Abschied der Beständigkeit


16. Oktober, zu Hause im Stillen,
nachdenklich

Sei gegrüßt Mr Luk,

heute habe ich einen Freund verabschiedet – also es gibt genau noch einen zweiten Einen hier in Paris. Dieser hat heute Geburtstag und Morgen ist er weg, zurück nach Australien.
Ich hatte das Gefühl, ich müsste adieu sagen. Die Welt kam mir heute sehr groß vor. Also noch eher ich mir so klein. Unser Europa schrumpfte vor mir auf die Größe eines Unterhaltungsparks, wo ich für fünfzig Euro Flugtickets Pizza essen in Neapel, Shoppen in Mailand oder endlich mal Brügge sehen kann.

Ich frage mich, was verstehen wir eigentlich unter Europa? Kürzlich reiste ich quer durch Albanien und wie ich da so im Abseits herumhing mit Sonnenbrille, Hemd, Fotokamera und Touristenblick, hinein in die Häuser, in die Gesichter, in irgendwelchen Dörfern im Osten des Landes, wo wir herumwanderten, wo mehr Maultiere als Autos arbeiteten. Die Kleider, die Zähne, die Körperhaltungen der Bewohner sahen wirklich abgearbeitet aus, von Jahrzehnten, von Wintern und Handarbeit. Englisch war hier nicht mehr angesagt. Die Lebenswirklichkeiten, die dabei aufeinander trafen, die waren bald zu krass. Das war kaum mehr auszubalancieren, zu rechtfertigen. Das war kein Ort für Touristen, auch wenn es Herbergen gab, für ebendiese. Das schien mir nicht mehr die sorglose Einfachheit, die ich in den Albanischen Alpen beim Wandern kennenlernte, wo dieser schwarze Fleck von Unwissenheit und die klischeehafte Vorbelastung des Landes dahinschmolz.

Beim Ausblick auf den Prespasee, an dem Albanien mit Mazedonien und Griechenland grenzt, da kam ich mir schon sehr weit weg vor, wenn auch noch nicht ganz Australien und doch stehst du da und denkst, hey, das ist ja auch Europa hier. Wie bekomme ich denn Albanien in meinen Europabegriff eingebaut?
Wir reiten sonst immer auf den fetten Schiffen mit lauten Motoren: France, Deutschland, Great Fucking Brexit. Wer denkt da schon an Albanien? An welche Länder denkst du denn so bei Europa? Eigentlich ein schönes Stichwort für Vielfältigkeit, da jeder Bürger seine eigenen Verbindungen hat, durch Länderbeziehungen, Persönliche und Reisen.

Der Europäer unter uns, der die Überwindung von Nationen und die Einführung nachnationaler Demokratieprozesse, die Gestaltung eines Kontinents der Regionen als den einzigen vielversprechend langfristigen Weg für eine progressive Zukunft der Europäischen Union hält, so wie ich das von Robert Menasse in Der Europäische Landbote gelernt habe. Wer von sich behauptet, Europäer zu sein, wie du und ich, die Europa ihre Heimat nennen, die die Deutungshoheit des Kampfbegriffs Heimat nicht an andere abgegeben haben, an menschenfeindlich rechts. Wir, die in dem Wirrwarr zwischen Demokratie und Kapitalismusversagen unterscheiden können. Wir, die den Begriff Systemfrage verabscheuen, weil dieser ein Angriff auf unser Grundgesetz, auf Parlamentarismus ist. Wir, die Heimat als einen Ort, ein Gefühl verstehen, um das es sich zu kümmern gilt und kümmern als Behandlung verstehen, Entwicklung, Weiterführung, denn, wie wir aus vielen schlauen Büchern gelernt haben: alles Gute und Liebenswürdige ist unbeständig.

Die Freundschaft zu meinem Australischen Freund ist unbeständig, all meine Beziehungen, die ich in Berlin zurückgelassen habe, die zunehmend in Erinnerung abdriften. Mein Lebensentwurf zwingt mich zur Unbeständigkeit, mein Heimatverständnis, mein Europaverständnis, zu Zeiten von Flüchtlingsherausforderungen, wenn Grenzen geschlossen werden, mein Deutscher Pass, mit dem ich diese überwinden und als reicher Herkömmling zu den Ärmsten des Kontinents fliegen, sie beobachten und reiselustige Fotos schießen kann.

Das alles knallt auf meinen Horizont und ich begreife einmal mehr, was ich alles nicht verstehe und wie viele Fragen sich anhäufen. Es ist so leidig, wer alles zu wissen glaubt, anstatt zu unterscheiden versucht.
Doch wie verkauft man Unbeständigkeit als Versprechen, wenn alle Sicherheit wollen? Wir sind es doch, die Unbeständigkeit in Person.

Blumen für die Liebe,
Jacob