Nach dem Regen

Dienstag, 13. August 2019
Paris, in der Orangerie vor Monets Seerosen.

Die ganzen Touristen vergisst du jetzt einfach mal. In der Tiefe liegen die Wurzeln begraben. Trauerweiden ragen über dem Wasserkreislauf. Sie wirken aufeinander, nehmen einander an, verlieren sich ineinander. Die hängenden Weiden münden in Wolkentürmen, einem Bett für Seerosen. Kleine Gemeinschaften, die einen lose, die anderen pulsierend, gedrängt mit einer der seltenen Blüten, die das Matt aufbrechen, sich dem Verlauf entgegenstellen und die ganz anderen, die unter der Oberfläche zu verschwinden drohen und ganz flach und angepasst verharren.
Der Himmel steigt hinab und dringt in das Wasser. Da bleiben keine Details mehr, nur noch großes und ganzes.

Die Farben auf den Oeuvre zeugen von Wetter im eigentlichen Sinne. Wolken nehmen Schatten. Ein Brise streicht über das Wasser, über grün leuchtenden Flöße für das umherfliegende, nicht zu erkennende Insekt. Flöße, die als Dächer dienen, für die unter den blauen Kurven Lebenden, den allzeit Tauchenden. Das Schilf, der Wald. Schon seltsam, ein Leben unter Wasser. Du kannst hinabfallen und ertrinken, auf dem grünlich durchschimmernden Grund. Ein Fisch muss hinaufgezogen werden, aus seiner Leichtigkeit heraus, dem Licht entgegen, dem trommelnden Regen, hinein in die lastende Schwerkraft, direkt in den Tod. Ohne Bewusstsein bleibt ihm das Grauen erspart und Fotos braucht er auch nicht von sich machen. Nach dem Regen.

Das Licht verrät die Tageszeit nicht. Es kommt matt und satt und verlaufen daher, etwas zwischen Morgenstunmung und der letzten sich aufbäumenden Energie, dass in dem sich verdichtenden Schilf hängt, wo kein Platz mehr ist für Rosenblätter, die noch ein paar Meter weiter zwischen den Halmen ankern. Ein Dickicht, verborgen in der Farbpalette, eine Zwischenwelt, wohlmöglich ein Sonnenstrahl, der da reinfällt. Die Wärme eines erloschenen Sternes, die nachhallt und den Lichtausklang hinter sich herzieht. Am Rande des Scheins brodelt sich etwas zusammen. Es suppt bräunlich, beinah Stillstand, in die Erde mit greifenden Bewegungsresten hinein. Einem Ort, da könnten die Fische an Land gehen.