Phantomschmerz


2. Dezember 2019
In den Federn.

Warum wirkt der Kaffee morgens nicht, wie der Kaffee wegen dem du Abends nicht schlafen konntest? Stattdessen ist es das schlechte Gewissen, das dich wachhält. Die ganze Woche nun schon. Was hast du für dich und deine Mitmenschen getan? Welche Frage, die du dir zuletzt gestellt hast, war wertvoll? Worüber hast du zuletzt nachgedacht? Wann ändertest du das letzte Mal deine Meinung, deine Gewohnheit? Hieltest du deinen Prinzipien stand? Was macht dich aus? Wem hast du geholfen? Wo lebst du eigentlich, in der Gegenwart, Vergangenheit oder ist es die Zukunft nach der du strebst? Sind dir die Geschichten und Erzählungen wichtiger oder die Pläne von Morgen und diese zu gestalten oder lässt du dich gar treiben und nimmst die Geschehnisse für voll, das Hier und Jetzt für deinen Mittelpunkt? Wer dankte dir? Was gibst du zurück? Wann hast du deine letzte Postkarte geschrieben oder dich zuletzt bei dir wichtigen Personen gemeldet? Ist es lebensbejahend ständig über den Tod nachzudenken, wenn er doch Teil des Lebens ist? Ständig heißt es Neuanfang, endet der Anfang also nie? 

Dieses Phantombild, aus der Zeitung vom vergangenen Wochenende geht dir nicht mehr aus dem Kopf, Es muss tatsächlich das Gesicht des jungen Mannes gewesen sein, wegen dem du immer einen Umweg gegangen bist. Doch seitdem hast du ihn nicht in dem Park vor deinem Haus rumhängen sehen. Nichtmal seine Freunde sind mehr dort. Du hast dich bisher nicht bei der Polizei gemeldet. Dafür schläfst du schlecht und spürst keinen Hunger mehr. Dieser Mann lässt dich nicht los. Er hat dich auf der Straße nach Feuer gefragt und du standest da vor ihm, ausgeliefert und machtlos über deine Person. Der Vollproll war schon einmal der erste, an den du dachtest, nachdem du aus einem Albtraum aufgewacht bist. Du denkst an die vielen kleinen Momente, in denen du nicht schnell genug reagiert und die Klappe gehalten hast, sie einfach geschluckt und es nie geschafft hast, sie wieder einzufangen, sie noch einmal anzusprechen, daraufhin einfach selber zuzuschlagen, stattdessen den schlechten Umgang akzeptiertest, dir an einem bestimmten Punkt immer wieder sagtest, egal, zu spät, Schwamm drüber, halb so wild. Doch all die Momente, sie sind hängen geblieben und davon gar nicht mal so wenig. Einige sind sicherlich schon aus dem Bewusstsein verschwunden, doch die anderen, die halten sich wacker, im Bett, auf Arbeit. Du bist ihnen ausgeliefert. Den verpassten Neins, Wortgefechten und Widersprüchen, erdrückt vom Nichtgesagten, Momenten, die über die hinweg streiften, im Raum stehen Gelassenen, Situationen, in denen du nicht eingeschritten bist, die du zu spät erkannt hast.
Wann kommt die Kurve? Wirst du den Schwamm eines Tages auswringen? Wird das alles eines Tages verarbeitet, vergessen oder verdrängt? Wirst du das gut reden oder kommt da wirklich ein Wandel, das innere Okay, das über den Dingen steht?

Montag, Raus aus den Federn verdammt nochmal.