Ich mache mir Sorgen um Mark Zuckerberg


23. Juli 2018
Morgens vor dem Lärm, mit Käffchen

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Dein letzter Beitrag hat mich zum Nachdenken gebracht, mal wieder zum Thema Diskussionskultur im Internet, Social Media, vor allem Facebook. Diese Worte allein, dieser Klang, der da mitschwingt, aua.
Du hast es versucht und als Antwort Journalistenschelte kassiert. Das war natürlich bitter. Auch ich habe öfter den Versuch unternommen, mich Diskussionen in den Kommentarspalten zu stellen und dabei auch mal Gefahr zu laufen auf Schlauere und Argumente zu treffen. Ich kommentierte regelmäßig, stellte Nachfragen und versuchte zu diskutieren, widmete mich Hass- und Weltverneinerkommentaren und feilte an meinen Zeilen. Doch nach mal so grob bald zehn Jahren, hat dir schonmal jemand erzählt, von einer spannenden Kommentarrunde im Web?
Man kann ja sagen, nun ja, vielleicht, doch, NEIN. Die Diskussion ist nicht möglich. Versuch es gar nicht erst.
Mit den Worten Diskutieren bitte nur persönlich, beendete ein Freund kürzlich einen Gruppenstreit bei Whatsapp, als da kurz nach dem Deutschland-Schweden Spiel eine Diskussion über den Fußball selbst entbrannte, ob er nun Beil des Nationalismus sei oder Kulturmörtel. Ich war geradezu schockiert. Diesen Satz muss man doch glatt über das Internet hängen, dachte ich. Er schafft jede Diskussionsspalte ab – wenn noch nicht einmal Freunde im Netz diskutieren können. Diskussion im Internet gibt es nicht. Wir haben das immer wieder wiederholt, doch nie akzeptiert: Alle können trompeten, aber jeder unverbesserlich. 

Ja und dann spaziere ich beschwingt herum, mit Kumpels durch die Nächte, sitze in Bars, treffe Familie, telefoniere, Stunden, Tage, wochenlang im Alltag. Wie lange da so eine Diskussion manchmal beansprucht, ganze Zigarettenschachteln, Blicke in den Himmel, Weinflaschen, was da alles dazwischen liegt, wie viele Einwände, Neuanläufe eines Themas,
bis es plötzlich funkt und das Flämmchen lodert, wo es wirklich spannend wird und wir wirklich denken, was zu sagen haben und unsere kleinen Revolutionen anzetteln. Bitte, wie soll eine Kommentarspalte da mithalten.

Facebook hat mich lange vereinnahmt, wie ein Bekannter, der die anderen immer so bestimmend mit sich zieht. Doch dieser ist nun krank und Kranke vereinsamen schnell. Man kommt maximal noch vorbei, um seine Projekte und Arbeitszeugnisse abzuladen oder gelegentlich auf der Timeline hin- und herzuspulen. Der wirre Mix aus Nachrichten und Unterhaltung lies mich Jahrelang selbst krank sein. All diese sinnlosen Kommentare haben mich kein Stück weitergebracht. Die Debatte findet sowieso statt und Facebook kann dem nichts hinzufügen. Damit ist jetzt Schluss. Ich habe in den Header geschrieben, wo ich zu finden bin und mich seit hundert Jahren wieder ausgeloggt.

Wir müssen das Schiff versenken, den Rumpf eintreten, Facebook: Die Superdroge ohne Altersbeschränkung. Was haben wir uns abgefeiert, doch am Ende war es Facebook selbst, das uns so oft angeschrien hat, was wir für Datenopfer seien, für Selbstprofilierungsmitläufer, mit denen sich richtig Kohle verdienen lässt und es dabei noch nicht einmal wichtig ist, wie fake wir eigentlich sind.
Doch nach all den Fickt-euch-Rufen haben wir es kapiert, sind abgewandert, haben gewechselt, zu den neuen Rockstars, die noch gesund aussehen. Ich mache mir nur noch um einen Sorgen, seitdem er Anzug trägt. Ich mache mir Sorgen um Mark Zuckerberg. Das Gesicht von Facebook sieht schwerkrank aus. Ja, das war alles ganz nett, ein enormer Verstärker irgendwie, der aber immer im Kontrast stand zu unserer eigentlichen Gewohnheit. Vielleicht ist Zuckerberg selbst Opfer seiner selbst geworden.
Benjamin von Stuckrad-Barre hat diesen bizarren Schnittmoment zwischen Onlinesein und Rausgehen in seinem Buch Panikherz grandios zerlegt, als er von einer Lesung von Elvis Costello berichtet und ihm nichts wichtiger schien, als den Lesenden zu fotografieren und die Erzeugnisse seinen Freunden zu schicken, wo er denn gerade ist – aber gleichzeitig, so Stuckrad-Barre, sei er ja dann nicht mehr dort, weil er ja nur Beweise sichere, wie er zusammenfässt und Resumés fabriziere, die das Erlebnis ersetzen.

Letztlich beinhaltet die Szene etwas geradezu Existentielles. Wir haben diese Momente verloren, an denen wir rumsitzen und in die Gegend starren, ob zu Hause oder unterwegs oder bei einer Lesung. Wir haben uns konditioniert, das Nichtstun und Langeweile mit Timelines zu verbinden, doch genau diese entscheidenen Momente müssen wir zurückzugewinnen. Anstatt also Bildschirme anzugucken, müssen wir, vielleicht vor allem ich, diese elementare Situation wiedererlernen, uns zu fragen: was mache ich jetzt?

 

* {Hallo Lukas}