Stress


Mittwoch, 17. Juli 2019
auf und ab

Zurück auf dem Stuhl. Der Kopf schmerzt ein wenig vom Sturz, doch es ist okay. Es passt, ein gewohnter Schmerz, den du kennst, von den Abenden nach der Arbeit, an denen du ein Bier zuviel getrunken hast. 
Du hast dir ein Glas Wasser geholt, den Stuhl wieder hingestellt und dir das Kippeln untersagt. In der Schule hast du auch immer gekippelt, alle haben das. Vielleicht, weil es ja heißt, sitzen sei unnatürlich, entweder man stehe oder liege, aber sitzen mache den Körper kaputt. Vielleicht bleibst du deshalb so gerne liegen. Gemütlich stehen, das ist ja eher ein Widerspruch. Aber liegen, erinnert dich immer auch an die Starre. Was hast du nicht alles im Liegen verstreichen lassen. Du hast vor dich hin sediert. Nichts anderes eigentlich, als auf einem Stuhl zu sitzen. Nur, dass du im Liegen immer zwischen Schlaf und Bewusstsein gependelt bist. Damals schon hast du von deinem Teil in der Gesellschaft geträumt, Teil des Stroms zu sein, der dich einerseits leitet und dir andererseits Platz bietet, dich zu entfalten. Auf dem Stuhl ist nun einiges klarer. Der Strom präsentiert sich wie eine Fata Morgana, der du dich zwar annähern kannst, die aber immer ein Versprechen am Horizont bleibt, denn nun bist du Teil dessen. Du fühlst dich aber weder geleitet, noch bereitet er dir Platz zur Entfaltung.

Im Gegenteil bist du betroffen von einem alles unterwandernden Stress, ausgelöst durch den Strom. Ihm Folge zu leisten, Mängel zu überwinden, im vorgegebenen Tempo. Du hast noch dieses und jenes und du brauchst und vor allem musst du immer und dir fehlt und so fort. Die Geschwindigkeit des Stroms ruft bei dir eine entgegenlaufende Verlangsamung hervor. Du fühlst dich angegriffen, das hat deines Erachtens nichts mit propagiertem, sogenannten gesunden Stress zu tun, der dich fördere und dir Aufwind verschaffe. Wo ist er hin, dieser Fördergeist, in welches Kapitel musst du zurückblättern? Du gehst tagtäglich deiner Dinge nach, doch sobald der Stress Leine lässt, räumst du dir alle Zeit der Welt ein, du hältst die Uhren komplett an, schmeißt die Batterien raus und legst dich hin und lässt dich treiben. Du schaltest dich aus. 

Obwohl du dir immer vornimmst, deine Freizeit zu nutzen, um ein schlaues Buch zu lesen, einen guten Gedanken zu entdecken oder etwas zu lernen, das du noch nicht kannst. Du willst aktiv sein, inspiriert und raus in die Welt, dich ihr stellen. 
Doch vielmehr und über all diesem Willen stehend, entpuppt sich dein deine Verweigerung, sich dem unaufhörlichen Trubel zu stellen, dem Konsum um dich herum, den Begierden und Versprechen. Du denkst daran, was du heute Abend essen wirst, womit du dich vollstopfen möchtest, vor dem Fernseher, mit hochgelegten Füßen, bei offenem Fenster.
Essen. Jetzt. Dir knurrt der Magen. Du nimmst einen Schluck aus dem Wasserglas und kleckerst über Mund und Hals auf dein Oberteil. Du schreckst hoch, aus einer halb liegenden Position. Beinahe wärst du mit dem Po über die Stuhlkante gerutscht, der Nacken schon an der Stuhllehne. Da hast du schon wieder halb gelegen, auf dem Stuhl gelegen, mit abgestütztem Kopf und beinahe wärst du mit dem Hintern über die Stuhlkante gerutscht.