Aus der Welt


Dienstag, 11. Juni 2019
halb zehn Uhr Abends:
Auf den Wolken

Du sitzt im Flugzeug, Sonntagabend, das Ende eines Kurzurlaubes. Deine Freundin hat im letzten Moment alles entschieden und geplant. Plötzlich standest du in den Bergen, in einem anderen Land, mit anderer Sprache und du schautest zum Massiv, unterhalb bewaldet, oberhalb beschneit. Eben noch lagst du an einem Wasserfall, im Arm deiner Freundin, auf einem vom Bach glattgeschliffenen Felsgestein.
Nun ertönt neben dir ein Gebetsruf nach Allah, du schreckst auf, nur ganz kurz, du zuckst nicht einmal und doch erwischst du dich dabei, wie du es beinahe leugnen wolltest. Dein Sitznachbar packt ein Sandwich aus. Die Sonne ist also irgendwo hinter dem diesigen Schleier und der graublassen Landplatte verschwunden. Weit weg von hier oben ist alles fern, Kurzurlaub, Heimankunft, Arbeit. Du bist gänzlich im Abseits, bewegst dich nichtsahnend übermenschlich schnell, fernab, unbeachtet im Raum hinweg. 
Du schaust über die Schulter des Mannes, der Wasser und Sandwich in sich hineinschluckt und versuchst etwas zu erahnen, von dem großen und ganzen. Es gleicht jedoch einem Einblick ins Nichts, ausgeblichene Fransen, Farbpigmente eingestampft wie schwarz-weiß, ein Misch aus Wolkenfetzen und Nebelschwaden. Du fragst dich, ist dieses Gebäude, in dem du dich gerade auf seltsamer Distanz herumdrehst, nun gut oder schlecht?

Du willst den Erdball als ganzes betrachten und stellst dir die Alpen vor, in denen du eben noch gewandert bist, von oben, über dich hinweg, Allperspektive, von dort, wo alles eins, wo aus all den Ecken und Kanten ein Gesamtes wird und sein Relief nur noch friedlich daliegt. 
Wenn jeder Mensch einmal das große Ganze aus der Mondperspektive sähe, wäre die Welt vielleicht ein anderer Ort. Weltallfotos sind traumhaft und doch hat diese Reduzierung auf dich eine abstrahierende Wirkung. Du kannst dich nicht im Kosmos wahrnehmen. Die Sterne am Himmel gehen über deinen Verstand hinaus. Selbst die Sonne nimmst du als Teil der Erde wahr und nicht umgekehrt.
Du bist ein informierter Friedlebender, der in der Zeitung liest, das ein Unwetter heran weht, ein ziemlich gewaltiges sogar. Der das aber nicht wahrhaben kann, denn der Himmel über dir strahlt blau. So leuchtend kräftig schön, welche Gewalt kommt da schon heran.
Du schneidest dich am liebsten heraus aus dem Zusammenhang und reduzierst die Momente des Erlebens um deine Wahrnehmung herum. Du bist ein Fluchttier, das im Schatten liegen kann, solange die Fleischfresser außer Sichtweite sind.

Dein Flugzeug landet und mit der Geschwindigkeit fällt deine Anspannung, die du beim Fliegen immer spürst. Keine Panik oder Angst. Es ist so eine seltsame Art Respekt vor dem Tod. Fliegen macht dich demütig, wie das Relief der Alpenformationen, wie sie aufbrechen und Erdmasse emporheben. Bei diesem Anblick glaubst du an das Gute. 
Du hast verstanden, dass es egal ist, ob du Esotheriker bist oder Philosoph, ob du den ganzen Tag an dich selbst denkst oder nur an die anderen. Ganze Regale sprechen über das Glück, was es ausmacht, woher es kommt, wie es bleibt und so fort.
Doch die Natur ist das größte Maß der Selbstreduzierung, sie genügt sich selbst. Natur ist nicht böse, nicht ungerecht, unausgeglichen, sie kennt kein Schicksal und verlangt nichts. Natur sieht nicht vor oder grenzt aus. Ihr näher zu kommen, nah zu sein, Teil des Kreislaufes zu sein, ist dein Glück.

Daran denkst du noch im Zug auf dem Rückweg in die Stadt. Hand in Hand mit deiner Freundin, die dich küsst, die das nicht in Büchern zu lesen braucht, um zu verstehen, Glück gehört denen, die geben.