Leeres Regal


29. September
verdammt nochmal

Du bist irgendwie enttäuscht. Du liest und liest, nicht unbedingt unfassbar viel und super schnell, aber durchaus regelmässig. Unterwegs hörst du Hörbücher, die du dir deshalb nicht kaufen brauchst. Doch all die gelesenen Zeilen, die vergehen vor deinem Auge. Sie kommen, überraschen dich, darin beschriebene Gefühle berühren dich, Gedanken lassen dich innehalten, nachdenken und dann, ja dann verschwinden sie wieder in den unendlichen Seiten, im Bücherregal, zwischen den anderen, vergehen und rücken in den Hintergrund. Abgerufen werden sie wohl nie wieder. Du bist froh, wenn du dich nach zweihundert Seiten an ein gutes Kapitel erinnerst, einen guten Gedanken oder das Ende. Der Inhalt verschollt, denn nie kommst du dazu ihn zu diskutieren. Wer redet schon über Bücher, geschweige denn bezieht eines in sein Gespräch? Es sind immer nur Gegenwartsmomente und es fehlt dir, sie heranziehen zu können. Bücher haben ein scheiß Image. Auf die Frage, was du so ließt, antworten die meisten mit Stottern und Ausreden. Wer keine Zeit zum Lesen hat, der muss sie sich halt scheiße nochmal nehmen. Keine Zeit haben, gibts nicht.

Dazu kommt ein anderes Phänomen. Wenn du dann endlich neue Bücher gekauft hast und auf dem Sofa liegst oder in der Wanne oder auf einer Wiese, heißt es noch lange nicht, dass dies nun ein akzeptables Buch ist. Wie viele Bücher hast du nicht schon gekauft und geschenkt bekommen und sie voller Erwartung angelesen, Autoren, deren Name dich jahrelang verfolgten und du sie eigentlich schon nach der ersten Zeile wieder weggeworfen hast – also natürlich nicht in den Müll. Wie viele Bücher hast du wohl zum falschen Zeitpunkt gelesen. Es passiert ja in den seltesten Fällen, dass Buch und Befinden wirklich aufeinander passen, dass du verdammt nochmal weißt, was du lesen willst. Du kennst noch kennst keine richtige Herangehensweise, wo und wie fängst du an, damit auch etwas hängen bleibt? Die Bücherwelt ist so unfassbar, wenn du da alle hundert Meter ein Buch rausziehst, wie verdammt bekommst du da Zusammenhänge hergestellt?

Wenn du hinein hörst, dann geht es abseits der Bücher um alles und nichts. Die ganze Dramatik aus deinen Büchern bleibt aus, glaubst du. Politik und Streit, das Erkunden der Abgründe und Lebenslücken, der aufschreibenswerten Dinge findet nicht statt. Es ist ja immer dieses „ja toll, ach schön, oh nein“, dass da hin und her schwappt. Du fragst dich, warum dir das verdammt nochmal so schwer fällt. Es herrscht schließlich mode festif, Party, Sexyness, Coolness, das vom tollen Leben erzählt, der schönen neuen Wohnung, den Kollegen, dem neuen Macker, den frisch gestrichenen Wänden – zur Deko ein paar alte Bücher aus Jugendzeiten. Du hast das Gefühl, vor ein paar Jahren war noch wichtig, was so in der Welt passiert, heutzutage sind nur noch Anschaffungen, der Job und das eigene Befinden diskussionswürdig, aber du kannst nichtmal fragen, „hey du, wer bist du, was treibt dich um, wie sieht es aus, wie geht es deinem Herzen, was macht dein Unmut, dein Rotz, der in dir hängt?“

Die Geschichten, die du aus den Büchern kennst, bleiben aus, die Einrisse und Kittversuche. Du gerätst in Panik, dein Leben verläuft wie ein Tankstellenroman. Aua.

Es nützt alles nichts: Weiterlesen.