Rückenschmerzen


8. Januar 2018 2019

Lukas, sei gegrüßt,
Es ist mir immer ein Hochgenuss, wo du dich so rumtreibst. Frei nach dem alten Sprichwort, lieber reich und gesund, als arm und krank – oder so ähnlich. 

Nach einem erneuten Zahlendreher beginnt er also von Neuem. Der Alltag, den wir leben, vorne übergebeugt, über dem Schreibtisch, der Arbeit, beim Zähneputzen und Staubsaugen, vor dem Geschirrspüler und der Waschmaschine, über dem Kinderbett und so fort. 

An der Balkonbrüstung lehnend, betrachtete meine Silvestergesellschaft über mehrere Stadteile hinweg das Feuerwerk am Triumphbogen, dort, wo die Champs Elysees beginnt.
Zugegeben war der Blick über die Stadt grundsätzlich hervorragend, Eifelturmblick inklusive, der steht für Luxus und doch aus der Entfernung ähnelte das Farbenspiel einem mickrigen Tischfeuerwerk durch das Fenster eines Nachbarhauses und mir, so richtig nostalgisch aufgeladen, fehlte das Farbenknallfest aus Berlin. Privates Feuerwerk ist in Frankreich verboten.

Zu späterer Stunde tanzten wir in der amerikanischen Küche zwischen Sofa und Fernseher, ein kleines nettes Zusammensein. Das Buffet war vegetarisch und zum Rauchen ging es vor die Tür, vierzehn Etagen hinunter. 
Ja richtig kombiniert, trotz Balkon galt das Rauchverbot auch im Außenbereich. So etwas Radikales, da kannste nur noch abnicken.

Älterwerden ist und bleibt ein Rausch. Auch wenn es so vorhersehbar scheint, kommen immer die Momente, in denen man zurückschaut und sich denkt, ach du liebe Zeit. Die Pärchen ziehen zusammen und kaufen sich Betten, machen Urlaub, um auszuspannen und die ersten Familien im Freundeskreis brechen schon wieder auseinander. 
Ich hab mich immer nach Ruhe gesehnt, während ich es ständig krachen liess. Jetzt habe ich die Ruhe und, nun ja, jeder kennt das, nun bin sehnsüchtig nach dem, was, … usw.
Ach, übrigens, nach meinem letzten Beitrag bekomme ich folgende Nachricht, bitte weine nicht, aber das Bassy gibt es nicht mehr. (Den RocknRoll Schuppen, von dem ich zuletzt berichtet habe.) 

Immerhin schafft es ein einfaches Zahlenspiel, ganze Welten zusammenbrechen und sich wieder aufbauen zu lassen. Die Leute halten inne, resümieren, verweilen, kehren ein, zünden die Emotionsbombe und scheitern in das nächste Jahr hinein, mit Vorsätzen und ohne Alkohol, als wäre Übernacht alles wieder klarer und frischer, wie ein neuer Morgen, nur, dass dieser wirklich bedeutsamer ist, als sich an das korrekte Aufschreiben des neuen Jahres zu gewöhnen. 

Aber was erzähle ich da. Seit Tagen trage ich voller Demut eine Bemerkung durch das neue Jahr, die bei einem Telefonat mit der Familie fiel. Im Plauschrausch fiel der Satz, niemand sagt von sich, er verstünde die Welt nicht, aber letztlich verstehen wir sie alle nicht. 
Ich habe es so interpretiert, dass wir uns zurücklehnen sollten, wie ein Visionär, ein Träumer, ein Fantasierender, anstatt immer vorne über in die Rückenschmerzen hinein. 

In diesem Sinne,
Rücken gerade, weiter machen!
J