Aushalten


1. November 2019
Im Taxi

Die Musik, der Fahrstil, das geschlossene Fenster, der Lärm von draußen, ausgeliefert durch die Stadt, fünf Minuten noch. Es vibriert so sehr in dir. Zu Undurchsichtig sind all die Lebensabsichten, die ihr Unheil verrichten. Du starrst hinaus mit der Erwartung eines Anglers, suchst nach dem Weg durch das Raster, die Hin und Wieder durcheinander gesponnen. Du willst langsam wirklich Widersacher sein. Du schaust deine Hände an und fragst dich, wie du sie einbringen sollst. Du kannst sie nicht mehr ausstehen, die Wartezeiten, sie verliert mehr und mehr ihre Daseinsberechtigung. Du willst die Autotür des fahrenden Wagens aufreißen und den Wagen zum Stoppen zwingen.

Warum verdammt noch mal bist du keines dieser Arschlöcher geworden? Immer bist du so lieb, antwortest mit Jaein, wiegst ab, feilst an Entscheidungen. In dieser Welt ist so einiges schief gelaufen, aber niemand hat es geschafft, dich zu einem besserwissenden, im Saft stehenden Vollproll zu machen. Jemand, der säuft und frisst, der nachts gut schläft, der die Antwort sofort weiß und nicht erst in vierundzwanzig Stunden, der mit der Faust auf dem Tisch Entscheidungen fällt. Der sich bewundert, was er und seine Mitmenschen doch für tolle Geschöpfe sind.
Es ist schon immer wieder erstaunlich wie toll sich alle finden, wie sehr sie sich bewundern, sich loben und streicheln. Ihre Vorzüge hervorheben, ihre Energie und Leistung, ihre Charakter, wie sehr sie sich verdammt nochmal lieben. Was sind wir nicht für tolle Geschöpfe. Wir haben es vollbracht die Welt auf den Kopf zu stellen. Das Klima zu verändern und so herumzuwuchern, dass trotz Elend kein Virus uns mehr auslöschen kann. Doch in der Freizeit, wenn die Welt mal wieder ein Stück abgeschlachteter ist, haben wir nichts besseres zu tun, als uns darüber zu beschweren wie schmutzig alles ist. 
Anstatt die Zeit mal verstreichen, uns zurückzunehmen und darin treiben zu lassen, anstatt einmal auf die Uhr der Natur zu schauen, anstatt auf Öffnungszeiten. Auf Arbeit können wir die Zeit wenigstens absitzen und dabei sogar gut aussehen. Zu Hause hingegen fühlen wir uns so nutzlos, bei beiseite geschoben, dass wir einkaufen müssen, bisschen Shoppen, nichts bestimmtes, nur mal gucken. Vielleicht noch Kultur oder direkt Kaffe, irgendwann dann Freunde treffen, Essen gehen, sich über Putzmittel zu unterhalten, die neue Farbe an den Wänden, der Garten, das Kind. Ein Blick auf den Gesamtzustand ist verheerend. Der Taxifahrer ist vom Verkehr genervt, du von den Nachrichten, die aus dem Radio funken.

Was ist denn nun wirklich wichtig? Das Jetzt und Hier, die Umwelt, wie du sie wahrnimmst, das Morgige, was kommend passiert oder woraus du lernst oder alles zusammen? Das Gesamtspiel, die Ambition Weltbürger zu sein, Teilnehmer am Geschehen, all das in sich hineinzufressen, aufgeblasen für alle Ewigkeit, befürchtend, dass ein umfassende Erkenntnis ausbleibt. Jeder Wissensnachschub verschlimmert den Zustand, hingegen können Wissenslücken sogar gefährlich sein.

Du hältst es nicht mehr aus, bittest den Fahrer zu halten und läufst den restlichen Weg.