Gesamtkreisläufe


Dienstag, 18. Juni 2019
Auf dem Weg

Du läufst durch die Strassen und guckst in die Schaufenster. Der Bäcker bäckt seine Brötchen, die Müllabfuhr leert die Tonnen, ein Händler zieht Zeitungsstapel auseinander, Mensch geht seiner Arbeit nach. Du hast einen Kaffee in der Hand, Kopfhörer drinnen und bist auf dem Weg zur nächsten U-bahn. Du bist beeindruckt. Die Metro kommt auf die Minute, hunderte Menschen steigen zu den anderen und fahren ihrer Wege. Das System funktioniert, denkst du, jedes Detail geht hier seinem Lauf und wenn du dir erst vorstellst, was auf den Fernbahnhöfen zusammenkommt und an den Flughäfen, der Personenverkehr, die Güter, die dort umgeschlagen werden und wer daran alles beteiligt ist. Man versuche sich die Logistik des Containerverkehrs, auf Schienen und Weltmeeren vorzustellen.
Auch, wenn du es dir kaum einzugestehen vermagst, auch du bist eines dieser Zahnräder, mitten drin, Teil dessen. Du gehst und handelst und bewegst. Es ist eine schöne Vorstellung, dass alles funktioniert, Hand in Hand und sich dreht. Der Markt verbindet Menschen, die füreinander arbeiten, ohne sich zu kennen. Du stellst dir die Gesamtkreisläufe vor, von der Metro bis zum Erdball.

Im Untergrund steht eine Frau vor dir und hält, trotz des sich über die Schienen windenden Waggons, mit beiden Händen ein Zeitungsinterview mit Rutger Bregman vor sich aufgeschlagen, Junger Philosoph, Shootingstar, ein Niederländer, der dem Kapitalismus den Kampf ansagt. Du beginnst mitzulesen und denkst dir, man der Typ ist genauso alt wie du und der steht da in der Zeitung, nicht weil er es will, sondern weil ihn seine Forderungen und Anklagen dort hingebracht haben. Er redet davon, dass die soziale Frage und der Klimawandel zusammengehören, von der Bedrohung der Demokratie durch Vermögensungleichheit, dass die Superreichen endlich ihre Steuern zahlen müssen und dann fällt der entscheidende Satz: Wir können uns eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus.
Du liest noch ein bisschen weiter, über die Schulter der Frau hinweg, aber hängst längst bei diesem Gedanken fest und stützt dich mit der Hand gegen die holprige Fahrt. Du bist ganz ehrlich zu dir, denkst ein bisschen nach und musst tatsächlich mit dem Satz konform gehen. Du kannst dir ein Ende des Kapitalismus nicht vorstellen. Du lebst an der globalen Spitze, bist vom Westen groß gezogen und seiner Demokratie – in ihrem Rücken immer der Kapitalismus. Der scheint dir so universell. Du bekommst deinen Blickwinkel nicht aufgebrochen. Du siehst nicht wie das ginge, ohne Kapitalismus.
Du musst das noch einmal überdenken oder besser nachschlagen oder am besten jemanden fragen, der das weiß, ob das ginge, Demokratie ohne Kapitalismus.

Du steigst aus der U-bahn und ein Bettler streckt dir seine Hand entgegen. Bei der nächsten Kaffeekette kaufst du dir noch einen Kaffee, für fünf Euro. Du gehst dort auf Toilette und beim Pinkeln stellst du dir vor, das Wasser käme nicht, sobald du spülst – das Trinkwasser. Draußen auf dem Bürgersteig, mit dem Heißgetränk in der Hand, fragst du dich, was passiere eigentlich, wenn du nicht auf Arbeit erscheinen würdest und wie lange es dauern würde, bis du ersetzt wärst. Du ärgerst dich und eilst los. Zu spät kommen, willst du nicht.