Unaufhörlich


17. September 2019

Du gehst den Hügel hinab mit kurzen Schritten. Der Blick tastet den Grund ab, auf dem du dich bewegst. Er scannt die Steine, auf die du trittst. Er entscheidet das Tempo, mit dem du gehst. Du läufst zügig, rutschst mit festen Sohlen über das Geröll. Du zügelst deine Geschwindigkeit, auch wenn du weißt, es ginge schneller. Doch die ersten Fehler haben sich schon eingeschlichen, in den Tritt, in die Balance.
Anfänglich bleibst du stehen zwischendurch und schaust dich um, dort wo du herkommst, wo du hingehst, rundherum. Es war tatsächlich nur ein Hügel, den du da heruntergekommen bist, der dir in den Beinen jedoch steil vorkam. Dort weiter hinten wartet das unbekannte Übel. Hinter Wolken, die nach Regen riechen. Du beschleunigst schließlich das Lauftempo und folgst der Nase lang hügelabwärts dem Berg entgegen, hinein in die Mondlandschaft, die weder Flora noch Fauna erahnen lässt. Da bist nur du und die Sonne, die dich umarmt, wie eine dich Verehrende und dir Schweiß abringt. In der Sonne musst du marschieren, denkst du dir, auf der Suche nach Schatten, Schritt für Schritt durch das Land. 
In der Ebene ist der Weg kaum mehr zu verfolgen. Der Gurt des Rucksacks drückt das Gewicht auf deine Hüften. So könntest du jetzt stundenlang geradeaus wandern und so wanderst du immer weiter, nur du mit der Sonne in der Weite. 
Den kurzzeitigen Wunsch nach Schatten hast du beiseite geschoben. Deine Befindlichkeiten tun nicht zur Sache. Du bist hier hinausgegangen, um deine ungenutzte Energie zu entfachen, die sonst immer ungenutzt vergeht. Die rhythmischen, schweißtreibenden Bewegungen entfachen dein System. Fett verbrennt. Gifte verdampfen. Herz und Lunge pumpen. 
Dein Körper arbeitet nun automatisiert im Wanderschritt, die Hände frei, bereit den Regen mit erhobenem Haupt zu begegnen. Das Geräusch deiner Wanderstiefel kündigt dich an.

Das Sonnenlicht verblasst und die Landschaft ergraut. Du gehst in den Wind hinein, der deine Jacke abtastet und an der Kapuze rüttelt. Du verlässt dich auf die Kraft, die deine Beinen entfachen, dich vorantreibt. Auf einem Boot schöbest du jetzt eine beachtliche Bugwelle vor dir her. Du schlägst dich wie einen Keil hinein in die Weite, in das aufsteigende Gebirgsmassiv. Du bist der Splitter in der Hand eines Riesen, die Mücke, die ihn umtreibt. Du bist winzig klein, ein verschwindend geringer Widerstand, du bist beinahe unsichtbar, ein kaum wahrzunehmender schon fast in der Versenkung Verschwundener, der hinein geht in die Untiefen, der immer in Bewegung bleibt, der arbeitet und rackert, der weiß, was er sich abverlangt, der mit festem Schritte wandert. Unaufhörlich. Du bist Widerstand.