La chaleur / Die Hitze


6. August 2018
alles egal, unter dieser Sonne

Ich habe versucht die letzte Haltung zu wahren und mich nicht der Nacktheit aller hinzugeben, also lange Jeans angezogen, Jacke übergeworfen und die Ärmel hochgekrempelt. So lief ich durch die Fußgängerzone meines Kiezes, die Rue Saint Denis hinunter, zur gleichnamigen Porte. Ich bekam kaum die Augen auf, bei dem im grellen Licht erblassten Himmel.
Selbst die Arbeitswoche hat geknallt, als käme sie da mit von oben. Mir war noch nicht klar wie ich mich jetzt in den Abend hinein mit einem Freund unterhalten und Bier trinken sollte und dachte an das Sofa, auf dem ich bis eben lag.
Je näher ich der Porte Saint-Denis kam, ein altes Stadttor, unverfehlbar am Ende der Straße, desto erdrückender wurde sein Eindruck: Du bist klein, du bist niemand.
In der Hand hielt ich nun ein Eis, das sich meiner Gier ergeben musste und dieser Hitze. Die auf die Stadt presste wie ein Täter das Kissen ins Gesicht seines Opfers, dass der Schweiß den Stoff festklebte.
Als wären diese Strahler nicht genug, reflektierten sie wieder und wieder zwischen Asphalt und den Fassaden und bissen in das Glas angekippter Wohnungsfenster. Sie machten richtig Urlaubsdumm, als hätte ich die ganze Woche auf einer Hotelliege verbracht.

Ich schmiss den Stiel weg, der vom Eis übrig geblieben war. Das war gut, bildete ich mir ein, das Eis, das musste sein, wie die Cola vorhin und das andere Eis, alles war gerechtfertigt. Gönnung jetzt, was immer auch half gegen den Sommer, der da fieberte. Ich könnte im Baumschatten an einem See liegen oder barfuß über Gartenwiese laufen.
Doch die Schuhe waren geschlossen. Cool bleiben. Die Temperaturen machten mir gar nichts. Das war alles Einstellungssache. Akklimatisieren, akzeptieren. Ich rauchte, aus Trotz. Rauchen hilft gegen alles. Das Eis war nicht einmal lecker, dachte ich zurück. Es musste am Wetter liegen, wie alles am Wetter lag.

Angekommen an der Porte Saint-Denis, Vollstau in beide Richtungen auf dem Boulevard. Autos, Busse und dann immer diese smogenden Doppeldeckertouristenmonster und Reisebusklopper mitten im Stadtzentrum. Der Abgas stand zwischen den Fahrzeugen. Nichts ging mehr. Nur noch die Passanten schlürften auf dem ausnahmsweise mal breitem Gehweg.
Über die Pariser Nacktheit gab es eigentlich nichts auszusetzen. Doch ich musste meinen Schrittrhythmus immer wieder unterbrechen und ausweichen, auf die querfeldein, aus Läden hinaus und in den Metroschacht hinein, Laufenden achten. Bei dem Gedanken an Metro war ich wirklich kurz erleichtert, richtig leicht fühlte ich mich hier oben im Matt der Glocke, dass dieser Gang mir erspart blieb und atmete tief ein, beim Blick die Treppe hinunter.
Ich ging nun auch querfeldein, über die Straße. Es stand sowieso alles und hupte und hinter den Windschutzscheiben saßen die Protagonisten so manch tragischer Geschichte, Freitag, 17 Uhr, Stillstand. Erstarrt wie bei Rotlicht, während der Feuertaufe in alten U-Boot-Filmen. Fünzig Grad Celsius, erhaschte ich auf einer Tafel.
Das flimmerte da zwar so nicht von der Leuchtschrift aber ich fühlte die Lüge und beim Gedanke wie warm es in diesem Betonklumpen wirklich sein musste, bekam ich augenblicklich einen klaustrophobischen Reiz, der durch meinen Körper sprang.
Um diesen irgendwie abzufangen,  schnipste ich die Kippe weg, die mir eher in der Hand ausbrannte als zwischen den Lippen. Rauchen half doch nicht gegen alles und zu dem Schweiß, der in Tropfen rann, war nun ein leichter Schwindel hinzugekommen. 

Die Sonne brüllte in diesen Großstadtkorridor, als käme sie gleich persönlich herunter.

Da war sie, La Petite Porte am Boulevard Saint-Martin, die rote Markise mit goldener Schrift, meine kleine Bieroase. Der Freund, er wartete drinnen, weil klimatisiert. Doch Raucher müssen raus, bei jedem Wetter.
Die Eindrücke, sie knallten aufeinander, als hätte ich von einem Joint gezogen.  Direkt vor uns an der Haltestelle fuhr der Bus nicht weiter, nicht wegen dem Stau. Ein Fahrgast diskutierte laut und dirigierte städtische Sicherheitsbeamte umher. Ich konnte David kaum zuhören, der ein Gespräch begann. Die Ampel zeigte grün. Vom Terrassenplatz blieb in den kleinen Fahrerräumen alles still, egal wie sehr sie explodierten. Nur ihre Hupen, die krachten in mein Ohr.
Bier? Später. Kaffee jetzt. Durch die offene Ladentür flammte eine Musik, die auf irgendeinem Supersampler gelandet sein muss, da sie seit über einem Jahr die Stadt beschallte, irgendwas mit Flowering Inferno und el Mar. Ob das einer dieser Welthits war? David konnte mir die Frage nicht beantworten. Neulich habe ich diesen Song auch im Supermarkt gehört. Die spielen da grundsätzlich gute Musik in Pariser Einkaufshallen, auch französischen Rock und so unerwartetes Zeug. Man kann da problemlos rumstehen, musikhörend am Kühlregal. 

David redete. Ich betrachtete den Schweiß auf meinen Armen, feinstaubzerbröselt, verwasserdampft, spürte ihn auf dem ganzen Körper. Das T-Shirt war patschnass. Da kühlte der Film plötzlich aus, mit einem Male, dass ich dasaß, angekommen, auf den Kaffee wartend, frierend.

Wie geht es dir, widmete David sich nun mir, nicht zu heiß?
Es tut gut mit anzusehen, wie sich bei dieser Hitze alle schwach fühlen.
David lächelte. Es klang spontan.
Der Kaffee kam.
Prost. Porzellantassen klirrten.