Besorgter Bürger

Berlin, kopflos irgendwann zwischen 07. und 11. März 2019
on the run, immer

Jacob,

welche Nudeln isst du in Paris? Auch Barilla, so wie ich in Berlin? Ey sorry, dass ich jetzt mit so einem plumpen Thema um die Ecke komme, aber das hab ich mich gestern Abend wirklich gefragt (und jetzt offensichtlich auch noch), als ich mit zwei Tellern Pasta im Magen gelähmt auf dem Sofa saß, unfähig einen Ansatz zu finden, unfähig einen klaren Gedanken zu fassen, unfähig dir zu schreiben.

Ich habe dann doch etwas geschrieben gestern, nur leider nicht dir. Ich habe dem Barilla Kundendienst eine Mail geschrieben.
Ich habe in letzter Zeit ein etwas komisches ökologisches Bewusstsein entwickelt musst du wissen.

Ich spreche mit Freunden darüber, auf Fliegen verzichten zu wollen, checke am Abend aber easyjet und freue mich über 30-Euro-Deals nach Neapel (nicht gebucht). Ich hebe hier und da Müll auf der Straße auf, um ihn in den Mülleiner zu kloppen, währenddessen trete ich meine Kippen aber auf dem Gehweg aus. Ich kaufe die doppelt eingepackten Plastikschalen-Tomaten, beschwere mich aber bei Barilla über ihr Plastik-Kuckfenster in der Packung. Ja genau das habe ich tatsächlich gemacht.

Die Sache ist die: In meinen schizophrenen Ökoschüben, filetiere ich Verpackungen in ihre Einzelteile, trenne penibel Papier von Plastik. Neulich stand ich sogar wie in Trance am Glascontainer und habe erst bei meinen, dann bei fremden (allerdings nicht allzu versifften) Gläsern Deckel abgeschraubt und in der korrekten, der gelben Tonne versenkt.

Aber wieder zurück zu meiner Barilla-Kundendienst-Lukas-Ökowahn-Mail. Ich schrieb, wie sehr ich Pasta lieben würde, schmierte ihnen ordentlich Bolognese ums Maul. Ich schwärmte von ihren Bavette 13, den Mafaldine und Farfalle denen ich, na klar: „farfalle“ bin.
Und dann fragte ich den Kundendienst, warum um alles in der Welt eine Nudelpackung ein Plastikfenster braucht. Steht Karl-Otto vor dem Nudel-Regal, schüttelt die Packung vor seinen Augen, linst durch das Fenster und prüft, ob die Penne auch alle schön genormt sind? Getreu DIN-A-Hartweizen oder was? Ist das der Grund für ein Plastikfenster?

Das habe ich natürlich netter verpackt, mit ein bisschen Moralapostel hier, ein bisschen ökologischer Verantwortung da. Und weil ich es nicht lassen konnte, endete meine Mail mit den Worten „a p(r)esto, bis bald“.

Am nächsten Morgen schon kam die Antwort, was mich überraschte. Ich ertappe mich viel zu oft dabei zu denken, die eigene, die Stimme des einzelnen, würde nichts ändern. Dabei ist David gegen Goliath, 1. Samuel – Kapitel 17, doch eigentlich gar keine so schlechte Geschichte. Barilla jedenfalls schrieb:

Sehr geehrter Herr Krombholz, 

ich danke für Ihre E-Mail und bedauere sehr, dass Sie mit unseren Pastaverpackungen unzufrieden sind.
Als weltweit größter Hersteller und Lieferant von Pasta fanden auch wir die Idee gut, ausschließlich Kartonverpackungen statt Plastik zu verwenden, nicht zuletzt, um unserem eigenen Anspruch an Umweltschutz und Nachhaltigkeit zu genügen. Daher bestanden die Verpackungen ja auch jahrelang eben nur aus Karton.
Genauso wichtig ist es aber auch, die Wünsche und Ansprüche unserer Kunden ernst zu nehmen und umzusetzen. Es verhält sich in der Tat leider so, dass wir in den letzten Jahren zunehmend dafür kritisiert wurden, dass die Kartonverpackungen keinen Blick auf das Produkt gewähren und es uns diesbezüglich an Transparenz mangele. Diese Stimmen und Rückmeldungen waren zahlenmäßig derart angewachsen, dass es uns nicht sinnvoll erschien, dieses Feedback und die damit verbundene Unzufriedenheit unserer Verbraucher zu ignorieren.
Wir haben uns somit für das Fenster als Kompromiss entschieden. Der Plastikanteil an der Verpackung liegt auch mit Fenster deutlich unter 5% und die Verpackung ist so konzipiert, dass sie (mit Fenster!) in das Altpapier gegeben werden darf, da sich bereits zu Anfang des Recycling Prozesses das Fenster ganz leicht von der übrigen Kartonverpackung trennt.
Glücklicherweise findet in der Bevölkerung aber momentan wieder ein Umdenken statt und das Bewusstsein wächst, dass Plastik eben nicht positiv ist und dass es vielfach einfach auch überflüssig ist. Insofern bin ich sicher, dass die Verpackungen mittelfristig wieder ohne das Fenster die Akzeptanz der Verbraucher finden werden.

Ich hoffe, ich konnte Ihnen hiermit einen Einblick in unsere Entscheidungsprozesse geben, und hoffe auf Ihr Verständnis.

Ihr Barilla Verbraucherservice

Weißt du, was ich nicht verstehe? Es gibt also tatsächlich Menschen, die Barilla mangelnde Transparenz vorwerfen, wenn sie Packungen aus Pappe machen. Und anscheinend gibt es davon viele. Sind diese Menschen auch der Grund, warum Klopapier transparent eingepackt ist?
Und: was für ein Recyclingprozess ist das, bei der verklebte Plastikfolie im inneren einer Papp-Packung getrennt wird? Der Verbrennungsofen?

Und trotzdem habe ich mich gefreut über die schnelle und ausführliche Antwort. Es war doch erstaunlich einfach, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen. Und klar denke ich mir auch „Wenn Barilla jetzt noch mehr Leute wegen dem Plastik schreiben, dann …“ ach du weißt schon: Dann retten wir die Welt.

Ich habe Lust, in Zukunft öfter den besorgten, verantwortungsvollen Bürger zu spielen. Nicht nur Firmen, sondern auch Politikern, Ökonomen und Organisationen zu schreiben. (Schade, dass dieses Europa so sperrig war und nicht wirklich auf uns eingegangen ist, du erinnerst dich.)
Ich will es trotzdem probieren. Es gibt so viele Fragen und ich kenne viel zu wenig Antworten.

Ich fange gleich mal an – und schreibe der Berliner Stadtreinigung, wie die Plastikfolie denn aus der Pappe kommt.

Ich freu mich sehr, dich bald zu sehen.
Schreiben fällt mir momentan schwer, reden leichter.
Yours,

L