Die Geschichte eines Europäers


6. Juli 2018
auf dem Weg

Bonsoir Lukas,

Du Turiner, das stünde dir wunderbar. Auf einem Scooter und wiederhergewachsener Andrea-Pirlo-Gedächtnisfrisur einer windigen Story hinterher, der Jungjournalist, geschmackserprobt und offenherzig. Du solltest weiter mit dem Gedanken spielen, dem Europäischen: Europa, ein bunter Salat der Kulturen. Die Himmelsrichtungen liegen so nah beieinander. Deine Ankunft in Berlin muss doch ein ganz neuer Geschmack gewesen sein. Teilt München, deiner Heimat, nicht bald  mehr Gemeinsamkeiten mit Turin als mit Berlin, das ja weiter weg ist, fern von den Alpen?

Jeder sollte einmal im Ausland gelebt haben. Der Meinung bin ich, sich mit den Wehwehchen eines jeden Migranten herumgeplagt, Gastfreundschaft gespürt, die Sprache nicht verstanden und die Heimat vermisst haben. Also: Avanti, mach dich zum Europäer!

Ich habe kürzlich einen dieser Großen getroffen, einer von den vielen mir noch Unbekannten. Beim ersten Kontakt habe ich ihn als Lokallegende verspottet, als mir meine Oma davon erzählte. Mit der Familie fuhren wir anlässig ihres achtzigsten Geburtstages mit den Rädern durch das thüringische Eisenberger Mühltal (sie auf einem Elektrorad), sogenanntes Radwandern irgendwo bei Gera. Wir machten einen Abstecher zu seinem Denkmal. Ich dachte an etwas heroisches, etwas Rockyhaftes, oben auf einem Hügel oder so. Immerhin wurde er, Milo Barus im März 1930 zum stärksten Mann der Welt gekürt und das nicht irgendwo, sondern, ja genau, in Paris.

Barus war Weltmeister und Kraftakrobat. Seinen Titel verteidigte er rund um die Welt. Der Mann hat Pferde getragen, Straßenbahnen aus den Schienen gehoben. Straßenbahnen! Nach seinem sportlichen Kampf um die Welt schloss er sich den Revolutionären Sozialisten an um den Politischen gegen die Nazis anzunehmen. Die ihn jedoch fünf Jahre in Berliner Zuchthäuser steckten und zur Zwangsarbeit versklavten.

Sein Lebenskreis, nach einer Zirkuskarriere in der Nachkriegszeit, schloss sich im thüringischen Eisenberg, Mühltal, wo er als Wirt in der Menschleusmühle arbeitete. Da stand ich nun an seinem Grabstein und einer hölzernen Statue, unaufgeregt am Straßenrand, was ein großes Dasein verkörperte. Auf dem Stein stand Artist unter seinem bürgerlichen Namen Emil Bahr und ich stellte mir vor, nach weltweiter Karriere als Sportler und Zirkusheld, wie dieser in seinen letzten Jahren, er wurde nur 61 Jahre alt, da stand an der Schänke, in einer Zeit als Tourismus noch eine einmalige große Reise oder die Fahrt in die nächstgrößere Stadt bedeutet haben muss. Doch dieser Barus konnte von Paris erzählen, Buenos Aires, New York und Kairo. Ob er das auch getan hat? Ich weiß leider nichts über seinen Charakter. Das Museum an der Mühle war geschlossen und man konnte durch das Fenster nur ein paar Requisiten und Fotos von aktuellen Wettbewerben sehen, die nun in seinem Namen jährlich stattfinden. Aber irgendwie möchte ich mir nicht vorstellen, dass der stärkste Mann der Welt, ein Revolutionär, ein Angeber war.

Das ist und bleibt ein Traum, eine Herausforderungen , die entlegenen Ecken der Welt zu entdecken, wo man kein Tourist sein muss, sondern Abenteurer, auf den Spuren unserer Reiseväter, die Geheimnisse zu ernten, die immer in uns ruhen werden.

Einen Tag später saß ich im Regio und passierte Bitterfeld, dessen Name du, der frischgebräunte Turiner verspottet hast und kurz, da kam der Ossi in mir hoch, obwohl ich diesen nie wirklich in mir gehegt habe. Ich weiß auch nicht wieso. Ich habe mit Bitterfeld nichts am Hut, aber ich wollte etwas anderes sehen und dich berichtigen und der Zug hielt dort und ich schaute nach links und rechts, über den Bahnsteig in die Gesichter, hinter zu den Häuserreihen. Doch ich sah nichts. Einige Kilometer weiter stand ich in Roßlau (an der Elbe) und wartete auf meinen Anschlusszug und ich war nur froh weiterzufahren und nicht durch das Backsteingebäude hinein in dieses Kaff zu müssen, ganz gleich was sich dort verbarg. Es tat nicht mehr zur Sache.

Ich wollte nur noch nach Berlin, in die Heimat Familie und Freunde überraschen. Da bin ich angekommen, also lass uns grüßen und Bier trinken, jetzt.

Giacomo