Unterm Radar


27. August 2018
Den ganzen frühen Tag hier im Bett

Wie schreibt man einen Stream of consciousness, der mir so druckfertig durch den Kopf geistert?  Bewusstseinsstrom klingt viel schöner eigentlich. Im Zweifel ist es das Einzige, das übrig bleibt. In den Ferien, wenn man auf das Meer schaut, mit dem Liebsten herumsteht, die Straßen hinunter guckt, Eis isst und gespannt darauf, was sonst so passiert. Morgens aufwacht und ein Buch in das Bett zieht, stundenlang Kaffee trinkt, nicht raucht und auch mal in die Zeitung schaut. Wenn auch viel wichtiger scheint zu wissen, was heute alles so nicht ansteht. In den Ferien, da ist so einiges egal. Der ganze Wahnsinn nimmt auch ohne mich seinen Lauf. Da kann ich eher mal nachdenken was mir so wichtig ist oder besser noch, Protagonisten hinterher lesen, die in ganzen Büchern an den universellen Fragen verzweifeln. Selbst beim joggen höre ich nicht mal mehr Musik, sondern habe mittlerweile Hörbücher dabei. Manchmal fällt es schwer nicht in Zynismus abzurutschen. Die ständig vor sich hinkriechende Diskussion, die von ihr verlangte Teilhabe, all die Mühseligkeit, da bin ich in diesem Moment wirklich froh, hier zu sein, weit weg von allem.
Oh nein, ach genau, ich kann ja hier sein, gerade wegen diesem allem. Hm.

Wenn Musik hören, dann im Auto, idealerweise auf dem Beifahrersitz und der Freundin beim Fahren zuschauen. Die Autobahn ist mir so eine Art Filmstreifen, auf dem man entlang saust, immer diese Geradlinigkeit, immer viel Himmel. Alles passt so gut zusammen, egal welche Musik läuft. Da muss doch jeder zum Romantiker werden – wenn nicht gerade Stau ist. Spricht man noch von Strophen bei der Musik von Heute? Strophe klingt so nach Chormusik. Bildungslücke. Das habe ich doch bestimmt in der Schule gelernt. Diese Allgemeinbildung ist wirklich eine ganze Menge, ein weiter Begriff, so wie Standartliteratur, nein wie sagt man, Pflichtlektüre? Nein. Ich komme nicht drauf. Muss-man-gelesen-haben-Klassiker. Was wir nicht alles so müssen, das ist schon dramatisch. Ein Wort, das man echt mal streichen kann aus seinem Vokabular, genauso wie man natürlich. Also ab jetzt müssen ersetzen, immer, und man und darüber nachdenken wie es um eigentlich, natürlich und vielleicht steht.

Dreizehnuhrzwölf, Nachmittag schon. Mist. Verdammte Uhr da in der Konsole. In den Ferien ärgere ich mich, wenn ich zufällig irgendwo auf eine Uhr schaue und dann weiß wie spät es ist. Aufzustehen, durch den Tag zu gehen und ins Bett, wenn ich müde bin, das ist doch Luxus, oder? Seltsam, wie wir im Alltag der Zeit hinterherlaufen, sie auf Arbeit absitzen, bis wir uns von dieser frei nehmen, uns Urlaub nehmen, mal an uns denken, um uns richtig hängen lassen, in die Zeitlosigkeit zu schmeißen, all den tickenden Zwängen zu entfliehen. Zeitlosigkeit, eigentlich besser zeitlos, oder? Wir erarbeiten uns unsere Zeitfenster. Schlimm, wie die Leute arbeiten, immer an die Zeit gekoppelt und immer ganz viel ich muss noch… dabei, also vielmehr ICH MUSS NOCH… Lautlos in sich hineingeschrien.
Neben der bekannten Weisheit, der wir wirklich Folge leisten müssen und nur der, gäbe es vielleicht noch die bisher nur unbefriedigt beantwortete Frage: Was mache ich, wenn ich nicht mehr muss, weil der Mensch, also unsere Mitmenschen es geschafft haben, dieses muss abzuschaffen, was ja ein ursprüngliches Ziel von Arbeit ist und wir alle plötzlich nicht mehr müssen. Wenn das Zeitfenster immer offen und der Wind in den Gardinen und wir dazwischen, hinausschauend. Ja was dann, was sehen wir da?
So als Alt-Grieche leben vielleicht? Also einer von den Reichen, Privilegierten natürlich. Die haben gleichmal die Demokratie erfunden. Oder so als einer dieser Philosophen leben, die das Leben und die Welt in alle Einzelteile zerdachten und uns unser Sein erklärt haben. Oder als echter Mann, der baut und segelt, die Welt in alle Himmelsrichtungen entdeckt, seine Hände noch als Werkzeuge benutzen kann und als Teil der Natur durch diese wandert, aufrecht, stark, wissend und beschützend.
Von all dem Leid, das ich in Paris sehe, bliebe da nicht viel übrig. Was finde ich am Pariser Leben, dass mich wirklich begeistert. Immer kann ich meine Argumente mit irgendeiner Anzweiflung ausstechen. Dieses ganze Existenzielle, das kommt hier zusammen, Reichtum und Arbeit, Armut und Hablosigkeit, zusammengehalten durch die Metrolinie. Sie ist ja geradezu Symbol des Zeitstrahles, auf dem wir eilen, gedrängt, geduckt, als Teil der Gefolgschaft und dann noch all die Romantik, ihre Schriftsteller und Musiker, Maler, die über der Stadt schweben, durch die Straßen, auf den Friedhöfen begraben. Der Eifelturm, Montmartre, das macht alles noch schlimmer. Aber warum und trotz all der Umstände sind die Menschen hier so ansehnlich, aggressiv gutaussehend, Frauen Männer, jung alt, alle? Wie kommt diese Anmut hier so geballt zusammen? Ist das so eine Art Flucht aus diesem Kriegszustand der Ungleichheit, der in diesem Schmerzzentrum vorherrscht?
Wir sind ja nichts weiter, als der Obdachlose im Pelzmantel, die allesamt abzurutschen drohen, an der Wand, hinunter auf dem Asphalt, unterm Radar zu landen, von niemandem mehr abgesichert.

Ferien, Abgleich es Gemütszustandes. Hm, so lala. Am besten wieder schnell zurück in die Arbeitswelt, Verantwortungswelt. Uns bleibt ja nichts übrig als zu geben. Immer dieses nehmen bringt ja nichts.