Hohes Niveau


Dienstag, 2. Juli 2019
Auf dem Stuhl

Du hast die flache Hand vor dir aufgerichtet, nur der Daumen steht ab. Du spreizt die beiden äußeren Finger auseinander. Dann schließt du die Hand wieder zu einer gesamten Fläche und spreizt als nächstes die Finger paarweise auseinander, die beiden linken in die eine und die beiden rechten in die andere Richtung. Um mit einer Gegenbewegung die in der Mitte entstandene Lücke wieder zu schließen und zur ersten Bewegung zurückzukehren.
Du versuchst dich auf die Umsetzung zu konzentrieren. Dein Kopf befielt, doch deine Hand kommt dem nur krampfend nach. Abwechselnd spreizt du erst die beiden äußeren, dann die inneren Finger auseinander. Vom W zum V, vom V zum W.

Du sitzt auf dem Stuhl und wartest was passiert. Nichts passiert, was soll schon passieren, außer die Nachbarn, deren Stimmen du durch den Hof schallen hörst. Irgendjemand redet bei offenem Fenster, zumindest nicht leise. Dein Fenster ist geöffnet. Du schaust wieder auf deine Finger. Der Bewegungsablauf funktioniert noch kaum und deine Hand tut jetzt weh. Irgendetwas rumpelt in der Nachbarwohnung, vielleicht ein Möbelstück, das verschoben wird. Ja, das könnte es sein. Vielleicht solltest du auch etwas verschieben. Stattdessen sitzt du seit bestimmt schon fünf Minuten auf dem Stuhl, betrachtest eine Fingerübung und willst aber eigentlich nichts, also gar nichts machen. Du willst dir selbst genug sein, dich nicht vor dir selbst langweilen, ohne Ablenkungen auskommen.
Du beginnst mit dem Stuhl zu kippeln. Dabei wandert dein Blick durch den Raum und du suchst nach der Uhrzeit. Doch du hast weder deine Armbanduhr um, noch freien Blick auf die Wanduhr. Nicht mal dein Handy ist in Reichweite. Du bist verärgert, aber schnell schiebst du auch diese Banalität beiseite. Darum soll es jetzt nicht gehen. Konzentriert willst du bleiben. Konzentration. Kon-zen-tra-ti-on. Du sitzt in deinem Zimmer auf einem Stuhl. Du versuchst gegen die ablenkenden Geräusche anzukämpfen. Deshalb schließt du die Augen. Du atmest tief durch. Du öffnest die Augen wieder und fragst dich, was das soll, ob du hier überhaupt so sitzen darfst und dich selbst betrachten. Was bringe das schon, herumzuträumen, auf einem Stuhl zu sitzen und Fantasien und Gedanken nachzuhängen. Reinste Verschwendung der Lebenszeit. Stattdessen müsstest du auf die Straße. Am Freitag die Arbeit niederlegen und auf eine Demonstration gehen. Dich durchfährt die Nachrichtenlage, Spekulation, Korruption, Sonnenbrand.

Doch in dir brennt nicht der Planet, sondern es lodert nur ein laues Flämmchen. Deine Kippelschwünge werden intensiver.
Du denkst an ein Telefonat, das du kürzlich mit einem Freund geführt hast. Er sagte, der spürbare Mangel befähigt den Menschen sich weiterzuentwickeln. 
Du hörst die Lehrer dieser Welt in dein Ohr brüllen, dir mangele es auf hohem Niveau. Du sprichst die Unterstellung vor dir her. Hör mal zu Freundchen. Guck mal aus dem Fenster. Du isst wie ein König und musst nicht frieren und Familie hast du auch.
Hohes Niveau. Wer sich das Glück einrede, kann glücklich sein. Dir widerstreben diese brutalen Behauptungen, diese Glückspropaganda. Dir ginge es gut, weil du maximale Grundlagen hättest. Du seist so privilegiert in der Gesellschaft, also halt die Fresse.

Geh arbeiten, zahl deine Steuern, sei normal, sei einfach normal, mach was, steht nicht rum, nicht zu viel denken, die Probleme lösen sich von alleine. Mach es bloß nicht anders. Immer weiter so. Plötzlich überspannst du dein Gleichgewicht, kannst die Zehen nicht mehr am Boden halten und krachst mit dem Stuhl rücklings auf den Zimmerboden.