Entspannungsübung



Dienstag, 25. Juni 2019
Auf der Lauer

Rrrrrrr. Du versuchst das R zu rollen, wie Till Lindemann. Du schwingst deinen Kiefer hin und her und presst die Augenlider zusammen. Du schnaubst und verbiegst die Lippen. Du stehst vor dem Spiegel und stellst dir vor ein gekochtes Ei zu sein, das du auf die Tischplatte haust um die Spannung zu brechen. Du atmest in Stößen, ziehst die Luft tief hinein, bis dein Brustkorb gänzlich aufgebläht ist. 
Aus Schultern und Armen, Kopf und Beinen pustest du die Anspannung heraus, die du sachte abfederst, um aus diesem Schwung Haltung anzunehmen und dich vorbereitest etwas zu sagen. Schluss mit der Melancholie flüsterst du halb, gekünstelt und doch auch wirklich traurig. Du schießt einen Stimmfetzen in den Kopf, Kopfstimme hallo, dann einen in den Bauch, Bauchstimme, hallo. Hin und her, hin und her. Nach der Begrüßung noch einmal die Parole, diesmal laut und deutlich aus dem Kopf, Schluss mit der Melancholie und wie ein Echo hinterher aus dem Bauch, Schluss mit der Melancholie. Du versuchst dich an einen Witz zu erinnern, der dich zum Lachen bringen soll. Du hast kürzlich eine Seemannsgeschichte gelesen, von Säufern und Mördern, da wurden so viele Witze erzählt. Erinnern tust du dich natürlich an keinen einzigen. Nur an so ganz alte Witze von Schulzeiten. An die zu denken, traust du dich gar nicht mehr und was du mit achtzehn sagen durftest, gilt zehn Jahre später nicht mehr. Das hast du letztens einmal wieder gemerkt, als dir ein völlig deplatzierter Kommentar in Anwesenheit von sogenannten Bekannten herausrutschte, die deinen Humor überhörten und gleichzeitig mit abtrünnigen Blicken untereinander kommentierten. Aber die Gedanken bleiben ja, auch wenn du sie nicht mehr ausformulieren darfst und irgendwie muss der Schmutz ja raus. Positiv denken, soll helfen. Du skandierst in den Spiegel, Positiv. Positiv. Positiv. HIV HIV HURRA.

Wieder beginnst du das R zu rollen. Rrrrrrramm-stein. Du hustest und dabei schießt dir der Schleim aus deinem Hals. Du musst lachen, doch der Mund voll ist mit Spucke, also presst du die Lippen zusammen,. Du eilst ins Bad und speist ins Waschbecken. Wasser läuft nach.
Du lauscht dem Abfluss und schaust wieder in den Spiegel. Schon wieder ein Spiegel. Du willst dir einmal selbst genug sein, auf einem Stuhl sitzen, inmitten deines Zimmers, ohne etwas in der Hand oder vor der Nase, ohne dich zu langweilen. Seit einiger Zeit bereits ignorierst du deinen Computer, dein Handy, du beantwortest kaum Anrufe, selbst die Nachrichten blendest du aus. Du willst ein Baum sein, der nur dasteht, als Teil der Natur, in der Natur und doch über sich hinauswächst. Du hältst deine Hand unter das fließende Wasser. Du willst etwas lernen, das du nicht kannst, wie zum Beispiel das R zu rollen. Etwas loswerden, das… nein, das klingt schon wieder so melancholisch. 
Du stehst da so herum, das Wasser in der Hand, du bist zu allem bereit. Du sowas von bereit. Deine Arme machen einen sportlichen Eindruck, deine Haut scheint gesund. Du bist privilegiert. Man bist du privilegiert, gestehst du dir beim Blick in den Spiegel – und wüsstest so gerne etwas damit anzufangen.