Die eigentliche Frage


Paris, 24. Januar 2019
Seit Tagen schleiche ich um den Lappi, schreibverkrampft

sich zu präsentieren, sein Wissen preiszugeben, zu zitieren, über Arbeit und Kunst zu sprechen. Die Klamotten, der Urlaub, das Buch in der Jackentasche, alles ist Namedropping, sofern du abrutschst von dem schier unbegehbaren Pfad, den Dingen selbst nachzugehen.

Am spektakulärsten finde ich Situationen, wenn eine Gruppe beieinander sitzt und jeder redet, etwas beiträgt, reingrätscht, übernimmt, weiterführt, aber niemand stellt Fragen, alle wissen immer etwas obendrauf. Die Uneinigkeit besteht nicht in unterschiedlichen Ansichten, die diskutiert werden, sondern, dass einer mehr zu einem Thema weiß als der andere.

Vorsichtig ausgedrückt, so stelle ich mir die von dir beschriebenen Situationen vor, in denen du sie alle kennst, die Autoren, die es zu kennen gilt. Ich habe nur noch nicht verstanden, ob du die von dir genannten Schreiber nun tatsächlich gelesen hast oder ob deren Namen als Platzhalter dienen? Richard Ford hast du als Amerikanischen Autor mit „wen auch sonst“ vorgestellt. Seinen Namen hätte ich eher mit einer Automarke in Verbindung gebracht, selbst nach einem Blick auf seine Bücherliste immer noch eher Auto. 

Niemand lässt die Hosen runter und sagt, kenne ich nicht. Weiß ich nicht. Wer ist das? Erklär mir.
Das meintest du, oder?! Wir fragen definitiv zu wenig. Vielleicht weil Fragen ein Ausdruck von Schwäche sind und am liebsten geben wir uns gleich selbst die Antwort.

Ist dir mal aufgefallen, dass in wirren Gesprächsrunden, wo viel Uneinigkeit herrscht, sei es im Radio, Fernsehen oder sonst wo, immer wieder die sogenannte „eigentliche Frage“ herangezogen wird, um die richtige Antwort, also die eigene gleich anschieben zu können? 

Die eigentliche Frage ist doch, warum droppen wir Bücher wie Geldscheine? Wir wissen alle in der Literaturwelt steckt eine unerschöpfliche Dimension, zu der sich längst nicht jeder Zugang verschafft, obwohl es dafür nur einen Bibliotheksausweis bedarf. Jeder noch so superlative Mensch, ob Präsident oder Philosoph, muss dann und wann mit einem Buch herumsitzen um zu versuchen aus dem kleinen Blätterhaufen die Welt etwas besser zu verstehen. 

Vielleicht ist es Selbstmitleid, das aus uns spricht, dass unser Bücherregal noch und noch so klein ist, dass wir bei Interpretationen verzweifeln wie bei einem Blick auf ein Notenblatt. 

Es ist ja auch kompliziert. Ich habe das Gefühl, die meisten Bücher zum falschen Zeitpunkt gelesen, nicht verstanden und deshalb wieder vergessen zu haben und kann von Glück reden, wenn ich zweihundert Seiten gelesen und mich einen Monat später noch an zwei, drei Punkte erinnern kann. 

Trotzdem deprimiert es, weil in Büchern, Seite um Seite, die Welt aufgeschrieben, also festgehalten, ist. Niemand würde nach einer Weltreise zurückkommen und sagen, ich habe so viel verpasst, sondern von all den Abenteuern sprechen, die ihm widerfahren sind. Bücher machen uns demütig, klein und schwach. Vielleicht reagieren wir deshalb auf sie so aggressiv, als eine Art Selbstschutz vor seiner Superkraft. 

Dieses Namedropping ist Populistisch und sich stattdessen an all den demokratischen Details aufzuhängen, also eine Diskussion zu wagen, wahrlich nicht einfach. 

PS: Den Thomas Glavinic, von dem du berichtet hast, der klingt gut, den schau ich mir mal an. In etwa einem halben Jahr gebe ich dir dann mal Feedback.

J