Der Leere-Seiten-Moment


26. Dezember 2018
Heilig Abend war Vorgestern

Ich bin ja mittlerweile Fan von deiner Schreibblockade. Du gehst immer so schön vorbereitet an den Lappi, sei es mit Erdnüssen, Ingwertee, Cini Minis, oder im Café bei Bier und Kippen, um daran zu verzweifeln.

Ein Hoch auf die Weiße-Seiten-Panik. Wir haben sie alle, diese Leere, die uns verfolgt, die unsere Weisheit überschattet, die sich stets zu verstecken weiß, die aus uns herausgesprudelt kommt, dass wir mit dem Schreiben nicht hinterherkämen – die vollkommen überschätzt ist.
Ich bin ein Freund der Kreativität, die aus Langweile entsteht, so richtig bahnbrechender Langweile. Ich habe schon ernsthaft überlegt, meinen Laptop aufzugeben, genauso wie wir den Fernseher aufgegeben haben, im Glauben, am Laptop würden wir nur noch sinnvolles tun und nur noch schöne und spannende Dinge anschauen.
Stattdessen ist der Laptop zum viel größeren Übel mutiert und ich wünsche ich mir nun den Fernseher zurück, der im Wohnzimmer steht, weit weg von meinem Bett. Ich wünsche mir mein Wohnzimmer zurück, dass ich mir in Paris nicht mehr leisten kann.

Was kann ich mir schon noch leisten? Obwohl die ganze Familie, die Freundin und Freunde auf mich warten, folge ich den Anweisungen meines Chefs und arbeite an Weihnachten im Restaurant. Nachdem ich mich damit abgefunden habe, fing ich an darüber zu philosophieren, wer zum Fest in ein Restaurant geht, habe mir Kunden vorgestellt, die allein am Tisch die Auster schlürfen.

Doch die Antwort war denkbar einfach: Touristen, U.S. Amerikaner, Japaner, Holländer, Familien, die sonst verstreut und der Welt auf ein paar Feiertage in Paris zusammenkommen, in einem feinen Laden unter einem Michelin Stern.
Ich durcharbeite eine angenehme Schicht. Die Gäste sind freundlich und das Team hält heute zusammen. Nur, wenn ich an der zum Gastraum hin offenen Küche stehe und dem Chef beim vollenden der Kunstwerke zuschaue und für einen kurzen Moment in meine Müdigkeit hineinhorche, da endet die Eleganz. Hinter dem Koch eilen die Küchenhilfen, Lehrlinge und Assisten. Wer auf ihre Finger schaut, der sieht den Stress, der uns alle durch den Tag trägt. Die Nägel abgekaut, übersät von Verbrennungen und Schnittwunden, die in den Konzentrationslücken entstehen, wenn Mensch täglich fünfzehn Stunden arbeitet.
Der Abend vergeht ohne weitere Höhepunkte. Wir schließen den Laden, ohne auf das Fest anzustoßen. Ich bin dauerhaft müde von der Arbeit, die mich stets verstummen lässt, mich abhält Geschichten aufzuschreiben. Stattdessen geprägt von Konflikten, Streitereien und Ungereimtheiten, die im Team brodeln und durch meinen Kopf schwirren, an Heiligabend um Mitternacht.

Ich spaziere durch ein leergefegtes Paris, im gelben Licht auf dem hellen Steinen. Nur einzelne Grüppchen mit Geschenktüten in der Hand, sind auf dem Heimweg. Ich hoffe auf die Mitternachtsmette in der nahegelegenen Saint Eustache, eine von ihrer Größe her, durchaus beindruckende Kirche.
Als ich vor dem verschlossenem Gotteshaus stehe, will ich mich nicht weiter enttäuschen lassen und stelle mirals Alternative einen guten Drink vor.

Wo sonst Boutiquen ihre Türen öffnen und sich Passanten an den Schaufenstern vorbei drängeln, höre ich in dieser Nacht nur meinen Schuhabsatz auf dem Asphalt klacken. Die Straßen sind still.
Ich komme an einem Hotel an. An der Bar saß ich manchmal mit meiner Freundin. Ich habe sie überredet, über die Feiertage zu ihrer Familie zu fahren, da ich ja selbst nicht zu Hause bin.
Ich bilde mir ein, es gäbe keine bessere Einsamkeit, als an Heiligabend allein an einer Hotelbar zu sitzen und Old Fashioned zu trinken.
Die Hotelbar ist jedoch geschlossen.

Ich drehe noch eine Runde, an Bars vorbei, die in Frage kämen könnten, doch an diesem Abend haben wirklich alle Läden in meiner Nachbarschaft geschlossen. Ich hätte gerne gewusst, ob das in der ganzen Stadt so aussieht und denke an Berlin, wo nach der Familienzeremonie die Feierlichkeiten in Bars und Clubs richtig anlaufen. Am Jesusabend stand ich das erste mal in einem Club, dem Drum and Bass ergeben, zappelte mein fünfzehnjähriger Körper herum. Irgendwann war es Tradition ins Bassy zu gehen, wo ich meine ganze Prenzlauer Berg Generation antraf und zu Rockn Roll abschwofte.
Von all dem ist nichts übrig. Ich laufe. Immer, wenn ich einen Obdachlosen auf der Straßen, eingekauert in seinen Schlafsack liegen sehe, weiß ich nicht, ob es mir bei dem Anblick besser oder schlechter gehen soll.

Die Nacht endet in der ersten und einzig geöffneten Bar, die ich passiere. Um den Tresen herum stehen Türken mit vollen Whiskygläsern und lassen sich von einer Araberin abfüllen, so erklärt es mir Apo, der Kurde wistar und nicht rausrückte, woher er denn kommt. Er erklärt mir lieber, dass seine Kinder jetzt Franzosen seien und fragt, ob ich nicht seine Brüder kenne aus dem Restaurant gegenüber. Ich solle grüßen.
Es war ein verlorenes Gespräch mit Betrunkenen. Ich gönnte mir zwei Bier. Es ist das erste Mal, dass ich in einer Pariser Bar rauche. Ansonsten fällt das Spektakel aus. Nur als ich gehen will, da lässt mich Apo nicht zahlen. Er würde das übernehmen. Küsse links und rechts, Verabschiedung. Abgang.

Ich beeile mich ins Bett zu kommen, auch wenn ich aus Trotz noch lange wach bleibe, trotz Wecker, trotz Arbeit. Trotz allem bleibe ich stur wie ein leeres Blatt Papier.

Tschau!