Demonstration


Paris, 10. Juni 2018
Am Küchenfenster in den Abend hinein

Lieber Lukas,

bleiben wir bei dem Thema Blase. Du hast es angedeutet, in unserem Aquarium zu sitzen und mit Freunden über die Welt zu philosophieren, ja das mag nach Parallelwelt klingen.
Wir müssten auf die Straße, demonstrieren, kämpfen.
Doch ich war nie wirklich jemand, der auf Demonstrationen gegangen ist. Meine Chronik hält sich also in Grenzen. Mit 14 Jahren protestierte ich mit der Schule gegen den Irakkrieg, auf der Straße des 17. Juni. Zwei Jahre später tanzte ich an gleicher Stelle für Liebe und Frieden auf der letzten Berliner Loveparade um die Siegessäule und während meines Studienaufenthaltes in Istanbul stand ich plötzlich im Tränengas der Geziproteste und lief mit den Massen.
Nie war ich Initiator, einer der Schüler, der die Klassen in Bewegung setzte. Ich war auch kein Jünger polygamer Hippiephilosophen oder Revolutionär, der sich gegen ein gesamtes System aufstellt.
Irgendwann fand ich zu bildungspolitischer Arbeit. Das entsprach mir eher, aber auch den Schülern, mit denen ich arbeitete, ist Demonstrieren häufig als erstes eingefallen, um etwas zu verändern, laut sein, Gesicht zeigen.

Vor einigen Jahren bin ich zum Berliner Adenauerplatz gefahren, hinterm Zoo, um mit meiner Kamera Fotos zu machen von den Demonstrationen des alljährlich stattfindenden Israelhasstages Al-Quds (dieses WE erst wieder gewesen).
Was ich durch meine Linse also beobachtete, war mehrheitlich Hass, der auf eine Gegendemonstration traf, die versuchte diesem irgendwie entgegenzuwirken. Selbst, wenn zwei Parteien an der Polizei vorbei, aufeinander trafen, war doch von konstruktivem Austausch nichts mehr übrig, sondern nur noch Geschrei.
Im Jahre 2007 hat es in Paris einmalig eine derartige Demo gegeben, die im Folgejahr verboten wurde.

Seit Anfang April jedoch streiken die französischen Eisenbahner und demonstrieren gegen einschneidende Reformvorhaben. Zu entfallen drohen unter anderem Anstellung auf Lebenszeit, verfrühte Rente mit 52 Jahren und kostenloser Transport für Familienangehörige. Für jeweils zwei Tage in der Woche legen die Bahner das Fernverkehrsnetz und den Regionalverkehr lahm.
Mit einer schon berüchtigten Aussage antwortete Frankreichs Präsident Emmanuel Macron auf die Frage eines Journalisten von FOX News. Dieser wollte wissen, ob es die Möglichkeit gäbe, die Reformen noch zu umgehen. Macron erwiderte mit eiserner Miene: No Chance.
Das war zwei Wochen nach Beginn des Streiks, der noch bis Mitte Juni andauert.

Also warum demonstrieren gehen?
Ach ja, auch ich habe Berlin beobachtet, als die AfD einmal wieder versuchte Beton anzurühren und daraufhin in der ganzen Stadt Blumen und Trompeten aus dem Boden schossen.
Dieser Demonstrationsmoment ist ja auch immer die Chance das Stadtbild, die Gewohnheiten aus den Fugen zu heben. Plötzlich stehen Piratenschiffe auf der Spree und Menschen laufen dort, wo sonst Autos fahren.
Ich glaube meine letzte Demonstration, jetzt fällt es mir wieder ein, war mit dem Zentrum für politische Schönheit, als der Demonstrationszug schließlich die abgesperrte Reichstagswiese übernahm und sie in eine Grablandschaft verwandelte (auch schon wieder lange her).

Aber ja, das sind schon besondere Stadtmomente, Menschmomente, gerade das aktivistische, die Aktion selbst, die während einer Demonstration herbeigerufen wird, laut zu sein, Spuren zu hinterlassen, seinen Raum einzufordern, ihn zu nehmen, für den Moment, auf Dauer.

Ob das nun genug der Demonstration ist, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wie ich mit mir im Gericht stehe, wenn mein potenzielles Kind mich eines Tages anmacht, nur herumgesessen zu sein, ich gehe da etwas nervös an die Sache. Die Ursachen, warum wir nicht alle unsere Energie in die Gesellschaft investiert haben, sind wohl vielfältig – anderes Thema.

Hier in Paris erlebte ich die Journalistin Carolin Emcke auf einer Veranstaltung der Maison Heinrich Heine, wo sie ihr Buch Gegen den Hass vorstellte, noch gar nicht lange her und eine Zuhörerin fragte, wie man denn aus der Diskussionsblase mit seinen Freunde herauskäme, ob es überhaupt die Möglichkeit gäbe mit einem AfDler/ Rechten/ Verneiner im geeignetem Rahmen diskutieren zu können?
Da antwortete Emcke in die Herzen aller Zuhörer, man solle schlicht bei der eigenen Familie anfangen. Dort sei die Blase schnell verlassen.
Denke und Weltansichten nehmen wahrlich keinen Abstand vor dem Familienfrieden. Nun ja, wir haben sie alle und nur diese eine und jede Familie hat ihr eigenes Drama und doch muss man um sie kämpfen, um ihren Frieden und ihre Gesinnung, denn keines Falls will ich meine Familie dem Rechtspopulisten überlassen.

Guten Start in die nächste Woche!