Wochenendstille


Berlin, am Abend des 13. August 2018
am wackeligen Küchentisch

Lieber Jacob,

dank dir ist „chaleur“ mein neues Lieblingswort. Das klingt so schön weich. So, wie eben nur Französisch klingen kann. Merci.

Der allgemeinen Nacktheit widersetzen also. Das passt zu dir. Nicht böse gemeint, aber ich kann mir tatsächlich niemanden vorstellen, der so wenig in eine kurze Hose passen würde wie du. Wenn ich versuche, mich an einen langvergangenen Abend in Berlin zu erinnern – einen Sommerabend, an dem wir beide im Kapitalist am Tresen standen und Riesling tranken – ja dann kommt mir nicht einmal ein T-Shirt-Jacob in den Sinn. Halte durch, der nächste Winter kommt bestimmt!

Anfang August war ich mit meinen Jungs über das Wochenende in Altfriedland. Ein kleines Dorf mit stolzen 212 Einwohnern, idyllisch gelegen auf einer Halbinsel zwischen drei Seen mitten im Märkisch-Oderland. Der Region also, vor der ich mich in Berlin am meisten fürchte. Wenn ich mit dem Fahrrad durch die Hauptstadt fetze und mal wieder fast über den Haufen gefahren werde – ich schwöre dir: in 90 Prozent der Fälle haben die Autos „MOL“ als Kennzeichen. Märkisch-Oderland kommt und frisst uns alle auf.

Philipps Großeltern haben in Altfriedland ein Haus. Mit riesigem Garten, eigenem Steg und schnuckeligem Holzruderboot. Mit Tischtennisplatte und Grill. Mit unzähligen, unnötigen doppelt und dreifach vorhandenen Küchenmaschinen und Haushaltsgeräten (wie nur Großeltern sie haben können). Mit Crocs-Sandalen für die Gartenarbeit und Nordic-Walking-Stöcken für den Großvater.
Mit sieben weichen Betten. Decken in dick und Dünn, Daune und Wolle. Und mit riesigen Kissen, die den Kopf abends sanft aber bestimmt umschließen und keinen Ton mehr an dein Ohr dringen lassen. Flauschige Stile.

Philipp, Simon, Momo, Flo und ich flüchten manchmal genau dort hin. Raus aus dem Berliner Grau, hinein in die endlose RAL-Farbpalette der Natur.

Eigentlich.

Unser letzter Wochenendausflug fiel auf das „Altfriedländer Fischerfest“. Pass auf, ich zitiere aus dem offiziellen Programm: „Das  Fischerfest bindet die Altfriedländer und Neuhardenberger Bewohner ein und soll neben dem bekannten und beliebten Programm (Feuerwerk, Bands, Disko, etc.) auch das dörfliche Zusammenkommen in den Fokus rücken (Fischerzug, Zusammensitzen, Kuchenbasar, Sponsorentombola).“

Stille? Erholung? Abschalten? Runterkommen?
Leider nein, leider gar nicht. Freitag um 19.00 drückte der sogenannte DJ auf die Playtaste (und ich schwöre dir, mehr als „play“ drücken konnte der nicht). Was folgte war Dunkeldeutschland Mixtape. Helene Fischer, Jürgen Drews, Spider Murphy Gang. Und für den „international Flair“ gabs Bon Jovi und Bruce Springsteen. Fuck yeah und noch einmal von vorne.

„Und draußen vor der großen Stadt, stehen die Nutten sich die Füße platt Skandaaaaal im Sperrbezirk
Skandaaaaaaaal  – Skandal um Rosie!“

Wir saßen auf der Terrasse. Schweigend, rauchend, trinkend. Die Sonne hatte ihre letzten Strahlen verballert, also übernahmen die neongrünen Laserstrahler diesen Job – gesteuert von Crystal-Cindy, Amphetamin-Adolf und Crack-Collin. So stellte ich mir das jedenfalls vor. Ach, erwähnte ich bereits, dass der Festplatz Luftlinie keine 200 Meter von unserem selbsternannten Ruhepol entfernt lag?

„Oh, yeah, back in the summer of sixty-nine, oh
It was the summer of sixty-nine, oh, yeah
Me and my baby in sixty-nine, oh
It was the summer, the summer, the summer of sixty-nine, yeah“

Natürlich sind wir hingegangen.
Aber erst nach „Eberhard & Tina Gesangsduo“ (18.00 Uhr), „Mr. Miller – Gesang & Geige“ (19.30 Uhr), „Lysenne & DJ“ (20.30 Uhr) und „DJ“ (22.00 Uhr).
Wir warteten bis Mitternacht. Wir warteten auf „Jugend DJ“ (00.00 Uhr).
Noch einen großen Schluck. Direkt aus der Weinflasche.

Ok, jetzt.

Vorbei an unzähligen im Lichte lummeliger Solar-Gartenlampen schimmernder Autos. Ungetümer, allesamt mit MOL-Kennzeichen. Ein Eisernes Kreuz auf dem Kotflügel hier, eine Grußbotschaft in altdeutschen Runen auf der Heckscheibe da. Sympathische Ostromantik eben.

Weißt du, wie lange es gedauert hat, bis wir angepöbelt wurden?
Drei Minuten.

„I gotta feeling that tonight’s gonna be a good night
That tonight’s gonna be a good night
That tonight’s gonna be a good, good night“

Lieber Jacob,
ich unterbreche meine Geschichte an dieser dramaturgisch sehr passenden Stelle. Aus „am Abend des 13. August 2018“ ist längst „am frühen Morgen des 14. August“ geworden und ich muss um 07.00 in der Redaktion sein.
Ich denke an dich und hoffe du träumst gerade von den Engeln im Himmel.
Wir hören,

Lukas