Sommer


4. Juni 2019
Dreißig Grad und Pollenflug
Die Medikamente in der Tasche

Du gehst die Straße hinunter, durch dein altes Kiez. Lange warst du nicht hier. An der Ampel stehen geblieben, denkst du, im großen und ganzen ist alles okay, passt. Vor dir hält ein Typ im Auto mit heruntergelassenen Scheiben und pumpt einen Song, den Rapper erkennst du sofort. Vor Jahren, ziemlich viele schon eigentlich, wenn du drüber nachdenkst, spielten ihn deine Freunde rauf und runter, hier in deinem alten Viertel, sie feierten ihn alle ab. Doch dich haben seine Texte überrannt, die Brutalität haute dich um. Dafür hast du ihn verachtet. Du hast geglaubt, was der da rappt. Das hat dir Angst gemacht, in der Zeit als dein Spielzeug gerade anfing zu verstauben.

Du kleiner Hurensohn, fick deine Schulnoten, friss meine Schuhsolen. Leck meine Spucke jetzt vom Fußboden.

Es bumst die ganze Straße hinunter. Für das Auto bleibt die Ampel auf rot. Du könntest vorbeigehen, bewegst dich aber nicht, denn der Song rasiert dich hart und du reagierst mit einem Lächeln, nickst sogar zum Beat. Der Fahrer sieht dich und du ihn, doch er schenkt dir nichts. Der hängt noch in der Endlosschleife.
Du lachst, du feierst, was du früher verabscheust hast, dann schaltet die Ampel auf grün und der Wagen zieht betont vor dir weg. Du überquerst die Straße und holst deine Kopfhörer raus und spielst den Track selber an. Einfach Oldschool, denkst du jetzt, dieser Rapper. Es knallt richtig ordentlich rein. Du kannst dich gar nicht einbekommen und hörst ihn ein zweites Mal. Schönes Ding. Guter alter Scheiß, denkst du. 
Du bist in Gönnerstimmung und gibst dir die nächsten Tracks von dem Album. Das hättest du nicht für möglich gehalten. Eben noch hast du versucht das vergangene Kapitel aus deinem Buch zu verstehen und jetzt rotzt der ehemalige Tempelhofer Ghettobürgermeister in dein Ohr – und du stehst drauf, bis du plötzlich liest, der Track ist von 2014. Junge, denkst du, der Lederjackengangster rappt nach über zehn Jahren immer noch über Schulnoten. Echte Gangsterromantik. Wenn du nur all deinen Alltagsmist zu dieser freudigen Bedeutungslosigkeit verkommen lassen könntest.

Doch es bleibt ernst, es geht weiter. Du kommst an einem Wahlplakat vorbei, das da noch immer hängt, hoch oben, vergessen und doch in die Fresse. Rechtsextreme Demokratiefeinde, die wir wieder in den Parlamenten haben. Das erinnert dich an böse Zeiten, richtig finstere, tödliche Spaltung durch Menschenhass. Der Beat und sein Beast klappert jetzt lächerlich in dein Ohr, als hätte man dem Rapper seine Baseline geraubt. Du ziehst die Hörer herunter und bleibst vor dem Plakat stehen. Du willst es runterreißen, doch du kannst nicht. Du kommst an die Propaganda nicht ran. Du denkst an deine Stimme, die du bei der Wahl abgegeben hast und bemerkst erst jetzt, die Prozente, die die Demokratiefeinde bekommen haben, hast du einfach hingenommen, ohne, dass sie dich weiter schockierten. Du trittst aus Trotz gegen die Laterne. Wie kommst du darauf? Nichts passiert. Du rufst zur Gewalt auf, in deinem Kopf, schaust dich um und suchst Verbündete. Was ist plötzlich los? Demokratiefeindliche Parlamentarier nicht in deinem Kiez.
Da kommen zwei Schüler angeschlendert. Dein Herz macht einen Sprung. Ey, Jungs, schaut mal das Plakat. Das muss da runter. Sofort. Sie gucken erst ein bisschen doof, als müssten sie den Müll runterbringen, doch dann nehmen sie die Sache sportlich. Der eine steigt auf die Schultern des anderen und so ziehen sie mühelos die Propaganda herunter. Zu dritt reißt ihr einmal ordentlich dran und haut das Plakat in die nächste Tonne. Ihr bounct einander ab und du bedankst dich. Dabei kommst du dir sehr alt vor.
Die Jungs gehen befriedigt weiter, lachen, er ist guter Junge.