Wochenendstille II


3. September 2018
Berlin, Bill Callahan auf den Ohren

Bon soir Jacob,

ich hab mir das noch einmal überlegt, mit der Fortsetzung meines Ost-Abenteuers. Es wird keine Fortsetzung geben, keine Auflösung meines Textes „Wochenendstille“. Kein brennendes Feuerwerk, kein Schwefelduft, der über den Altfriedländer Klostersee zieht.

Ich habe im Urlaub endlich „Deutschboden“ gelesen. Die so wunderbare Beobachtung des Lebens in einer brandenburgischen Kleinstadt.

Auf der letzten Seite schreibt Moritz von Uslar einen Satz, den ich hiermit als Ausrede für das offene Ende meiner wilden Partynacht auf dem Fischerfest vorschiebe: „Ob es da gut gewesen sei, wollte der neben mir wissen, und ich zögerte und sagte dann: Das sind schon ziemliche Arschgeigen da. Aber verstehst du, großartige Arschgeigen.“

Warum die Leute da niedermachen? Warum sich über Menschen lustig machen, die zwar doppelt so alt, aber nur halb so viel von der Welt gesehen haben wie wir. Keinen Sternenhimmel über North-Dakota, keine ratternde und bimmelnde Straßenbahn in Lissabon und keinen Sun-Dried-Octopus auf einer griechischen Insel. Wahrscheinlich auch keine Metro-Fahrt in Paris.

Vielleicht ist es das auch, was mich an „Deutschboden“ so fasziekelt hat (fasziniert + angeekelt, aber auf diese perfide, geile Weise). Ich habe mich ziemlich doll in Moritz von Uslar wiederentdeckt – aber nicht im positiven Sinne. Diese dezente Arroganz, das teilnahmslose Teilnehmen und (ungewollt) über den „gesellschaftlichen Ritualen“ Stehen. Und seien es noch so profane Dinge wie „nach Aral fahren“, eine „Stadtrunde drehen“, oder in der Kneipe fünf Molle saufen. Scheiße ja, es ist so verdammt traurig. Aber denkst du wirklich, wir würden ein anderes Leben führen, aufgewachsen in Oberhavel Hardrockhausen.

Wie abartig doch das uslarsche Gegenkonzept zur ostdeutschen Provinz klingt, wie pervers die Berliner Bourgeoisie. „Zwischen den Tischen liefen die Kellner, die wir mit Vornamen kannten, auf und ab und servierten Steaks und Champagner.“ An einer Stelle in dem Buch beschreibt er, welche Events er verpasst, während seiner Zeit im „Wilden Osten“.

Auf der Spandauer Straße seiner Kleinstadt träumt er sich zur „Midnight Session der Mercedes Benz Gallery“, zur „Pink Party von Bruno Salzer und Escada“. Die Zeitschrift Achtung lädt ihn ein, zum „Abendessen zu Ehren von Diors Kris Van Assche“ und auch den Champagnerempfang von L’Estétic Cosmetics im Quartier 206 verpasst unser feiner Herr von Uslar.

Jacob, wo wärst du lieber?

Ich wäre heute gerne in Chemnitz gewesen. Mit den anderen 65.000 großartigen Menschen, die für Vielfalt und gegen Rassismus demonstriert haben. Es ist so weit, Jacob, die Mitte der Gesellschaft muss wieder auf die Straße und zeigen: „#wirsindmehr“

Am Mittwoch gibt’s das große Nach-Sommerurlaub-Treffen mit den Jungs. Wir gehen in eine ehrliche Kneipe. Ich glaube es wird die „Lenau Stube“ in Neukölln. Die kommt zwar bestimmt nicht an das Oberhaveler „Schröders“ ran, aber ne „schöne Molle“ gibt’s da sicher auch. Und mehr glaube ich,  brauche ich auch gar nicht.

Auf bald.