Gute


Samstag, 3. August 2019

Du fühlst dich versperrt, Unwohlsein steigt in dir auf. Du stocherst nach Worten und bist unmittelbar mit deiner kognitiven Fähigkeit konfrontiert. Als würdest du mit deinem Freund Schach spielen. Du fühlst dich geradezu unfähig einen überlegten Zug zu machen, der mit einer ursprünglichen Idee begründet ist, geschweige denn ein Plan, um die Problemstellung zu lösen. Es gibt Dinge, die kannst du besser als Schach, ja klar, aber allein die Vorstellung eine Figur verschieben zu müssen, fühlt sich furchtbar beladen an, mit deinen Argumenten über den Verlauf einer Herausforderung zu entscheiden. So ähnlich muss es auch Politikern gehen, nur, dass sie da meistens mehr Parteien sind, bei der jeder von sich glaubt, der Gute zu sein und die richtigen Züge zu machen. 

Denn jeder behauptet von sich, der Gute zu sein, dafür musst du aber nicht die Staatslenker aus der Zeitung beobachten. Auch du glaubst von dir, auf der guten, auf der richtigen Seite zu stehen. Es reicht, wenn du die Häuserschlucht hinabschaust, auf die da unten, die Verantwortungslosen, Schmarotzer und die da oben sowieso, aber allem voran auf die prüde Jugend, die lieber gläsern ist, aber jedenfalls immer aggressiv. Du brodelst vor dich hin, still und starr. Du bist der Gute. So viel steht fest. Nur, dass dann die anderen ja auch gut sein müssten. Doch das steht längst nicht fest. 

Dir schauert es, fürchtest den Krawall von der Straße. Alle sind angeekelt von einander. Die Alten von den Jungen, umgekehrt sowieso. Du fühlst dich benutzt, deiner Kapazität beraubt, von dieser Gesellschaft. Du fragst dich, ob das alles so legitimiert ist. Also sicher ist es normal, zehn Stunden am Tag zu Arbeiten, ständig mit dir zu ringen, Kompromisse zu finden, sich auch mal anzuschreien, im Sommer kurz zu tragen, im Winter zu Hause zu bleiben. Doch du willst radikal sein, kompromisslos wie die Musik der Jugend da unten.

Das wolltest du dir immer beibehalten. Du wurdest so erzogen, deinen Weg zu gehen. Jetzt sitzt du hier oben und denkst Kompromisslos sein, heisst verschlossen bleiben, was dann aber wiederum an Dummheit grenzt und Dummheit macht schliesslich wütend und schafft all die Wut in unserer Gesellschaft, weil jeder seiner eigenen Nase hinterher tanzt. Das hiesse dann aber letztlich auch böse zu sein, also zumindest nicht gut. Im Gegenzug, kompromisslos dem Guten folgen, braucht vor allem Kompromisse. Du steigst von deinem Turm hinab, obwohl es schon dunkel draussen ist und gehst hinunter auf die Strasse. Es fühlt sich furchtbar radikal an.