Samstag ist Selbstmord

Sonntag, 24. November 2019

Nach getaner Arbeit, musst du nun die Freizeit erfüllen. Wochenende, Ausruhen, Essen, Sport, Fernsehen, vielleicht lesen, aller Unwahrscheinlichkeit Kultur. Freizeitgestaltung bleibt ein Kraftakt. Sie bleibt stehts bedroht von der baldig wieder anstehender Arbeit. Oft bist du geneigt, einfach durchzuarbeiten. Ein paar Akten hast du zufälligerweise in deiner Tasche vergessen, die du jetzt durchgehen könntest und die Präsentation gleich mit vorbereiten und nebenher ein paar Emails aufsetzen – die du aber nicht vor Montag Morgen abschickst. So vergehen vor allem die Nachmittage hervorragend, während die anderen Gelangweilten und nicht-Gelangweilten sich durch die Stadt frieren und Metro fahren, auf Einkaufstouren gehen und am Museum anstehen. Du bleibst zu Hause. Die Zeitung wartet im Briefkasten, der Bäcker ist nur unwesentlich weiter. Mehr brauchst du nicht, außer das Sofa natürlich. Wo du sitzend isst, sitzend mit hochgelegten Füßen fern schaust, liegend liest – bis du einschläfst. 
Von vorne. Beim Bäcker kaufst du immer das Gleiche, wie im Supermarkt. Beim Blick auf die anderen Produkte fragst du dich stets, warum das jemand kauft. Wohingegen du beim Blick in die Zeitung immer wieder überrascht bist, wie diese Tag für Tag zusammengestellt wird. Was für heute bleibt: Die Staaten dieser Welt haben sich an Kriege und Missstände längst gewöhnt, nur versteht niemand mehr warum sich die Flüchtlinge nicht daran gewöhnen, warum sie immer noch um Hilfe schreien. Auf dem Teller Spiegeleier, was sonst?!
Dann heisst es plötzlich, Schluss mit Flüchtlingen, anstatt Frieden zu fordern. Entweder Oder Bitteschön, wer Hass und Krieg beschwört, muss auch die Konsequenzen annehmen und wenn stattdessen die Grenzen geschlossen werden, muss das auch für Kriegsgerät gelten.

Du blätterst durch die Zeitung, ohne den Artikel zu Ende zu lesen und willst sie schon wegschieben, wer die deutsche Presselandschaft kritisiert, sollte unbedingt mal anfangen, sie zu studieren. Da bemerkst du eine öffentliche Fahndung. Die Phantomzeichnung kommt dir erstaunlich bekannt vor, Augenschatten, Nasenlinie, Mundwinkel, kahles Haar, ja, das muss doch dieser Vollproll sein, der immer auf der Straße mit seinen Leuten rumhängt. Der dich sogar schon angesprochen und nach Feuer gefragt hat. Wegen dem du seitdem immer einen kleinen Umweg machst. Dieser junge Mann soll ernsthaft eine Flasche ins offene Visier eines Bundespolizisten geschleudert haben. Dieser liegt jetzt im Krankenhaus. Deine Gefühle schwanken zunächst zwischen Schock und Sensationslust. Plötzlich bricht daraus die Neigung hervor, ihm dem Vollproll, der als Phantom in der Zeitung steht, ihn in Schutz zu nehmen. Du glaubst das jetzt nicht. Dein Blick weilt auf dem Kontakt zur zuständigen Polizeidienststelle.