Heimathorizont


Paris, 10. September 
Im morgendlichen Halbdunkel gedanklich am Stadtrand,
Bäume im Blickfeld und etwas Wasser.

Liebes Tagebuch,
Lieber Lukas,

Beobachtungsbatterien, Hardrock-Schweineigel-Assiabschaum-Hartzhöllenhausen, Strahlend weiße Trainingsanzüge, beinhart, geduckt, unglaubbar, hinterrücks, Pilslokal, Moritz von Uslar-Vokabular, Dichtersprache des 21. Jahrhunderts, Provinzgruselfrieren, Heimatgefühle. Nicht, weil ich etwa aus Zehdenick komme, aber das Umland stürzt ja immer auch über die Stadt und umgekehrt. Ich habe mir nach deinem Artikel den Film gegeben, mein Deutschboden-Buch steht noch in Berlin.

Unser aller Heimat ist doch irgendwie Oberhavel. Wer ist schon auf einer Midnight Session der Mercedes Benz Gallery geboren, groß geworden? (Das klingt so hart. Das ist schon wieder Kuhstall.)
Wir haben sie gemacht, die Stadtrundfahrt, wie die Oberhavler und wenn sie nur die Straße hinunter war, zu Fuß oder mit dem Fahrrad durch das Kiez, lokalpatriotisch, Kiezlegenden treffend, auf den Straßen auf und ab Geher.
Wir, das pure Mittelmaß, das wir verehren, das Namenlose, Zeitlose. Gut sollte es sein, ja Qualität, der Kontostand, die Hausmannskost, das Handwerk. Bier sollte es sein, das wir bestellen, keine Marken, Klamotten wollen wir, die übergeworfen wirken. Sauber sollte es sein, ohne zu glänzen und hip natürlich, aber bitte kein Koppenhagener Instagram-Familienkatalog.

Kleinstadtgedanken halt, aus der wir alle kommen. (Wer anderes behauptet, ist Großstädter und so beliebt wie Pariser im restlichen Frankreich*). Wir wollen ja eh alle das gleiche, nur mit nem bisschen anderer Fassade. Bei mir hat es ungefähr zwölf, dreizehn Jahre gedauert, bis ich das erste Mal aus eigenem Antrieb die Grenzen des Prenzlauer Bergs übertreten habe. Neukölln, das war ein Nachbarort irgendwo südlich, wo ein Überlandbus vom Hauptbahnhof Alexanderplatz hinfuhr – den ich nie genommen habe – und all die Häuser und Straßen, die dazwischen lagen, auf dem Weg, waren nichts weiter als Wald und Wiesen. Für mich als Kind der Stadt nicht weiter interessant.

Später dann, als ich hinuntergekommen war von meinem mysteriösem Berg und die Felder durchstreifte, da kamen zwar nicht mehr alle von entlang der Danziger Straße, aber jenes universelle Provinzdrama lebten sie nun aus, Abend für Abend in ihrer Lieblingskommune a.k.a. Dorfgemeinschaft. Können wir der Heimat entfliehen? Wir können Weltreisen, ja, aber Heimat ist Familie, nicht bloß ein Freund, mehr als ein Zuhause.

Manchmal können wir unseren Ursprung sicherlich ganz gut vergessen, uns wegrauschen, versuchen zu leben, lebendig zu sein. Was das bedeutet, habe ich vergangenen Freitag mit einem Pariser Freund diskutiert, also mit dem einen. Wir treffen uns seit einiger Zeit einmal die Woche und trinken Kaffee bis wir dann zu Bier wechseln. Doch, ob lebendig sein nun Klarheit oder Rausch heißt, darauf konnten wir uns nicht einigen. Auf dem Land wird so einiges klarer, soviel steht fest, wo die Dinge noch nebeneinander liegen, wo man vielmehr das ganze was nicht ist sortieren muss. In der Stadt hingegen wird so vieles unklarer und das ganze was ist, muss irgendwie durch die Nervenstränge geschossen werden.

Berlin wird ja immer vorgeworfen, keine Metropole zu sein. Vielleicht hat Wowitown (oder ist das Feeling schon Müllertown – von dem habe ich ja nie was gehört). Vielleicht hat Wowitown einfach nur das Idealtempo? Was denkst du: Wie schnell ist Berlin unterwegs? 

Um deine Frage zu beantworten: Also, wenn ein Ort Oberhavel heißt. Da wäre ich schon sehr gern: Im Abenteuerreise-Märchenland. Schön durchromantisiert die ganze Umwelt, ohne gleich rosarot sehen zu müssen. Grau auch mal bestaunen, gut finden, bejahen, als Teil der Wettergesellschaft im Regen stehen können. Das Handy vergessen – nicht zu Hause. Beobachter sein, ohne in Bewertung zu verfallen… und das ganze dann am Meer, in so einer kleinen Stadt, nur ein bisschen vergessenen, nicht zu viel Strand. Ja, wenn du mich so fragst, dort könnte ich die Tür schonmal für eine Zeit hinter mir zuschmeißen.

Alles Paletti** hier,
Grüße, Jacob

*Umgekehrt wollen Kleinstädter immer wissen, woher einer kommt. Das ist Großstädtern eher egal, gerade deshalb.

** Duden: Herkunft ungeklärt