Selbstbereinigung


Sonntag, damit ist alles gesagt,
außer das Datum: 14. April 2019

Lukas, Guten Morgen

Ich war verschwunden mit Freunden, die mich besuchten, in der großen Stadt, wir saßen an eng zusammenstehenden Tischen, tranken Rotwein, aßen Wurstplatten, hörten Flavien Berger und rannten an der Seine entlang – also in Joggingklamotten. Es war ein Woche voller Freundschaftskitsch. Ich selbst entdeckte Paris mit eigenen Schritten neu, ohne etwas arbeiten zu müssen. Nur, das mit dem Schreiben verdrängte ich konsequent. Mit jedem Tag, an dem ich nicht schrieb, wuchs das Gefühl der Unzufriedenheit in mir und damit die Blockade etwas zu Stande zu bringen. Nach nun einem Monat war ich von Morgens bis Abends davon beherrscht. Ein niederringendes, Gefühl, eine Angstvorstufe, eine Atemhürde. Die Treppe vor mir wurde immer steiler und verbog sich ins Endlose. Ich konnte nicht einmal mehr Notizen machen. Da blieb nur noch Ablenkung. 

In der vergangenen Woche habe ich zum Einschlafen die Podcasts von Hotel Matze gehört, Tim Raue, Klaas Heufer-Umlauf, Benjamin von Stuckrad-Barre, Ronja von Rönne. Was die Schreiber zu sagen hatten, interessierte mich am meisten, aber ich war ernüchtert. Stuckrad-Barre Monologe hören sich nach Dauerbrainstorming an, notorische Wortbindungen, Gedankensprünge, Schöpfungen. Es kracht und knallt wie ein Sportwagen auf der Schotterpiste. Es schmerzt zuzuhören, doch Barre legt dabei eine Strecke zurück, irrsinnige Serpentinen und führt zu Abgründen und Panoramen bis ich plötzlich nur noch bei mir war und niemanden mehr zuhören konnte. So ist das ja, wenn jemand die ganze Zeit von sich spricht, dann denkt man irgendwann nur noch an sich selbst. 

Es ist Punkt acht Uhr Morgens, Sonntag. Die Sicherung des Warmwasserboilers ist umgesprungen. Dabei hinterlässt sie so seltsame Schwingungen, die in den Raum dröhnen. Im Ohr fühlt es sich eher ungesund an. In einer guten Stunde breche ich zur Arbeit auf.
Ich habe mir heute den Wecke auf sieben Uhr gestellt. Diesen fern vom Bett auf den Tisch gestellt, dass ich gezwungen war aufzustehen, Kaffee gekocht und im Dreiergespann bin ich mit Laptop auf das Sofa.

Verzeihe mir, heute geht es nur um meine Wenigkeit. Selbsterhalt. Blogerhalt. FE-Belebung. Therapieschreiben. Schreiben des Schreibens wegen. Auf der Tastatur herumklimpern bis ein Ton entsteht. Haltung bewahren, dran bleiben, Sätze zurückstellen, nie löschen, immer nur zurückstellen. So wie meine Antwort auf deinen vorhergehenden Brief. Die bleibt heute aus. Den ignoriere ich jetzt mal ganz gekonnt. 

In diesen Tagen feiert flughafeneuropa Jubiläum, ein Wort, das ich nur mit Rechtschreibhilfe auf Papier bringe. Überhaupt. Ich habe vor kurzem zum ersten Mal gehört, dass es Menschen gibt – vor allem in sehr armen Ländern , die ihr Geburtsdatum nicht kennen und nur relativ unbestimmt sagen können, wie alt sie seien. Das hat mich demütig gestimmt, das Gefühl, sein Alter nicht genau zu kennen. Das Geburtsdatum, ohne jenes unser Ich-Dasein nicht stattfinden kann. Stattdessen die Altersfrage zu beantworten mit, ich bin noch geradeso jung oder aus dem gröbsten bin ich raus, es wird Zeit Erwachsen zu werden, ich will Kinder, ich glaub ich bin alt, wirklich alt.

Die Last ist runter. Auch Last macht alt. Ich stehe jetzt auf von der Couch, befreit in den Sonntag. Nächstes Mal erzähl ich dir dann meine Nudelgeschichte.

Jacob