Hängen geblieben


Dienstagnacht, 6. August 2019
Auf gut Glück

Sonst nimmst du immer den Fahrstuhl, doch heute läufst du das Treppenhaus hinunter, über zweihundert Stufen. Irgendwann verzählst du dich. Auf der Straße bist du kaum ein paar Meter gelaufen, unter den Lichtkegeln der Laternen, da hörst du Musik aus der Weite , sie erfüllt ihren Zweck und schüchtert dich ein. Als du näher gekommen bist, kommt der übelste Prolet auf dich zu, plötzlich ein paar Meter vor dir, aus der Dunkelheit heraustretend, wo das Getöse seiner Hängergruppe und die pumpenden Bässe herkommen. Seine Muskelberge beängstigen dich. Er könnte dreißig sein oder auch achtzehn. Nur seine Höflichkeit passt nicht in diesen Körper. Mit einer Mischung aus Vorsicht und Freundlichkeit fragt er, ob du nicht zufällig Feuer hättest. Du sagst nichts, beginnst aber in deiner Jackentasche zu kramen, wissend, dass da kein Feuer ist. Er hält einen Joint in der Hand und betrachtet dich: Noch was vor, altah, gehste feiern?
Dein Herz springt in deiner Brust. Du traust ihm kein Wort. Da knallt eine Fahrradbremse in die Eisen und das Gerät schlittert in deinem Rücken über den Asphalt heran. Vor Schreck springst du nach vorn und krümmst Schultern und Beine. Gelächter aus der Bassecke. Auch der Proll lacht laut und breitet die Arme in Richtung des Fahrradfahrers aus. Du schaust dich um und über einem Mountainbike steht ein zweiter Proll, der alten Schule: Karottenhose, Polohemd und die Kappe passend zu den Sneakers locker aufgesetzt. Dass es das noch gibt, denkst du erstaunt, beim Aufeinanderschallen ihrer hohlen Hände, hinein in die Nacht. Der Fahrradfahrer sieht den Joint und zieht die Feuerflamme aus seiner Jackentasche. Du machst einen Schritt zurück. Der Proll reagiert kreischend auf diesen Zaubertrick. Junge, was geht?! Sie wenden sich ab von dir. Der Proll dreht sich ein letztes mal um, hebt die Hand zu einer Art Gruß, lass gut sein. Ok, murmelst du und gehst weiter, den Lichtkegel entlang.

Was sind das für Typen, die so böse gucken können, aus ihrer Kinderseele? Gehören die zu den Guten oder sind das schon die Bösen, die Arschlöcher mit dem freundlichen Grinsen? In deinem Kopf schwirren immer wieder die vielen Momente umher, längst vergangen, mit alten Kollegen, Begegnungen mit Fremden und aus geplatzten Beziehungen. Unzählige Situationen, die zurückbleiben, in denen du dich betrogen, ausgenutzt oder angegriffen fühltest.
Du erwischst dich bei der Frage, in welcher Köpfe bist du selbst, mit deinem Auftritt, deiner Meinung, deinen Forderungen hängen geblieben, als fiese Gestalt, der Nacht, der Macht, als jemand, der Mist gebaut hat, Scheisse gelabert, sich daneben benommen hat, sei es dem Alkohol verschuldet, einer Übernächtigung, Eroberungsgier oder dieser Gruppendynamik. In Momenten, wo aus dir das Böse herausplatzte, aus dir dem guten Menschen. 

Du läufst ein Stück, doch weisst nicht wohin. Jetzt kommt eigentlich nur Bar infrage. Doch da gibt es nur Alkohol. Der passt jetzt aber grade nicht rein. Du brauchst etwas Konstruktives. Du könntest mal wieder jemanden anrufen. Quatschen, die Weltlage besprechen. Du willst zuhören, etwas beobachten, worin du dich treiben lassen kannst. Für einen Telefonplausch ist es schon zu spät. Du drehst um den Häuserblock und steuerst wieder nach Hause. Dabei meidest du selbstverständlich die Gruppe. Diesmal nimmst du nicht die Treppen, dir aber vor, ins Museum zu gehen oder am Wasser entlang, in einen kleinen Park, etwas beobachten. Natur. Allheilmittel.