstuhl, doch heute läufst du das Treppenhaus hinunter, über zweihundert Stufen. Irgendwann verzählst du dich. Auf der Straße bist du kaum ein paar Meter gelaufen, unter den Lichtkegeln der Laternen, da hörst du Musik aus der Weite , sie erfüllt ihren Zweck und schüchtert dich ein. Als du näher gekommen bist, kommt der übelste Prolet auf dich zu, plötzlich ein paar Meter vor dir, aus der Dunkelheit heraustretend, wo das Getöse seiner Hängergruppe und die pumpenden Bässe herkommen. Seine Muskelberge beängstigen dich. Er könnte dreißig sein oder auch achtzehn. Nur seine Höflichkeit passt nicht in diesen Körper. Mit einer Mischung aus Vorsicht und Freundlichkeit fragt er, ob du nicht zufällig Feuer hättest. Du sagst nichts, beginnst aber in deiner Jackentasche zu kramen, wissend, dass da kein Feuer ist. Er hält einen Joint in der Hand und betrachtet dich: Noch was vor, altah, gehste feiern?
Dein Herz springt in deiner Brust. Du traust ihm kein Wort. Da knallt eine Fahrradbremse in die Eisen und das Gerät schlittert in deinem Rücken über den Asphalt heran. Vor Schreck springst du nach vorn und krümmst Schultern und Beine. Gelächter aus der Bassecke. Auch der Proll lacht laut und breitet die Arme in Richtung des Fahrradfahrers aus. Du schaust dich um und über einem Mountainbike steht ein zweiter Proll, der alten Schule: Karottenhose, Polohemd und die Kappe passend zu den Sneakers locker aufgesetzt. Dass es das noch gibt, denkst du erstaunt, beim Aufeinanderschallen ihrer hohlen Hände, hinein in die Nacht. Der Fahrradfahrer sieht den Joint und zieht die Feuerflamme aus seiner Jackentasche. Du machst einen Schritt zurück. Der Proll reagiert kreischend auf diesen Zaubertrick. Junge, was geht?! Sie wenden sich ab von dir. Der Proll dreht sich ein letztes mal um, hebt die Hand zu einer Art Gruß, lass gut sein. Ok, murmelst du und gehst weiter, den Lichtkegel entlang.

Was sind das für Typen, die so böse gucken können, aus ihrer Kinderseele? Gehören die zu den Guten oder sind das schon die Bösen, die Arschlöcher mit dem freundlichen Grinsen? In deinem Kopf schwirren immer wieder die vielen Momente umher, längst vergangen, mit alten Kollegen, Begegnungen mit Fremden und aus geplatzten Beziehungen. Unzählige Situationen, die zurückbleiben, in denen du dich betrogen, ausgenutzt oder angegriffen fühltest.
Du erwischst dich bei der Frage, in welcher Köpfe bist du selbst, mit deinem Auftritt, deiner Meinung, deinen Forderungen hängen geblieben, als fiese Gestalt, der Nacht, der Macht, als jemand, der Mist gebaut hat, Scheisse gelabert, sich daneben benommen hat, sei es dem Alkohol verschuldet, einer Übernächtigung, Eroberungsgier oder dieser Gruppendynamik. In Momenten, wo aus dir das Böse herausplatzte, aus dir dem guten Menschen. 

Du läufst ein Stück, doch weisst nicht wohin. Jetzt kommt eigentlich nur Bar infrage. Doch da gibt es nur Alkohol. Der passt jetzt aber grade nicht rein. Du brauchst etwas Konstruktives. Du könntest mal wieder jemanden anrufen. Quatschen, die Weltlage besprechen. Du willst zuhören, etwas beobachten, worin du dich treiben lassen kannst. Für einen Telefonplausch ist es schon zu spät. Du drehst um den Häuserblock und steuerst wieder nach Hause. Dabei meidest du selbstverständlich die Gruppe. Diesmal nimmst du nicht die Treppen, dir aber vor, ins Museum zu gehen oder am Wasser entlang, in einen kleinen Park, etwas beobachten. Natur. Allheilmittel.