Fernweh-Fieber


01. Juli 2018
Auf der Rückreise nach Berlin – Antonello Venditti im Ohr

Ciao Giacomo,

Mein Zug rollt durch Dunkeldeutschland, knallt übers Flachland zwischen Halle und Bitterfeld. Stell dir vor Jacob, gestern früh, direkt nach dem Aufstehen, war ich noch im Meer schwimmen …
Von Bella Italia und Dolce Vita ist nicht mehr viel übrig. Die Leute hier sehen so aus, wie Bitterfeld klingt. Bitterfeld. Was für ein beschissener Name. Inzwischen freue ich mich über meine Mitbringsel: Leichter Sonnenbrand und tausende Sandkörner im noch immer zusammengeknüllten Handtuch .

Ich bin so verknallt in Italien. Und besonders in Turin. Die Stadt ist so schön wie Mailand, nur ohne die Business-Futzis. Abends sitzen alle bis in die Puppen vor den kleinen Bars und Bistros – die Oliven gibts immer umsonst. Und wenn ich mal von einem Sommergewitter überrascht werde, dann husche ich im Schutz der zahlreichen Arkaden-Gänge im Trockenen nach Hause. Im Winter bin ich in einer Stunde auf der Skipiste – und im Sommer baller‘ ich die Autostrada Richtung Savona entlang, durch die Ausläufer der Seealpen bis ans Meer. Das Autofenster runtergekurbelt, den linken Arm lässig rausgehängt. Bis das Wummern des Fahrtwindes in den Ohren schmerzt, mein Gehirn ein einziges großes Rauschen ist und ich mir doch eine Klimaanlage in den alten Fiat Panda wünsche.

Ich bin dem Land „Farfalle“. Und den Menschen, die eine solche Lässigkeit und Unverkrampftheit ausstrahlen. Auf den Straßen gehts zu wie verrückt, aber glaubst du da hupt jemand?

In dem Zugabteil, in dem ich gerade sitze, gehen die Reservierungsanzeigen nicht. Mal wieder. „Das ist hier mein Platz, ich habe den reserviert“, wurde ich angeschnauzt. Ach Jacob, das ganze Abteil ist frei.

Und erst der Kaffee in Italien. Den Espresso für 1.20, den „Cappucco“ für 1.50. Nix Soya, nix „Moonlight Coldbrew“. Und vor allem kein lauwarmer Filterkaffee aus Pump-Thermoskannen. Jede Tankstelle, von Südtirol bis in den südlichsten Zipfel von Apulien, hat eine vernünftige Siebträgermaschine, mindestens zwei Baristas und braunen Zucker. Und Croissants mit Aprikosenmarmelade. Das sind meine Liebsten.

Ich glaube ich kann mir wirklich vorstellen, bald in Turin zu wohnen. Als junger deutscher Journalist, der plus-minus drei Wörter italienisch spricht, da bekomme ich doch bestimmt einen Job …

Der ZEIT-Journalist Lars Weisbrod schrieb mal auf twitter: „Deutsche wollen auch tolle Oma und Opa mit Geheimrezepten für die Soße wie italienische Nonna, aber unsere Großeltern haben Hitler zugejubelt und kochen scheiße.“

In diesem Sinne
A presto,
L