Im falschen Haus


Mittwoch, 10. Juli 2019
Ganz woanders

Du schaust auf deine Buchseiten, zurückgelehnt in einen Liegestuhl. Du verstehst, was dort geschrieben steht, aber es will dir nicht in den Kopf. Du kannst es dir weder vorstellen, noch wiedergeben, noch irgendwie merken und liest und liest und hoffst bloß irgendwann auf den folgenden Seiten einzusteigen, dass Worte fallen, die du zusammenführen und du dir vorstellen kannst. Du liest und liest, in deiner Muttersprache. Doch es nützt nichts. Das Buchseitenweiß schimmert im blassen Cremeton unter dem Schriftbild. Du verstehst deine eigene Sprache nicht. Im Hintergrund ein Farbspiel aus Wiesen, grün, Palmenblätter, Swimmingpool, blau, der Himmel klar und weit. 

Der Garten, in dem du liegst, grenzt an ein Haus, ein versteckter Riese, der sich kleingemacht, gänzlich unscheinbar nach außen. Doch in seinem Bauch, du schaust einfach hinein, siehst du drei Salons und eine Wendeltreppe hinauf in die Etage mit den Schlafzimmern.

Du bist im falschen Haus.

Eben noch bist du herumgeschlichen und hast dich umgeschaut in dem Haus. Es kam dir bekannt vor, du warst aber noch nie zuvor hier. Du kamst die Treppe hinunter, da hast du erstmals das Wohnzimmer und seine Sofalandschaft gesehen. Als du die Küche fandest, hast du dich an den Tisch gesetzt und bevor du überlegen konntest, ob du dich bedienen darfst, stand eine Haushälterin in der Tür. Sie lächelte, grüßte, glitt lautlos um dich herum und servierte Kaffee. Du bist sitzen geblieben, verwirrt und hast Kaffee getrunken, während die Haushälterin anfing, Frühstück zuzubereiten. Du hast diese Frau noch nie zuvor gesehen, aber unbekannt war sie dir nicht. Als die Haushälterin ihre Arbeit getan hat und du verköstigt warst, verschwand sie wieder im Haus.

Eben noch lagst du mitsamt Stuhl in deiner Einraumwohnung. Jetzt bist du woanders, ganz woanders. Du musst träumen. Im Garten hingegen liegt es sich fantastisch. Du fragst dich, warum alles so leicht und friedlich daher kommt. Du schaust in den Himmel. Du atmest die Sommerluft. Du denkst an Europa, an Paris. Du stellst dir den Kontinent vor, ohne Grenzverläufe auf der Karte, nur das Relief und seine Städte. Du guckst von oben herab und siehst wie die Farben des Hoch- und Flachlandes ineinander laufen, von Nord nach Süd, von Reykjavik bis nach Istanbul. 

Doch du bist ganz woanders. 

Du denkst an die Haushälterin. Du betrachtest den Pool. Du liegst in einem Garten mit Pool und Haushälterin. Du hast ein Buch in der Hand. Du bist leicht, gesund und wach. Die Luft könnte kaum angenehmer sein, halbschattig warm. Du bist fern von krankmachendem Stress. Stress. Dem Gefühl, das dich innerlich kaputt macht. Das dir ernsthaft Sorgen bereitet. Stress, der dich zum Hypochonder macht, dir Krankheiten in den Körper pflanzt, dich von allem Wichtigen ablenkt, dich in die Knie zwingt und versklavt. Dir wird schummerig. Selbst darüber nachzudenken, hier weit fern im Traumland, durchfährt dich mit Unwohl. Du merkst, da stimmt etwas nicht. Dir wird schon wieder flau. Der Schmerz, dieser Druck, verankert in Brust und Kopf. Du atmest tief ein und aus, durch den offenen Mund. Du wehrst dich mit Armen und Beinen gegen das Zittern. Du bist müde, verdammt nochmal müde. Du spürst, wie du dich bewegst und dann realisierst du es. Nein, du willst es nicht wahrhaben, aber es ist unausweichlich. Du zwinkerst erstmals mit den Augen und wachst auf. Dein Bewusstsein fährt durch deinen Körper. Du liegst da, zurück in deiner Wohnung, auf dem Boden mitsamt Stuhl. Du fasst dir mit der Hand an den Hinterkopf, mit dem du auf den Boden geknallt sein musst. Alles normal.