Radsportgedicht


Paris, 20. Juli 2018
vorgeschobenes Wochenende
nach Mitternacht bei Bier

Lukas,
aus gegebenem Anlass unterbreche ich unsere Konversation und widme ein paar Worte, hinaus in das französische Land, wo im Kampfgeist erprobt, Sportler ihre Träume wagen:

HIMMELHOCH HINAUF
… Ewartungsspannung vor den Endgeräten. Sommerwetter egal, denn man sieht sie treten. Gespannt fliegen die Augen mit den Fahrern über den Hang, spürt es, der entscheidende Angriff naht. Gleich, noch einen Moment. JETZT, noch nicht.

Die Tour, sie rollt durch das Land, Berg- und Talfahrten, das Fahrerfeld gegen den Wind, giert nach Schatten, im Rausch vom Sprints auf Flachetappen.
Das Warten nimmt kein Ende, der Krimi baut sich auf. Der Zug schiebt sich durch das Gelände, schlängelt durch das Land, auf der Suche nach der Wende
und kaum schaut die Kamera das Fahrerfeld hinunter, entwischt ein Angriff auf Gelb den Verfolgern. Schnitt, zurück an die Spitze. Rund wie ein Laufrad schiebt die Körpermechanik den Radlauf. Was ein herrlicher Anblick, auf dem Weg in die Bücher, hinauf zur nächsten Gipfelankunft, zwischen Vernunft und waghalsiger Leistungskunst. Unter Freudenqualen seine Gegner final zu schlagen, hinterlässt der Angreifer Gesichter vom Schmerz entleert. Dort reicht es noch, nein, nicht mehr für einen Konter.

Hinterher. Vom Straßenrand sprüht Kraft in die zweibeinigen Trikotträger. Wo Fans unbeirrt brüllen und schreien, verrückt geworden von der kapitaltreibenden Werbekarawane. Der Berg bebt. Die fahnenschwingende, extatische Masse zieht sich zu, entlang mythischer Serpentinen.

Das ist ungesehen. Das ist nie erlebt, ruft der selbst schon legendäre Kommentartor seinem Eindruck hinterher. Mit welch faszinierender Energie sich die Fahrer dem Gipfel nähern. Alles zerrt an allem. Die Muskelkraft, dass das Blut durch den Kreislauf kracht. Der Mensch am Material. Das Material unter der Sonne, die erbarmungslos den Wettkampf prüft.
Nur noch wenige Kilometer. Die letzte Chance der Verfolger verdampft auf dem glühenden Untergrund französischer Gebirgsgestalt.

Weit abgeschlagen, irgendwo am Rande der Karenzzeit, durch die Hitze auf dem Asphalt bald festgeklebt, wo die Sprinter noch träumen, vom Siegel der Tour und dem Gewinn des Massensprints auf dem berühmtesten Pflaster der Welt. Flachetappenschergewichte, berühmte Sprinter, vorgesehen für den letzten Streich auf dem Champs Elysees.

Doch die Tour, sie währt lang, ein nicht endender Roman. Die Umstehenden sehen in Augenpaare, des Sportlers größten Tage. Sie träumen, entlang der Strecke, in ihren Fahrradkellern, auf dem Weg durch die Stadt, Ampelphasen platt gemacht, proben ihre Kraft am Sonntagnachmittag, fliegen motiviert über Landstraßen und tragen die Trikots ihrer Helden, die ihren Platz gefunden haben.

Es ist und bleibt die Erwartung, die uns alle treibt, diese zu schlagen und freihändig über dem Lenker das selbstgeschaffte Heldentum, mit ausgestreckten Armen gen Himmel zu tragen.

In diesem Sinne,
Hau rein in die Pedalen!

PS: Meine Antwort auf deinen Beitrag kommt bestimmt.