Kommunikationsproblem II / Bericht aus dem Inneren


Berlin, 12. Dezember
Neonlicht, der letzte im Büro

Jacob,

im Nachhinein betrachtet weiß ich nicht mehr, warum ich es mir interessant, ja sogar spannend vorgestellt habe, bei einer Behörde anzurufen.

Als ich die Nummer der Hotline wählte, melde sich eine Frau. Die Leitung knisterte, ich fragte kichernd – zuvor hatte ich mir fünf Minuten imposante klassische Musik in der Warteschleife anhören dürfen: „Guten Tag, spreche ich mit Europa?“

Stille. Auf persönliche Fragen dürfe sie nicht antworten, meinte sie, ich müsse eine offizielle Presseanfrage stellen. Und ja, irgendwie hast du das schon ganz gut getroffen Jacob, als du deinen eigenen Anruf beschriebst. Diese EU-Hotline ist tatsächlich so cool, „wie der elterliche Mix aus Liebe und Verantwortungsgefühl für den zu Erziehenden.“ – Pubertierenden Erziehenden möchte ich hinzufügen.

Ich schrieb also eine Mail, eine „offizielle Presseanfrage“ und verlor da schon den Mut, die Euphorie, die Lust.  Lange bevor ich Anfang der Woche eine Antwort bekam.  Absender: EDCC, Betreff: Europe Direct – 101000393805

Sehr geehrter Herr Krombholz,

Vielen Dank für Ihre Anfrage an das Europa Direkt Kontaktzentrum.

Ihre Anfrage wurde an den zuständigen Dienst der Europäischen Kommission weitergeleitet. Wir danken Ihnen für Ihre Geduld und geben Ihnen hiermit die Antwort der GD COMM:

„Für sachliche Hintergrundinformationen über die Arbeit des Europa Direkt Kontaktzentrums können Sie sich gerne an den zuständigen Dienst in der Generaldirektion Kommunikation der Europäischen Kommission in Brüssel wenden.

Mehr über die Aktivitäten des Kontaktzentrums erfahren Sie in diesem Jahresbericht: https://ec.europa.eu/info/publications/annual-activity-report-2017-europe-direct_de„.

Wir hoffen, dass Ihnen diese Informationen weiterhelfen. Bitte kontaktieren Sie uns erneut, wenn Sie weitere Fragen zur Europäischen Union, ihren Aktivitäten oder Institutionen haben.

An diesem Punkt bin ich ausgestiegen. Das hatte nichts mehr zu tun mit meiner spontanen Idee von einem netten Pläuschchen mit Tante Europa.
Ich meine check out the Jahresbericht. Aber Statistiken und Säulendiagramme am Arsch. Ich nehme nur Tortendiagramme. Und zwar ausschließlich die „Torten der Wahrheit“ aus der ZEIT.
Europa Kontaktzentrum? R.I.B. – Rest in Bürokratie.

Jacob, ich saß gestern Abend auf dem Sofa. Kanne Tee, Bademantel, Laptop auf dem Schoß. Eigentlich meine kleine Schreibwerkstatt. Aber irgendwie kam nix. Mal wieder. Immer noch schon wieder mal wieder nicht. Text längst überfällig, dich seit einer Woche nicht zurückgerufen. Da ist sie wieder, diese verfluchte Weiße-Seiten-Panik.  Irgendwann habe ich kapituliert. Endstation Youtube, Sackgasse, kein Weg zurück.

Und ich weiß nicht warum, aber ich habe angefangen Dankesreden anzuschauen. Vom deutschen Fernsehpreis, von den Oscars natürlich. Einfach quer durch. Musik und Film, Theater und Hochzeiten. Ein Hoch auf dich, du abnormal teuflische Youtube-Vorschlags-Seitenleiste.

Vor allem aber haben mich die Reden von Edin Hasanovic (Goldene Kamera 2016 als „Bester Nachwuchsschauspieler“) und Markéta Irglová (Oscar für den Song „Falling Slowly“ in der Kategorie „Best Original Song“) berührt. Da war so viel Energie. So so viel davon! Wie ehrlich die Beiden in ihren Dankesreden sind. Wie viel in ihren Worten steckt, weil sie – glaube ich – in diesem Moment wirklich sie selbst sind. Diese Videos haben mir mehr gegen meinen Herbst-Blues (und Schreibblockade) geholfen als diese bescheuerten Vitamin-D-Kapseln aus dem Drogeriemarkt. Ja sogar mehr, als Rotwein und Musik.

Stichwort Musik: Auf meine Frage, welch wunderbare Sinfonie eben in der Europa-Warteschleife lief, meinte die Frau am Telefon: „Tut mir leid, das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe selber noch nie bei uns angerufen.“