Dampfbad


7. September
volle Hitze

Hosen runter an der Garderobe. Mit dem Strom die Treppe hinauf, im Badeanzug über die Tanzflächen, in die Ecken, Ritzen und Toiletten. Drinks und Drogen weichen das Bewusstsein auf, aus all der Ablenkung heraus, dem Stress der Hürden und Zwänge. Hinter diesen Mauern gilt nur, was noch bleibt. Was bleibt. Reduziert, hinunter gestampft, abgebrochen, aufgekratzt. Das Leben umgekrempelt, drinnen wird zu draussen, der ganze Überdruss scheitert am Türsteher. Nacktheit. Gemeinsam. Frei sein. Monsterschau. Selbstreinigung. 
Das Fleisch wandert und wippt und schwingt im Dunst, im Bass. Schweiß läuft über Körperfarben, Fett, Muskeln, Glatzen, Haut und Haaren, über Titten und Schwänze, Ärsche, Behaarte, Nackte. Verstümmelte und verloren geglaubte Scharen, vereint, ineinander, sich treibend, verweilend, hinfort wie Kerzenwachs, geschmolzen für einen aufflackernden Lichtmoment. Für immer aufgewacht im Traum, kaum zu glauben das Feuerwerk, der Dampf aus Energien, entfesselt in Ketten und Leder, Lust dringt durch die Poren.

Du trägst auf, machst dich zum Dichter und reisst alles Überflüssige wieder ab. Mit dem Kopf im Schoß von jemand anderem, schaust du Erwachsenen zu, spielend auf ihrer Wiese, der Himmel schwarz, ohrenbetäubender Lärm. Es könnte eine Katastrophe sein, aber die Menschen frönen ihr Paradies. Auf ihrem Rettungsschiff, vor allem Übel, in einem Garten der Klarheit. Zeitverloren bist du anwesend ohne Anfang und Ende. Neben dir fangen zwei Typen an rumzumachen, die Bärte ineinander, die Lederhosen angespannt, Muskelarme halten einander.  Du versuchst dem zu widerstehen, schaust weg, aber immer wieder hin. Sie überfahren ihre Körper und versinken in dem Sofa. 
Du stehst auf und marschierst mit durch das Himmelreich, schiebst dich durch die Menge, unter dem Krach hindurch, die eiserne Treppe hinunter, an der Garderobe vorbei durch den Türschlitz, übrig bleibt der Bass, du stehst im Niemandsland, keine Menschenseele, kein Licht, kein Halt. Du setzt dich auf einen Stein und siehst die S-Bahn vorbeiziehen. Dein Körper ist noch umgeben von einem Film aus Hitze und Lärm, in dem du stundenlang standest wie in einem Dampfbad. Nun abgelöst von der Brise, einem kalten Gewand, die den aufgeweichten Schmerz, der Unzugänglichkeit in diese Welt, mit sich trägt, aufhebt und weiterzieht und du zurückbleibst, freigemeißelt.