Seifenblase


Berlin, am später werdenden Abend des 28. Mai im Café Dujardin

Hallo Jacob,

du hast deinen letzten Text „Nostalgiegefahr“ genannt. Ein schöner Titel für einen noch viel schöneren Brief. Überhaupt: Nostalgie – was für ein Wort. Ich glaube ich bin ziemlich nostalgisch. Wobei … Wenn ich jetzt definieren müsste, was Nostalgie bedeutet. Uff, keine Ahnung. Eine Mischung aus schwermütig, romantisch und gefühlsverliebt?

Deinen Tipp, öfter mal  einen Stift in die Hand zu nehmen klingt so verlockend. Und doch kann ich es nicht. Ich hasse meine Handschrift. Sie ist so kindisch. Die Bögen viel zu geschwungen. In der Grundschule war ich der Junge mit der schönsten Handschrift. Meine Lehrer lobten mich immer, für die „mädchenhafte“ Optik. Bis heute hat sich meine Schrift kaum verändert, was oft für – zugegeben – nett gemeinte Lacher führt. Ich werde es trotzdem versuchen. Auch, nein gerade weil man dann eben nicht in die Versuchung kommt Wörter zu schreiben und direkt wieder zu löschen.

Mir schwirren so viele Gedanken durch den Kopf und ich erwische mich dabei, wie ich wieder genau in diese Falle tippe. Schreiben, löschen, schreiben, löschen. Destruktivitäts- statt Nostalgiegefahr.

In deinem letzten Brief hast du mich gefragt, wie ich mich fühle, als Konsument und Mitgestalter der Medienwelt. In dieser „Blase“. Ein furchtbares Wort, das es aber doch so treffend beschreibt. Ich muss dann immer an den ersten Star-Wars-Teil denken. Ok ihr Nerds: Nicht an den ersten Teil, sondern die erste Episode. Schon klar.

Als die Druiden (ich begebe mich mit meinem stümperhaften Star-Wars-Wissen spätestens jetzt auf dünnstes Eis) den Planeten Naboo und das Volk der Gungan angreifen, kreieren der dümmlich-süße Jar Jar Binks und seine Freunde ein Schutzschild. Eine riesige Seifenblase. Bei jedem Einschuss der feindlichen Lasergeschütze, macht das Ding Geräusche: Doing, Ping, Pling.

Und der Schutzschild, dort wo er getroffen wurde, gibt nach. Ganz kurz nur. Dann federt er den Schuss elegant ab. Druckwellen tragen die Energie kreisförmig nach außen. Ähnlich einem Stein, den man ins Wasser wirft. Das Einschlagloch ein wabbeliges Leck-Mich-Am-Arsch-Epizentrum.

Mir geht es so ähnlich. Ich puste mit ganzer Kraft, aus den tiefsten Tiefen meiner Lunge eine Seifenblase als Schutzschild auf. Das Licht spiegelt und bricht sich darin und anstelle durch meine Blase hindurchblicken zu können, sehe ich Regenbogenfarbverläufe. Schmierig. Aber immerhin bunt.

Unser Freund Gregor hat mich vor längerer Zeit einmal gefragt, wann ich das letzte mal auf einer Demonstration war. Das geht mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf. Macht unsere Generation genug? Gehen wir noch auf die Straße? Kämpfen wir für unser freies Europa – ohne Nationalismus, Vorurteile und Fremdenhass?

Gestern wäre so ein Moment gewesen. Die Alternativlosen für Deutschland machten mal wieder deutschlandfähnchenwedelnd ihrem Ärger Luft. Und Berlin? Diese progressive, queere, feministische, antirassistische, inklusive bunte Stadt feierte. Ebenjene Werte. Extrem laut und noch viel bunter. Eine riesige Party. Liebe ist lauter als Hass.

Und ich? Ich war mit dem Rennrad unterwegs. Das ärgert mich gerade. Nein, auf keinen Fall wegen der verpassten Party – und seien wir ehrlich: für viele der über zwanzigtausend „Gegendemonstranten“ war es nichts anderes – sondern wegen der verpassten Chance, aus meinem Bequemlichkeitsgefängnis auszubrechen. Mich einmal zu überwinden, in dem Wissen, dass es eben nicht reicht, im Freundeskreis (unserer selbstgebastelten, verdammten Blase) von einer toleranten Welt zu träumen. Was für eine Utopie.

Jacob, wann warst du das letzte Mal für etwas demonstrieren? Oder sogar gegen etwas? Vor zwei Tagen habe ich Josef Schuster, den Zentralrat der Juden in Deutschland kennengelernt. Nicht nur hier, auch in Frankreich nehmen rassistisch und antisemitisch motivierte Angriffe zu. Wie erlebst du das in Paris?

Ich tippe diese Zeilen an einem kleinen, wackeligen Bistro-Tisch im Café Dujardin. Noch so ein toller Ort im Wedding, den ich dir gerne zeigen würde. Bei jedem Tastenanschlag schwappt das Bier in meinem Glas hin und her. Der Himmel zeigt stolz sein dunkelstes Blau und morgen früh, wenn ich auf dem Weg in die Arbeit bin, fahre ich wieder vorbei, an den kleinen Gärten und Parks, mit blassgrünem Rasen, der unter der drückenden Hitze leidet. Stell dir vor: Hier stehen momentan Sprinkleranlagen in den Gärten. Fast so wie im Süden.
Ich liebe das.

Sehr sogar.