Dazwischen


Wörthsee, 31.12.2018
leichte Wellen auf dem See, die Sauna heizt vor

Mein Lieber Jacob,

ich sitze hier, in einem uralten Sessel der mich fast verschluckt. Die Füße auf einem kleinen Hocker abgelegt. Draußen, vor der riesigen Fensterfassade leichter Nieselregen und das allerschönste: Stille.

Ich bin über Neujahr mit Freunden am Wörthsee, der schönste aller Seen im Münchner Umland. Moritz‘ Großeltern haben hier ein fantastisches Haus, so groß und großzügig und verschwenderisch und mächtig, wie es nur Häuser aus den 60ern seien können. Oma und Opa-Häuser.

Du hast mir von deinem Weihnachtsabend erzählt, als du auf der Suche warst nach einem stillen Moment, einem Ankommen. Und wie du dabei gescheitert bist – jedenfalls wenn ich deine traurig-komischen Momente der Einsamkeit richtig interpretiert habe. „Zwischen den Jahren“, heißt die Woche zwischen Weihnachten und Silvester. Ich mag den Ausdruck, auch wenn es natürlich keinen Sinn macht, eigentlich. Zwischen Jahren hängen wir immer und nie.

Für mich schwingt aber auch immer eine gewisse Melancholie mit in diesem Ausdruck. Diese geile Loneliness, das nicht wissen, welcher Tag ist oder wie viel Uhr weil es ja auch egal ist zwischen den Jahren. Irgendwie. Sich lose mit alten Freunden verabreden und viel zu lange viel zu viel Trinken auf die geile Zeit von Früher und dann auf dem Weg nach Hause merken wie fremd man sich geworden ist.

Ich war auf einem Weihnachtsmarkt, letzte Woche, noch in Berlin. Ich habe skurriles gesehen, trauriges und lustiges. Immer aber waren es auch Momente der Einsamkeit. Und deswegen musste ich gerade daran denken. Hier sind ihre kleinen Geschichten:

„Wegzoll: 2 Silberstücke“, steht über dem holzvertäfelten Kassenhäuschen. Mehr nicht. In der Luft liegt der Geruch nach nassem Holz. Nicht schimmlig-modrig, sondern herb-duftend. Wo sonst von Schlaglöchern und Gleisen durchzogener Betonboden ist, liegt Rindenmulch. Auf ihrer Website sind die Betreiber des Berliner Weihnachtsmarktes „Historische Weihnacht auf dem RAW-Gelände“ weniger konsequent. „Silberstück = Euro“, erklären sie dort überkorrekt und pflichtschuldig. Ritter und Gaukler ja, aber bitte auch gesetzeskonform.

Die Familie steht vor der kleinen Bude. Sie ist nicht zu übersehen, steht zentral auf dem Platz, gleich hinter dem Eingangstor in Ritterburg-Optik. Ein Mann sitzt in dem Häuschen, stumm und regungslos. Er ist völlig in weiß gekleidet, selbst Gesicht und Bart sind weiß gefärbt. In seinen Händen eine Feder und ein Buch. „Büro: Briefe an den heiligen Nikolaus – Der heilige Nikolaus erfüllt alle deine Wünsche“, wirbt die bunte Tafel über ihm.

Ein etwa sechsjähriges Mädchen steht mit ein wenig Sicherheitsabstand schüchtern vor ihm. Er schweigt und blickt sie durchdringend an. Dunkle Augen aus einem weißen Gesicht. Einen Taler soll die postalische Wunschübermittlung kosten. Der Vater des Mädchens raucht. Die Mutter drückt ihrer Tochter der verlangten einen Euro in die Hand. „Mama, wohin?“, fragt die Kleine. Stille. An der Vorderseite der Bude ist ein kleiner Plastikkorb angebracht. Die Kasse? Das Mädchen pfeffert die Münze hinein, die Mutter stürzt nach vorne, aber zu spät. Der Mann hat es klimpern gehört, er setzt die Feder an und beginnt zu schreiben. Keine Zehn Sekunden dauert die Darbietung, dann zieht die Familie weiter. „99% Garantie“ steht klein in der rechten unteren Ecke der Tafel. In seinem Plastikkorb liegt nicht viel, vor allem aber kaum Ein-Euro-Stücke.

Gleich nebenan ist der Schießstand. Bogenschießen, aus wenigen Metern Entfernung auf eine Zielscheibe aus Stroh. Eingerahmt werden sie, der Gummi-Fasan und Eber von noch mehr Stroh. Bogenschießen „mit 10 Pfeilen“ kostet sieben Taler. Bogenschießen „mit 10 Pfeilen bitte“ nur Fünf. Gute Erziehung lohnt sich. Unter „Zuschläge“ findet sich „nichtssagender Blick“, kostenlos. Ein Mädchen, um die zehn Jahre alt, ist gerade fertig geworden. Vieler ihrer Pfeile haben den Weg ins Ziel verfehlt. „Bei Frauen ist das räumliche Sehen immer etwas anders“, sagt der Schausteller trocken. Unangenehme Stille macht sich breit. Sie geht weg, er die Pfeile einsammeln. Die Lücke, die er hinterlässt, gibt den Blick auf ein Schild frei. Dort steht: „Den Leibeigenen der Bahn verletzen: Verboten“. Schade eigentlich.

Als es anfängt zu schneien, wuchtet der riesige Mann am Mini-Riesenrad Sandsäcke auf einen der Sitze. Das hölzerne Fahrgeschäft wird von Hand gedreht und erinnert an ein überdimensioniertes Schiffs-Steuerrad. Der Kapitän ist auf der Suche nach dem Gleichgewicht. Nach drei Sandsäcken scheint er zufrieden.

Anders als das Kind, sein einziger Fahrgast. Es ist größer als die meisten Kinder, die um das Fahrgeschäft herum stehen. Vor allem aber ist es schwerer. Der Junge ist dick. Als sich das Riesenrad Dank Gegengewichten und der Armkraft des Mannes gleichmäßig zu drehen beginnt, wirkt es so, als verstünde es erstmals auch wie dick. Das eigene Gegengewicht in Sandsäcken: mittelalterliches Bodyshaming.

Es ist kurz vor 16.00 Uhr und unter den erwachsenen Besuchern fällt immer häufiger das Wort „Alkohol“. Jetzt, im Schutz der hereinbrechenden Dunkelheit dürfen sich auch endlich die Eltern amüsieren. Der Glühweinstand als Abenteuerspielplatz der Erwachsenen. Dampfende Tassen an den Stehtischen vor dem Stand „Saufhimmel“. „Was macht einen Glühwein zu einem richtig guten Glühwein?“, fragt ein Gast. „Immer der, der ihn trinkt“, antwortet der Verkäufer. Leise rieselt der Schnee, aus den Lautsprechern tönt „Jingle Bells“ in einer Jazz-Version.

Und du flitzt tellerbeladen hin und her, in einem Pariser Restaurant, unter wolkenlosem Michelin-Sternenhimmel.

Lieber Jacob, auf das neue Jahr, auf das Leben und die Liebe.

Bisous,
Lukas