Sturm


Berlin, Mittwoch 18. Juli
Ein betrübter Sommernachtstraum

Lieber Jacob,

was war das für eine Überraschung dich vor Kurzem in Berlin zu sehen. Ich weiß noch genau, es war Donnerstagnacht, ich tanzte gerade auf einer Party – berauscht von drückender, schwüler Klub-Luft, dem klirrend-kalten Campari-Soda und dem Wumms auf meinen Ohren, als mein Handy vibrierte: „Flughafeneuropa hat einen neuen Beitrag veröffentlicht“. So stand ich da, leicht wankend auf der Tanzfläche und las – ein Auge zusammengedrückt – deinen letzten Satz. „Ich wollte nur noch nach Berlin, in die Heimat, Familie und Freunde überraschen. Da bin ich angekommen, also lass uns grüßen und Bier trinken, jetzt.“

Danke Jacob, für diesen zauberhaften Moment.

Vergangenes Wochenende habe ich meinen ersten Shitstorm … – ja was sagt man denn – ausgelöst? Kassiert? Erlebt? Nun gut, eigentlich ein Shitstörmchen, aber trotzdem, es war spannend und beängstigend zugleich zu sehen, wie schnell sich Dinge im Internet verselbstständigen. Wie leicht man unüberlegt was „raushaut“ und schwupps, sieht man seine Felle davonschwimmen.

Es war Freitagabend, Alissia und ich kamen von einem gemeinsamen Freund zurück – er hatte zum Wein trinken auf seine Dachterrasse eingeladen (ein bisschen Neid ist an dieser Stelle ok, aber nicht zu viel, weil: Friedrichshain). Während dem Zähneputzen wischte ich beiläufig die Twitter-Timeline runter. Einmal Weltuntergang als Betthupferl bitte.

Kurz hinter der Kreuzung, wo Empörung auf Aufschrei trifft, ungefähr auf Höhe Beleidigung, aber noch vor der Auffahrt in Richtung Zynismus – der normale Twitter-Wahnsinn eben – entdeckte ich 240 Zeichen Hass von Robert Timm (@schinkel_ib). Robert ist Regionalleiter der Identitären Bewegung Berlin-Brandenburg und beschreibt sich in seinem Profil als „Ethno-Dschihadist“. Ja, super lustiger Typ, der liebe Robert. Ein Anhänger ethnopluralistisch-kulturrassistischen Gedankenguts mit knapp 4.500 Followern.

In seinem Tweet ging es um Dschamal M., den 23-jährigen abgeschobenen Afghanen, der sich nach seiner Rückkehr in Kabul erhängt hat.

@schinkel_ib: „Mahnwache für einen rechtskräftig wegen Diebstahls, versuchter gefährlicher Körperverletzung, Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz verurteilten und abgeschobenen Migranten? Kann man machen, kann man aber auch lassen.“

Zwischen Mundspülung und Gesichtwaschen kommentierte ich: 

@LukasKrombholz:„Hi Robert, werde ggf – inshallah – mal eine Mahnwache halten für dich. Jemanden der Menschenrechte mit Füßen tritt. Kuss“

Mehr Liebe auf dieser Welt und alles wäre gut verfickte Scheiße – dachte ich idealistisch-versauter Trottel noch. Und dann: Flugmodus ein, Licht aus. Schlafen. Am nächsten Morgen hatte mir Robert geantwortet. Nicht als Kommentar. Er hatte meine Antwort auf seinen Post retweetet. Überschrieben mit:

@schinkel_ib: „Cool. Jetzt wünschen mir Journalisten schon den Tod. #lifegoals“
(42 „Gefällt mir“-Angaben, 9 Retweets, 7 Kommentare)

Ich hab mir so doll in den Arsch gebissen, Jacob. Erstens weil ich ihm natürlich nicht den Tod wünsche, aber meine Formulierung ihm erlaubt hat, genau das zu behaupten. Und zweitens, weil er nicht die Privatperson Lukas attackierte, sondern den Journalisten. Und ja, zugegeben: Als ein solcher schreibt man so einen Kommentar, wie ich ihn abgegeben habe, nicht. Unter den Retweets von Roberts Beitrag verlinkten zahlreiche User meinen Arbeitgeber @welt, meinen Chefredakteur @ulfposh oder @asakademie mit dem Hinweis, ob sie denn wüssten, dass einer ihrer Journalisten „Todesdrohungen gegen Andersdenkende äußern würde.“

Zum ersten Mal wurde mir klar, warum Menschen auf Twitter in ihr Profil schreiben „Hier privat“ (Was ich generell für total bescheuert halte – schließlich ist doch Arbeits-Max-Mustermann und Privat-Max-Mustermann ein und die selbe Person und überhaupt: Dann protze halt nicht öffentlich mit deinem achsogeilen Job, Max.)

Taktisch war es ein guter Schachzug von Robert, mich genau da zu erwischen. In meinem Profil steht: „Team 23 @asakademie / Mann von @welt // moderiert ab und zu auf http://www.radio80k.de /// schreibt http://www.flughafeneuropa.de“

Und obwohl ich wusste, dass ich keine Chance hatte, versuchte ich nach dem Aufstehen – zwischen Mundspülung und Gesicht waschen – sogar noch eine Erklärung:

@LukasKrombholz: „Guten Morgen. „Eine Mahnwache ist eine friedliche Demonstration, bei der auf eine als gesellschaftlichen Missstand wahrgenommene Situation hingewiesen werden soll.“ – frei nach Wikipedia. Mehr hatte ich mit dir nicht vor“

Robert postwendend:

@schinkel_ib: „Bitte brech dir nicht die Arme beim zurückrudern“

Uff, der saß. Ich habe gelacht. Laut. Und so las ich also gutgelaunt das erste Mal in meinem Leben öffentliche Beleidigungen gegen mich.

@mormonthink: „Haha als würde irgendjemand diesen Waschlappen für voll nehmen. Geh doch ins Mittelmeer ertrinken!!“

Und mein Highlight:

@BobsonDugnutt9: „Wen interessiert so eine Wurst? Angehender „Journalist“ von der Axel-Springer-Akademie… Das wird mal ein durchschnittlicher foodora-Fahrer“

Während ich an diesem Brief sitze, scrolle ich Roberts Timeline runter. Er hat am 17. Juli ein Bild gepostet. Darauf zu sehen ist die Première Dame Frankreichs, Brigitte Macron. Hinter ihr steht Paul Pogba. Beide strecken lachend den WM-Pokal in die Höhe. Steve Mandanda, Frankreichs Ersatz-Keeper, blickt grinsend auf die Szene.

@schinkel_ib: „Macron etzala extrem angespannt.“

Mir ist so schlecht, Jacob. Denn es ist klar, was Robert zwischen den Zeilen meint: „Zwei schwarze Männer begaffen eine blonde, weiße Frau – Sie hat Angst, ….“

Viele Grüße nach Frankreich, lieber Jacob. Viele Grüße in das Land des Weltmeisters. Weltmeister, deren Eltern und Großeltern aus Afrika kommen oder dem arabischen Raum. Aus der Karibik oder aus Spanien.

Ich gehe jetzt Zähneputzen.
Und zwischen Mundspülung und Gesicht waschen:

Wird mir schon wieder etwas einfallen.

Dein Lukas