Die Neuentdeckung der Langsamkeit


Berlin, 22.04.2018

Lieber Jacob,

ich hatte als Kind nie eine Spielkonsole. Wir hatten lange Zeit nicht einmal einen Fernseher. Manchmal aber, wenn ich Glück hatte, lieh mir mein Nachbarsfreund Max seinen Gameboy Color. Max hatte das durchsichtige Modell. Das wo man die Drähte, Platinen und Chips sehen konnte. Nur eine Bildschirmbeleuchtung hatte das Ding nicht. Und so spielte ich nachts heimlich unter der Bettdecke Pokémon oder Tetris – die Taschenlampe zwischen die Zähne geklemmt.

Wenn ich nach der Schule bei Freunden war, wollte ich Computerspielen. Aber nicht selber. Ich wollte zuschauen. Ich war eines dieser Kids, die wenn sie dann doch mal den Controller in der Hand hatten, immer die Bewegungen der Avatare mitmachten. Spielte ich ein Autorennen, so legte ich meinen Kopf in den Kurven zur Seite, zockte ich FIFA, so zuckte mein rechtes Bein bei jedem Schuss.

Mein bester Freund und ich, wir – also ja, meistens er – verbrachten einen ganzen Sommer damit FIFA 2005 zu spielen. Auf dem Cover waren Patrick Viera und Andrij Schewtschenko und unser Lieblingsverein war der FC Valencia. Was für ein Wappen. Eine Fledermaus im Emblem.
Der Star des Teams war Pablo César Aimar, dessen lange, wallende Haare in dem Spiel so schlecht animiert waren, dass ich bei der Erinnerung daran gerade ziemlich doll grinsen muss. Keine Farbverläufe, keine Bewegung, nichts. Ein einförmiges braunes Prinz-Eisenherz-Gedächtnis-Toupet.

Ich dürfte damals so um die 12 Jahre alt gewesen sein und war eigentlich deutlich cooler, als es die vorherigen Absätze vermuten lassen. Ich wollte nicht Fußballprofi werden, nicht so richtig jedenfalls (Ich glaube mein Traumjob damals war Tim und Struppi). Wobei ich mir heimlich doch ein klein wenig wünschte, später einmal Freistöße so frech in die Winkel zu schlenzen wie Pablo César Aimar.

Bei mir änderte sich einiges. Ich hörte auf, heimlich unter der Decke Gameboy zu spielen, küsste das erste Mal eine Frau und machte meinen Führerschein. Nur die Kicker, die blieben immer gleich jung. Ich kann mich noch an das Gefühl erinnern, als ich das erste Mal ein Fußballspiel sah, in dem jemand auf dem Platz stand, der jünger war als ich. Fußball konfrontiert Männer das erste Mal in ihrem Leben damit, dass sie älter werden, oder?

Ich bin letzte Woche über ein Buch von Jack Urwin gestolpert. „Boys Don`t Cry“ heißt das. Darin setzt er sich mit den Anfängen und Problemen moderner Männlichkeit auseinander. Aber darum soll es nicht gehen. Nicht jetzt. Aber super Thema!

Jack Urwin war verdammt noch mal 23, als er dieses Buch geschrieben hat. Dreiundzwanzig, verstehst du? Jünger als ich jetzt. Ich habe so lange gedacht, dass ich noch viel Zeit habe. Dass ich jung bin. Dass irgendwann … ach irgendwann, was für ein Mist. Nicht, dass ich mit 23 ein Buch hätte schreiben wollen. Aber verstehst du was ich meine? Ich habe mich wieder ein kleines bisschen so gefühlt wie damals, als der 17-jährige Lukas vor dem Fernseher saß und der 17-jährige Julian Draxler sein Profidebüt feierte. Beide Jahrgang `93.

Aber hey: Es ist 2018 und wir starten einen Blog. Vielleicht sind wir einfach gerne ein paar Jahre hinterher.

Viele Grüße nach Paris, je t’embrasse.

Lukas