„Hallo, bin ich verbunden mit Europa?“


Berlin, am Abend des 06. November 2018,
links Erdnüsse, rechts Ingwertee. Laptop dazwischen.

Jacomo,

die Schale mit den Erdnussschalen ist schon halb gefüllt, ehe ich die ersten Zeichen in die Tastatur kloppe. Es gibt eine Bar, nicht weit vom Kiez in Hamburg, da stellen sie einem immer eine Schale Erdnüsse auf den Tisch – auch um vier Uhr morgens. Und alle, wirklich alle schmeißen die Schalen samt den goldbraunen hauchdünnen Häuten (die, die immer am Gaumen kleben), den zerplatzten Erdnuss-Krümeln, ja einfach alles auf den Boden. Und je länger der Abend dauert, desto schöner knirscht es unter den Schuhen. Und nach Hause sollte man eigentlich erst, wenn man den schlichten Estrich nicht mehr sieht und die Stuhlbeine der Barhocker wie große stählerne Bohrinseln aus den Nuss-Wogen ragen. (Was einem dann natürlich noch viel mehr das Gefühl vermittelt, jetzt erst recht nicht gehen zu wollen. Nein, zu können!)

War der Australier den du verabschiedet hast der Freund, mit dem du dich immer auf einen Kaffee getroffen hast, um dann irgendwann, vertieft ins Gespräch, unbewusst auf Bier umzusteigen? Das würde mir noch mehr leidtun, als es das eh schon tut. Das klang einfach so verdammt gut. So unkompliziert und ehrlich. Und ich hatte das Gefühl, es bedeutet dir viel.

Schon komisch, Abschiede. Ich bin da glaube ich ziemlich schlecht drin. Selten gemacht. Ach du verfluchtes Berlin: Alle kommen, keiner geht. Ich glaube, als ich nach Berlin zog, 2014, da habe ich nicht einmal eine Abschiedsparty für meine Freunde gemacht. Oder doch? Wenn ja, bestimmt organisiert von meiner damaligen Freundin. Abschied, Schluss machen. Konnte ich auch nie. Ich wurde immer Schluss gemacht. Und als mein Opa starb, war ich nicht in München, nicht einmal in Deutschland …

Moment: Haben wir zwei uns eigentlich verabschiedet, als du nach Paris auszogst?

Ich habe eine Aufgabe für uns und hoffe sie gefällt dir:
Vergangenes Wochenende in Turin, Alissia und ich waren mit Freunden Abends unterwegs. Einer hatte einen Europa-Pulli an. Sehr hippes Ding. Strahlendes EU-Blau, vorne die Sterne auf der Brust. Aber einer fehlt. Klar: Great Fucking Brexit. Der britische Stern ist auf dem Rücken. Und über dem verwaisten, einsamen Stern steht gelb auf blau

call EU hotline
+800 678 910 11
free of charge!

Die Nummer gibt es, sie steht auch auf europa.eu (Schade, dass die Domain schon vergeben war, oder?).
Aber das schönste: „in any official EU language“. In 24 Sprachen, mein lieber Scholli.

Lass uns da anrufen Jacob. Lass uns versuchen, jemanden ans Telefon zu bekommen, der vielleicht Lust hat auf ein bisschen Austausch. Uns von den Leuten erzählt, die da anrufen. Von sich. Was sind das für Leute, die bei der EU anrufen?

Du und ich?
Yours,
L*

PS: weekdays 09:00 – 18:00 CET only