Insomnia


Berlin, am Abend des 15. Januar 2018,
zwischen Sofakissen

Jacob,

ich möchte beichten.
Hin und wieder, genau genommen eigentlich ganz selten und wenn dann auch nur in meiner Kreativen-Bubble, kommt es vor, dass ich nur die halbe Wahrheit sage. (Was zwar wiederum eine ganze Lüge ist, aber egal.)

Ich reagiere allergisch auf das Abstecken gesellschaftlicher Claims. Das gegenseitige Abtasten mit wem man es zu tun hat. Intellektueller Pimmelvergleich. Das „kennst du Schriftsteller Max Mustermann“-Gefrage und das nachgeschobene „Und? Hast du schon den neuen John Doe gelesen?“. (Wusstest du Jacob, dass John Doe das britische Äquivalent zu unserem Mustermann ist?). Du kannst dir denken, worauf ich hinaus will. In manchen Situationen kenne ich sie alle. Habe alle gelesen, gehört, gesehen.

Interessant wird es, wenn dann allerdings die Frage kommt, was ich in letzter Zeit gelesen hätte. Eine Schachmatt-Frage ganz klar. Zu langes Zögern verrät einen sofort, „Harry Potter“ zählt nicht. Für diesen Fall habe ich immer eine Liste von drei bis vier Autoren und Büchern im Kopf, die ich irgendwann einmal gelesen habe. Was aus Deutschland (z.b. Wolfgang Herrndorf, den lieben alle), was amerikanisches (Richard Ford, wen auch sonst?), manchmal auch Philipp Roth (weil man das „r“ so schön rollen und das „th“ so wunderbar in die Länge ziehen kann). Und Mario Vargas Llosa, ganz einfach aus dem Grund, weil er mal den Literaturnobelpreis gewonnen hat. Nur Michel Houellebecq weigere ich mich zu lesen. Da muss ich nicht einmal anfangen zu flunkern.

Früher habe ich mehr gelesen, aber früher war auch mehr Lametta. Ich erinnere mich an endlose Sommer mit meinen Eltern auf Sardinien. In dem Haus in dem wir wohnten hatte ich ein Zimmer mit eigenem Balkon, auf dem ich nachts schlief, weil es mir im Bett selbst unter einem Laken zu heiß war. Ich erinnere mich daran, wie ich jeden Abend beim Schließen meiner Augen kurz Angst hatte – vor Vampiren glaube ich – aber diese Angst in Kauf nahm, weil der Anblick des Sternenhimmels gigantisch war und ich so klein … und ich es mochte, dass ich mir dieser Tatsache bewusst geworden war.

Und morgens, wenn die Sonne aufging, war meine Nasenspitze kalt und mein Herz warm.

In meinem Zimmer gab es eine Nische. Auf halber Höhe in die Wand eingelassen und gerade einmal so groß, dass ich mich mit ausgestreckten Kinderbeinen hineinsetzen konnte. Zwischen Kissen gebettet, verbrachte ich dort endlose Stunden. Ich und die Bücher. Und eine Packung Kekse. „Pan di Stelle“ meistens. Manchmal aber auch „Abbracci“. Die besten Kekse der Welt, glaub mir. Vor allem mit salzigen Meeres-Lippen.

In einem Sommer gingen mir die Bücher aus. Und so las ich einen Roman, den Gäste vor uns hinterlassen hatten. Komisch, ich erinnere mich heute an keines der zehn Bücher, die ich selbst mitgenommen hatte, aber ich erinnere mich, dass es „Die Arbeit der Nacht“ von Thomas Glavinic war, das ich aus dem Bücherregal zog. Was für ein Titel, oder?

Seitdem bin ich immer mal wieder über den österreichischen Schriftsteller gestolpert – was wahrscheinlich daran liegt, dass er in regelmäßigen Abständen hochgelobte Romane schreibt (zehn in den letzten 15 Jahren) was ihn ganz nebenbei zu einem perfekten Namedropping-Autoren in den oben genannten Situationen macht. Übrigens besonders praktisch: Sein Protagonist heißt eigentlich immer Jonas.

Gestern bin ich wieder über Thomas Glavinic gestolpert. Er hat einen Artikel für Die WELT geschrieben (leider hinter Paywall, sonst hätte ich verlinkt). In „Die Geschichte meines Bankrotts“, beschreibt der Autor erschreckend ehrlich genau das. „Ich verarme, ich schlafe nicht mehr, ich verliere die Kontrolle über mich.“

Glavinic beschreibt dermaßen in die Fresse rein sein Leid, dass es wehtut. So knochensplitter-knirschgeräusch-weh. „Es ist zum All­tag ge­wor­den: Ich gehe nicht zu Bett. Ich bleibe am Schreib­tisch sit­zen, ta­ge­lang, un­ter­bro­chen nur dann und wann durch eine Vier­tel­stunde Kör­perhy­giene oder Haus­ar­beit“, schreibt er und beschreibt einen Absatz später, wie er auf seinem Notebook ein Video findet, das ihn selbst zeigt, „zwei Stun­den lang über den laut heu­len­den Staub­sau­ger ge­beugt (…), schla­fend, zu­wei­len schwan­kend, zu­meist er­starrt in einer wun­der­sa­men Ver­ren­kung.“ Und ich frage mich, was er fühlt, während er einen Menschen sieht, der zwar aussieht wie er, den er aber nicht kennt. Der Dinge tut, an die er sich nicht erinnern kann.

Der Schlaf und ich, wir zwei sind auch nicht gerade die dicksten Freunde. Eher Zweckbeziehung würde ich sagen. Ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal morgens aufwachte, die Augen öffnete und dachte „hurra, hier bin ich.“ Meistens bin ich morgens müder als abends. Aber nicht schlafen, Jacob? Unmöglich.

Wie lange kann ein Mensch funktionieren? Kann Thomas Glavinic noch funktionieren? „Die ba­na­len täg­li­chen Stürze im Steh­schlaf zähle ich nicht mehr. Einen Cut habe ich mir am Kühl­schrank ge­holt, ein Ohr habe ich mir bei einem Ohn­machts­an­fall in der Du­sche auf­ge­schlitzt. Ich schlafe im Ste­hen oder sogar im Gehen ein, die Augen blei­ben of­fen. Mein Geist will nicht mehr, mein Kör­per bleibt eine Weile ver­las­sen zu­rück.“

Es sind einsame, kalte Sätze, die so gar nicht zu dem Thomas Glavinic meiner Erinnerung passen. Dem Autor, der mich 2006 durch den Sommer trug, als ich sein Buch in meiner Wandnische zwischen Kissen und Keksen aufschlug. Dort, wo es sechs Wochen nur Sonne gab.

Und auf einmal bekommt „Die Arbeit der Nacht“ eine andere Bedeutung.

Ich hoffe du schläfst gut Jacob. Ich lese jetzt „Eiscafé Europa“, das Buch von Enis Maci. Danke für dieses Geschenk lieber Jacob.

Dein Lukas