Klartraum


Berlin, am späten Abend des 10. Oktober 2018
mit einer Schale Cini Minis vor dem Laptop,
obwohl eigentlich schon zu spät

Mein Freund,

ich schnaufe durch gerade. Und entspanne mich. Einatmen, ausatmen.
In deinem letzten Brief hast du gefragt, ob Berlin nicht die perfekte Geschwindigkeit hat. Momentan habe ich das Gefühl, alles rast – nur ich nicht.
Wobei mein Kopf schon. Und auch mein Herz, manchmal.

Ich habe die letzte Woche selten einen Gedanken zu fassen bekommen. Und ja, solche Tage gibt es, manchmal auch Wochen, aber es ist anstrengend und ich bin müde Jacob, so unendlich müde …

 

Lieber Jacob,

diese Zeilen habe ich am 21. September geschrieben. Ich saß im Zug nach München und versuchte dir zu schreiben. Offensichtlich erfolglos – bis heute Abend, als ich sie in den Notizen meines iPhones fand. Und mit ein wenig (dem nötigen) Abstand über mich lachen konnte. Über Lukas, den Träumer, den Tiefgründigkeit-Tiefseetaucher.

Lass mich einen zweiten Anlauf nehmen: Wie schnell ist Berlin unterwegs? Dein Wowitown, dein Spree-Athen. Was für schlimme Spitznamen Berlin hat oder? Dickes B. Ernsthaft?
An dieser Stelle un gros bisou in die „Stadt der Liebe“.

So, jetzt aber wirklich: Ich glaube Berlin macht, was es am besten kann. Sich nicht festlegen wollen. Mal rasen, dann schnarchen. Speed und Ketamin. Du hast dir die Antwort mit deinem Kaffee-Bier-Kumpel – eure wöchentlichen Runden klingen großartig – bereits gegeben. Wenn auch unbewusst. Ob lebendig sein nun Klarheit oder Rausch heißt, darauf konntet ihr euch nicht einigen. Aber ist das nicht die perfekte Beschreibung Berlins? Klar im Rausch, vernebelt in ihrer Klarheit. Und manchmal auch andersherum. Rauschen, was für ein geiles Wort.


Berlin, am frühen Morgen des 11. Oktober 2018
mit einer Schale Cini Minis vor dem Laptop,
05:30 – die Uhrzeit der Champions

Du hast mir gestern Abend geschrieben, es war kurz nach Mitternacht und ich saß mit Tee am Schreibtisch: „Ich sage dir, morning routine ist das geilste: Klarheit, lebendig sein. Wie Olli Schulz sagte: 5:30 Uhr ist die Uhrzeit der Champions! Wenn alle noch schlafen und du schon dasitzt und Kunst machst, Texte schreibst, lebst.“

Guten Morgen Jacob! Wobei, die Klarheit kommt erst langsam, der Motor läuft noch nicht ganz rund – die Zylinder noch kalt. Ich bin ein wenig überrascht von mir selbst. Überrascht, dass ich es durchgezogen habe, aufgestanden bin, kein Snoozen. Kein Aufwachen auf Zeit, das sich anfühlt wie Sterben auf Zeit. Mein Haus schläft. Ich habe den Kopf aus dem Fenster in die noch schwarze Nacht gestreckt. Kein Licht brennt, die Kaffeemaschinen schweigen noch. Nur die Flugzeuge aus Tegel rauschen (!) schon über mich hinweg.

Als ich gestern Abend meine Handy-Notizen durchblätterte, stolperte ich auch über einen Namen: Lior Michel Virot. Nur diesen Namen, mehr nicht. Und dann kam die Erinnerung zurück.

ICE. München – Berlin, Sonntagabend. Die Rückfahrt nach der Hinfahrt, die ich zu Beginn erwähnte. Das Herz leicht, oder zumindest leichter. Mir gegenüber saß er, saß Lior (oder Lior Michel?) und las eine Partitur. No shit! Ich erinnere mich nur verschwommen, wie er aussah (groß, dunkelhaarig, Typ Bär) dafür aber ganz genau an seine Stimme, kräftig und warm. Und eine Nuance zu laut.

Wir kamen ins Gespräch, als der Zug mehr als eine halbe Stunde Verspätung hatte und er mich bat, ihm die Durchsage des Schaffners zu übersetzen. Lior verpasste an diesem Abend seinen Anschlusszug nach Leipzig, was ihn ziemlich ankotzte, mehr noch als alle anderen Reisenden wahrscheinlich, weil er am nächsten Morgen ein Vorspielen beim Leipziger Gewandhausorchester hatte.

Lior ist ein junger Oboist, in Israel und der französischen Schweiz aufgewachsen. Er reist momentan durch Europa. Kreuz und quer von Orchester zu Orchester und hofft auf ein Engagement.

Ich habe ihm gestern Abend eine Nachricht geschrieben. No big deal: Instagram geöffnet, Namen gesucht, gefunden, geschrieben.
Ich fragte ihn, ob er es noch nach Leipzig geschafft habe, wie sein Auftritt war, ob er das Engagement bekommen habe. Ich wünschte mir es für ihn, sehr sogar. Ich hatte im Zug gespürt, wie wichtig ihm dieses eine Vorspielen war.  Und ein bisschen hoffte ich es auch für mich, als Happy-End dieser Geschichte.

Nach nicht einmal zehn Minuten, ich war gerade dabei die Wäsche abzuhängen und akkurat zu falten (was man halt so macht, wenn man zwar Schreiben will, aber noch nicht genau weiß was und wie), kam seine Antwort:

„Hello man, it was ok. But we were 30 people and no one passed the first round. So next time I guess. But its ok. Its part of the experience.“

Der anbrechende Tag lässt sich nicht weiter aufhalten, hat die Dunkelheit längst verdrängt und stülpt sich nass und grau über die Stadt.
Es war wunderbar, so früh am Schreibtisch zu sitzen, zu denken. Mit dem neuen Tag (und dir) zu erwachen. Klar sein, Leben!

Danke für diese Erfahrung,

Luk