Nostalgiegefahr


Paris, 17. Mai 2018

Sei gegrüßt Lukas,

ich habe deinen Text gelesen. Lukas ist eine Sie. Das war ein toller Lesemoment. Dann aber auch schon, als deine Worte ausgeklungen waren, dachte ich an meine Antwort. Was soll ich schreiben? Welchen Aufhänger sollte ich aus deinem Text herauspicken? Und auch, wenn ich es meide, darüber zu diskutieren für Selbstbeweihräucherung halte, mir das ganze irgendwie missfällt. Lukas, Schreiben auf Befehl, ja das geht. Dieser Text, diese Zeilen, wie sie hier entstehen, kommen auf Befehl. Ich befinde mich gerade in einer Übung, der Daumen schmerzt schon. Ich glaube, es liegt am Stift. Mit dem Sitze ich am Tisch und schreibe auf Papier. Ohne Unterlass, ohne den Stift abzusetzen, ohne anzuhalten. Ziel der Übung ist es, immer weiter zu schreiben, egal was kommt. Fünf Minuten, Wecker aus dem Blickfeld. Es…

…und das waren sie schon, fünf Minuten Schreibzwang. In drei Minuten habe ich den Brocken in Word transkribiert, die von dir erwähnte Leere angekratzt. Ich versuche es mir gemütlich zu machen, lege die Beine hoch und den Laptop auf den Schoß. Doch das Krankenhauslicht, das jede Wordseite ausstrahlt, macht mich richtig elend. Anderntags meide ich all die kreativitätssteigenderen Maßnahmen und stehe um sechs Uhr auf, um Gedanken aufzuschreiben oder gehe nach der Arbeit in die Bibliothèque Centre Pompidou und setze mich zwischen Studenten, die dort alle Reihen hinunter sitzen und Zahlen mit einer Sprache verbinden, von der ich nichts verstehe. Ich behaupte, es handelt sich um Mathematik. Dazwischen bin ich und versuche selbstbewusst an literarischen Texten zu arbeiten.
Vor dem Laptop starre ich auf Notizen, Absätze, gefertigte, unfertige und zusammenhangslose Textpassagen. Auf dem Bildschirm wirken sie wie in Stein gemeißelt und ich sitze da und versuche mit dem Fingernagel daran herumzufeilen. Es ist wirklich schmerzhaft.

Ich will keine Nostalgie verbreiten, aber ich bin mir sicher, jedes leere Computerblatt ist wie ein Knastloch, in das du hineinstarrst, das kein Licht reflektiert, sondern dich eingräbt und verschließt. Wohingegen ein weißes Papier, 3,8 Gramm, einen Raum öffnet, ein Schreibfenster. Dort kann ich anfangen, mit einem Wort, einem Satz, kann meinen Gedanken hinterherschreiben, drumherum kritzeln, die Ecken des Papiers anmalen, Geschriebenes nachzeichnen, noch einmal drübergehen, durchstreichen. Das alles ist Schreiben.

1993 hat die damals schon gut gealterte Marguerite Duras, eine der großen französischen Schreibflüchtigen, vor der Kamera des Regisseurs Benoit Jacquot über das Schreiben philosophiert. Dabei sagt sie so Sätze wie, ohne Zweifel keine Einsamkeit, ohne Einsamkeit kein Schreiben. Dies beginne bei ihr mit einem Fenster, einem bestimmten Tisch, den Gewohnheiten schwarzer Tinte, Spuren schwarzer seltener Tinte, einem Stuhl. Bestimmte Gewohnheiten finde sie immer wieder, wohin sie auch gehe, wo immer sie sei. Selbst an Orten, wo sie nicht schreibe, wie das Zimmer eines Hotels, die Gewohnheit immer Whisky in ihrem Koffer zu haben, bei Schlaflosigkeit oder plötzlicher Verzweiflung.

Jetzt glaubt mal einer, die sitzt da in ihrem immergleichen Weltraum, schaut in die Unendlichkeit und verkörpert ihr Dasein in gewaltig strahlenden Sätzen auf der Tastatur eines Macbook Pro, das luftstöhnend vor ihr steht und über die Sternbilder blendet.

Und was machen wir? Genau, wir sind die Blinden, die rückwärtsgewandt, aus der AI-IT-Welt zurück in die Natur gelangen wollen, vor dem heimischen Leuchtbildschirm, der uns müde macht, aber nicht einschlafen lässt, im Glaube hier sei das Universum zu finden. Wir machen es uns unnötig schwer und können uns aus diesem Gefängnis nicht befreien. Den ganzen Text hier tippe ich wie Minecraft am Computer zurecht, traue mich kaum mal einen Satz selbstbewusst zu Ende zu schreiben, geschweige denn stehen zu lassen – außer die ersten Zeilen, die waren in fünf Minuten auf dem Papier und da bleiben sie.

Ich habe das Gefühl, wir oder ich oder ein paar von uns, krabbeln gerade ein bisschen heraus aus unserem geliebten Internet und verstehen langsam, was mit uns geschehen ist, in dieser Blase, in den vergangenen Jahren. Wie fühlst du dich eigentlich so in der Medienwelt, als Konsument und Mitgestalter all dieser Strömungen und Netzwerke? Geht das jetzt für immer so?

Gute Nacht.