Rosen


Berlin, 12.05.18

Lieber Jacob,

Lothar Matthäus hat in einem Interview erzählt, vor zehn Jahren wäre er täglich auch mit dem Fahrrad zu 1860 gefahren, so gerne hätte er die Löwen damals trainiert. Ach, und wusstest du schon, dass Irina Shayk heute in Cannes zwar ein knallrotes Kleid, aber keine Unterwäsche trug?

Ich erzähle dir das, weil ich seit 30 Minuten an meinem Laptop sitze und nicht weiß, wie ich anfangen soll. Immer dann, wenn ich Abends in der Küche sitze, auf das weiße, unendlich leere Word-Dokument starre, fallen mir besonders dumme Sachen ein, die ich längst schon einmal googlen wollte. Wobei: Wie ich auf der Seite der Münchner Abendzeitung gelandet bin, weiß ich schon gar nicht mehr.

… und dieser dumme Cursor blinkt im Takt der Musik. Und das Dokument ist weiß und leer und die Schlieren erinnern mich daran, dass ich längst schon meinen Bildschirm putzen wollte. Aber stattdessen habe ich gerade Tupper-Boxen der Größe nach ineinander geschachtelt – wie Matroschkas, diese liebevoll angemalten russischen Holzpuppen.

Kannst du das, das Schreiben auf Befehl?

Ich war vorhin im Basalt, meiner Weddinger Lieblingsbar (da würde ich so gerne mal mit dir einen Whisky-Sour trinken) und da musste ich an Fabius denken, den ich jetzt, da ich umgezogen bin, nur noch ganz selten sehe. Als Alissia noch in Neukölln gewohnt hat, waren wir oft zusammen im Thelonious. Er ist dort Barkeeper. Und zwar der Allertollste!

Kennst du das Bild „Nighthawks“ von Edward Hopper? So habe ich mich bei ihm immer gefühlt. Alissia und ich, das Pärchen, das am Tresen sitzt. Er der Barkeeper, der auffällig unauffällig seinen Job macht.

Einen Abend bin ich länger geblieben. So lange, bis er von innen die Tür verriegelte und ich gleichzeitig ratternd die Rollos vor dem riesigen Fenster herabließ. Du kennst das – dieses erhabene Gefühl. Du darfst noch bleiben, während alle anderen gehen. Die Nacht gehört dir, die Bar gehört dir. Die Kerzen brennen nur noch für dich, weiter, immer weiter.

Während Fabius den Tresen putze, erzählte er mir, dass er jeden Abend eine Rose für seine Freundin kauft. Er kauft sie von einem der vielen indischen Rosenverkäufer, die durch die Neuköllner Bars ziehen und bei denen ich mich immer frage, wie zur Hölle sie Geld verdienen, weil ich nie jemand eine kaufen sehe. Und: ob es ziemlich süß, oder doch ziemlich peinlich wäre, wenn ich Alissia den ganzen Strauß schenken würde.

An jenem Abend standen in der Vase hinter dem Tresen mindestens 20 Rosen. Nein, Fabius musste sich für nichts entschuldigen, ganz im Gegenteil. Seine Katze war schwanger, die Babys würden noch in dieser Nacht kommen. Die Freundin alleine zu Hause, er damit beschäftigt, den Tresen zu schrubben. Beide von Minute zu Minute nervöser. Bing, ring, ding – eine Whatsapp-Nachricht nach der anderen. Weißt du, wie komplex eine Katzengeburt ist? Aber oho. Ziemlich. Wirklich wahr, ich weiß seit dieser Nacht alles darüber.

Gegen drei Uhr wurde es ernst. Angeschwipst wie wir waren, wuselten wir zusammen durch den Laden. Teamwork in Perfektion: Er wischte die Tische, ich – zack – die Stühle drauf. Wisch, zack, wisch zack. Ok, einmal bestimmt unterbrochen vom Poltern eines herabfallenden Barhockers.

Fabius war schon halb im Taxi verschwunden, als er sich umdrehte. „Danke für deine Hilfe Lukas. Ich benenne eine Katze nach dir.“ Das Taxi ballerte die Weserstraße runter, ich blieb noch einen Augenblick stehen.

Ich habe Fabius vor kurzem wiedergesehen. Ich war zufällig in der Gegend. Der Platz, an dem ich im Thelonious früher immer saß war frei. Er hat damals tatsächlich ein Katzen-Baby Lukas genannt.

Lukas ist eine sie.